18.10.2020 09:00 |

Experten alarmiert

Die Corona-Krise macht viele Steirer depressiv

Experten sind alarmiert: Nach Jahrzehnten rückläufiger Zahlen steigt die Selbsttötungsrate in der Steiermark wieder! Als größte Stressfaktoren gelten Arbeitslosigkeit und fehlende Planbarkeit durch die Corona-Krise. Psychologen und Beratungsstellen verzeichnen vermehrt Anfragen.

„Gegen Jahresende wird für viele Menschen schon in ,normalen’ Zeiten alles recht eng“, sagt Eva Radaelli. Die Tage werden kürzer, die Liste an Terminen wird länger, Stress und Druck wachsen.

Die Corona-Krise wirke nun wie ein Brennglas, meint die Grazer Psychologin und Psychotherapeutin: „Dass es keine Planbarkeit mehr gibt, darunter leiden Jüngere wie Ältere, dazu kommen die Angst vor einer Verschlimmerung der ohnehin schon angespannten Situation sowie Sorgen um die eigene Gesundheit - bei jedem Huster wird man heute ja schon nervös“, so Radaelli.

„Viele fühlen sich eingesperrt“
In der Praxis der 55-Jährigen suchen seit Schulbeginn vermehrt Menschen Rat - Studierende wie Hochaltrige. Letztere Klienten-Gruppe quält Einsamkeit oft ganz besonders: „Viele fühlen sich eingesperrt, haben gar Angst vor Entfremdung“, erzählt die Expertin. Aber nicht nur unbeschwerte Familientreffen oder Zusammenkünfte mit Freunden würden den Menschen fehlen, auch Urlaube als kleine Erholungsinseln, die Sportgruppe oder etwa der Singkreis werden vermisst.

Die Steiermark und Kärnten liegen bei der Suizidrate traditionell an trauriger erster Stelle. 2019 verzeichnete man in unserem Bundesland 201 Selbsttötungen, bundesweit waren es 1113. Zum Vergleich: Im selben Jahr gab es in Österreich 432 Verkehrstote. „Wobei man bedenken muss, dass die Zahl der Suizidversuche noch 10- bis 30-mal höher ist“, sagt Sigrid Krisper, Leiterin der GO-ON Suizidprävention Steiermark. Männer sind laut Statistik dreimal so oft betroffen wie Frauen, altersmäßig zählen 40- bis 50-Jährige sowie Über-70-Jährige zur Hochrisikogruppe.

Selbsttötungen nach Lockdown gestiegen
Nach Jahrzehnten rückläufiger Suizid-Zahlen wird nun wieder ein Corona-bedingter Anstieg befürchtet: „Erste Auswertungen zeigen, dass während des Lockdowns noch keine höheren Zahlen registriert wurden, jedoch geht die Kurve seit August nun klar nach oben. Dies trifft auch auf Depressionen und Angststörungen zu“, zitiert Krisper jüngste Studienergebnisse.

Dass man auf jeden Fall das Gespräch suchen solle, betont die Fachfrau: „Wenn ich bei einem mir nahe stehenden Menschen eine Veränderung wahrnehme, muss ich das direkt ansprechen.“

So helfen Sie dem Nachbarn
Und was, wenn es den alten Herren von nebenan betrifft, wo dies das Verhältnis nicht zulässt? Krisper: „Wir haben in der Steiermark ein breites Hilfsangebot. Suchen Sie die Telefonnummer eines psychosozialen Dienstes heraus und drücken Sie sie ihm in die Hand oder rufen Sie selber an. Es gibt sogar mobile Therapeuten, die gerne zu Ihrem Nachbarn nach Hause kommen - kostenlos!“

Barbara Winkler
Barbara Winkler
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