02.01.2021 23:00 |

SCHLAGFERTIG

Martin Grubinger: „Neue gemeinsame Einsichten“

Mit jedem Schritt hört man den eigenen Atem. Innerhalb weniger Minuten ist der eigene Geist ganz bei sich. Man findet innere Ruhe und genießt die Stille. Mit den Langlauf-Skiern durch den stillen Wald zu gleiten, ist Meditation pur. Dabei kann man seine Gedanken an diesem naturbelassenen Ort ordnen und neu ausrichten.

Ich hatte einen wunderbaren Start ins neue Jahr. Zuerst eine ausgiebige Langlaufrunde in der malerischen Ramsau, die zweite Rauhnacht mit Weihrauch-Bügeleisen und Rosenkranz-Gebeten – und zu Mitternacht der Donauwalzer. Diesmal habe ich meine Frau schwindlig getanzt.

Am Neujahrstag die Philharmoniker, das Neujahrsspringen in Garmisch, Fußball aus der englischen Premier League und die außergewöhnliche Neujahrsansprache unseres Bundespräsidenten.

Grubi-Herz, was willst du mehr!

Nimmt das neue Jahr in den kommenden 260 Tagen denselben Verlauf, wird es ein Spitzenjahr. Als ich also mit den Skiern durch den Wald am Ramsauer Kulmberg lief, dachte ich an die Idee eines Neuanfangs.

In dieser Kolumne habe ich im letzten Jahr die Arbeit der aktuellen Bundesregierung oft sehr kritisch kommentiert. Dazu stehe ich. Neujahrsvorsätze haben allerdings die Besonderheit, dass man einfach das ungute Gefühl, die Dinge würden sich nicht zum Besseren verändern, hinter sich lassen kann. Ich will in dieses neue Jahr starten und hoffen, dass wir es einfach besser können. Dazu bräuchte es auch die Einsicht, dass sich Dinge ändern müssen.

Der Bundespräsident hat den Weg mit seiner Rede voller Optimismus und einer gehörigen Injektion Mut bereits vorgezeichnet. Doch die Grundvoraussetzung für ein neues „Z’samspün“ ist zuallererst Toleranz.

Diese Kolumne ist oftmals sehr pointiert und durchaus direkt. Ich verspüre wenig Begeisterung für Geschwurbel und verbales Herumeiern. Das erzeugt manchmal heftige Reaktionen und durchaus vitalen Widerspruch.

Und das ist gut.  Wenn mir diese Kolumne eine Erkenntnis geschenkt hat, dann jene, dass man die andere Position gut akzeptieren und trotzdem seinen Weg beschreiten kann. Aber das Zuhören, der Versuch des Verstehens oder auch die Akzeptanz, anderen Meinungen ihren Raum zu lassen, ist unabdingbar. Wenn wir also lernen, mit einem Lächeln den Widerspruch zu begreifen, hätten wir die erste Lektion des Bundespräsidenten bereits erfüllt. Und das schon in den ersten Tagen des neuen Jahres.

Wir leben seit Jahren in einem gesellschaftlich überhitzten Umfeld. Ob das die Diskussion über das Skifahren in Zeiten des Lockdowns ist oder die Randale einiger Jugendlicher in Wien-Favoriten. Sofort nutzt die eine oder andere Seite dies für ihre politische Agenda.

Kein Zweifel, man kann sich selbst davon auch nicht immer frei machen. Aber auf einige Parameter könnten wir uns vermutlich einigen: Wir brauchen einen neu entwickelten Sinn für mehr Gerechtigkeit. Das betrifft alle wesentlichen Säulen unseres Zusammenlebens.

Arbeit und Wirtschaft (Steuern und Löhne), Umwelt (Verantwortung und Lebensgrundlagen für unsere Kinder und Enkel), Soziales (Gefahr einer Drei- Klassen-Medizin), Religion (ein säkularer Staat ohne Feindbilder und mit klarem Wertekompass auf Basis unserer Verfassung), Bildung (wie sehen moderne Schulen und Universitäten aus), Krisenbeseitigung (wie kann unser Staat auf möglichst vielen Schultern gerecht aus der Krise kommen) und Forschung und Innovation (unser zukünftiger Wohlstand muss auf diesem Feld bestellt werden).

Es wird auch in diesem Jahr zu Kontroversen kommen. Wut, Verzweiflung, Trostlosigkeit, Frust. Diese Gefühle werden auch in 2021 nicht verschwunden sein. Wenn wir aber die Kontrolle über unser Zusammenleben zurückgewinnen wollen, werden wir zu neuen Einsichten kommen müssen.  Unsere Aufgabe ist es, mit Würde damit umzugehen. Einen Versuch will ich allemal wagen.

Ihr Martin Grubinger

 Salzburg-Krone
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