07.11.2020 11:13 |

Wiener Wohnungsvergabe

„Nach zwei Jahren Warten habe ich dann aufgegeben“

Mindestsicherung und eine feine Wohnung im Gemeindebau - bevor Kujtim F. zu seinen Waffen griff, um eine blutige Spur durch Wien zu ziehen, ließ er sich sein Leben von den Steuerzahlern finanzieren. Die Bleibe in der Donaustadt erhielt der 20-Jährige im Rekordtempo. Zwei Monate und drei Wochen nach dem Ansuchen hielt er auch schon den Schlüssel in Händen - offenbar durch das sogenannte Jungwiener-Ticket. Unsere Leser sind empört und schildern ihre persönlichen Erfahrungen auf der Suche nach einer Gemeindewohnung. Einige gaben nach Jahren ohne Erfolg auf ...

Gewalttätiger Ex: Ich habe keinen Migrationshintergrund und war immer in Wien gemeldet. Mein fünfjähriger Sohn und ich mussten nach der Scheidung aus der Wohnung des gewalttätigen Ex ausziehen. Auf dem Amt sagte man mir, ich könne ja (mit 38 Jahren) ins Mutter-Kind-Heim ziehen. Die Wohnung des Ex ist so groß, wenn er mich schlägt, kann ich ja in ein anderes Zimmer gehen. (Sabine L. - Name von der Redaktion geändert)

Keine Wohnung für Körperbehinderten: Mein schwer körperbehinderter Sohn (geboren 1990) bekam keine Gemeindewohnung! Wir haben nun aktuell eine Genossenschaftswohnung, erhalten aber keine Mietzinsbeihilfe, weil die Wohnung zu groß ist. Wo sollen aber Rolli, Reha-Buggy, Stehgerät und andere Hilfsmittel abgestellt werden? Allein dafür ist ein Zimmer notwendig. Den behindertengerechten Umbau der Wohnung (Bad, WC, Rampe auf die Loggia) haben wir privat bezahlt. Ich kenne auch Fälle von anderen Behinderten, denen es ähnlich ergangen ist. (Melitta R. aus Floridsdorf)

Aufgegeben: Ich - damals ebenfalls Jungwiener - habe zwei Jahre gewartet und es dann aufgegeben. (Lukas S.)

Taubengitter, Blick auf Gleise, finstere Gasse: Ich könnte echt kotzen, wenn ich die Zeitungsartikel lese, dass alle Jungwiener so schnell eine Wohnung erhalten. Ich kann Ihnen einen reellen Fall übermitteln: Meine Tochter hat am 7.8.2014 die Genehmigung über die Vormerkung einer Gemeindewohnung erhalten. Größe: zwei Räume. Die erste Wohnung wurde ihr am 8.9.2017 (!) zugewiesen. Diese war im zweiten Stock. Vor den Fenstern Taubengitter. Wer will in einer Wohnung leben, bei der Gitter vor den Fenstern sind? Niemand! Die zweite Wohnung wurde ihr dann erst am 25.1.2018 zugewiesen. Diese war in einem anderen Bezirk als gewünscht, mit dem Blick auf Bahngleise und in einer finsteren Gasse, bei der ich meine Tochter niemals alleine am Abend nach Hause gehen lassen würde. (Sabine P.)

„Stand mit einem Bein fast auf der Straße“: Leider muss ich Ihnen meinen Unmut kurz schildern. Im Dezember 2017 trennte ich mich nach 13 Jahren von meinem Lebenspartner und musste aus der gemeinsamen Wohnung rasch ausziehen. Ich holte mir Hilfe bei unserer Gemeinde Wien und suchte um eine Gemeindewohnung an - abgelehnt, denn eine Trennung ist kein Grund für einen Anspruch auf eine Gemeindewohnung. Ich musste einen Kredit beantragen und zitterte Tage um einen positiven Abschluss, um eine exorbitant teure Ein-Zimmer-Wohnung finanzieren zu können. Für eine alleinstehende junge Frau gab es keine Hilfe, ich musste alles alleine machen und stand fast schon mit einem Bein auf der Straße. Gott sei Dank gab mir meine Schwester in dieser schwierigen Zeit ein Dach über dem Kopf! (Jasmine M., Brief wurde der Redaktion mitgeschickt, Anm.)

Langzeitansuchen: Wir haben mit 23 Jahren ein Ansuchen gestellt. Wir sind heute 84 Jahre alt und haben bis heute nie eine bekommen. (Karl K.)

Dieser Jungwiener wartete 3,5 Jahre: Genau am 2.5.2015 reichte ich für meinen damals 17-jährigen Sohn ein. Wir sind echte Wiener und wir meldeten ihn für die Kategorie Jungwiener an. Den Vormerkschein bzw. das Wohnticket haben wir am 4.5.2015 erhalten. Wir warteten und fragten regelmäßig nach, haben allerdings nur unfreundliche Aussagen erhalten. Nach 3,5 Jahren war es mir zu dumm. Selbst der Bezirksvorsteher, den ich einschaltete, konnte oder wollte nicht helfen. Wir suchten in der Privatvergabe und fanden eine liebe Wohnung (Ablöse bezahlt). (Irene G.)

Abgebrannt: Meiner Tochter ist im Jahr 2003 die komplette Wohnung mitsamt Inhalt und allem komplett abgebrannt. Sie selbst hatte Verbrennungen zweiten Grades und stand obdachlos auf der Straße. Sie hat bei Wiener Wohnen um eine Notfallswohnung gebeten und nicht einmal eine solche bekommen! Wie hat Ex-Bürgermeister Häupl einmal gesagt: „Wien ist anders.“ Leider nicht immer nur im Positiven. (Brigitte E.)

Gemeindewohnungsvergabe wird reformiert
Bei dieser Voraussage muss man sich nicht weit aus dem Fenster lehnen: Kathrin Gaál von der SPÖ wird weiterhin Wohnbaustadträtin bleiben. Was auf sie zukommt: eine längst überfällige Reform der Vergabe von Gemeindewohnungen. Dieser Brocken wird auch Teil der rot-pinken Koalitionsverhandlungen sein.

Die Vergabe von Gemeindewohnungen ist nicht mehr zeitgemäß. Der Wien-Bonus - wer länger in der Stadt lebt, wird anderen vorgezogen - von Gaáls Vorgänger, dem heutigem Bürgermeister Michael Ludwig, war ein Schritt in die richtige Richtung. Aber immer noch fehlt bei der Verteilung der Gemeindewohnungen in vielen Fällen die nötige Fairness. Nun soll das Problem endlich angegangen werden. Die aktuellen Verhandlungen der SPÖ mit den Neos über eine gemeinsame Koalition geben beiden Parteien die Möglichkeit, das verzwickte System zu entwirren.

Das sind aktuell die Gründe, um eine Bleibe in einem geförderten Gemeindebau zu erhalten:

  • Jungwiener/innen
  • getrennter Haushalt
  • Überbelag
  • alleinerziehend
  • altersbedingter Wohnbedarf
  • krankheitsbedingter Wohnbedarf
  • Rollstuhlfahrer/in bzw. barrierefreier Wohnbedarf

15.000 Personen warten auf Wohnung
Vor allem in der Kategorie Überbelag könnte es Änderungen geben. Kinderreiche Familien bekommen in vielen Fällen schneller eine Wohnung als Paare mit weniger Nachwuchs. Die Unterschiede sind allerdings sehr oft kulturell bedingt. „Dieser Passus könnte fallen“, erklärt ein Rathaus-Insider. „Damit hätten auch Österreicher mit weniger Kindern wieder eine Chance. Es gäbe eine bessere Durchmischung in den Siedlungen.“ Leider zeigen unsere Leserbriefe auf, dass es in allen Kategorien Schwierigkeiten gibt. Momentan warten rund 15.000 Personen auf eine Wohnung in einem Gemeindebau.

Michael Pommer, Kronen Zeitung

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