31.07.2020 06:00 |

Album „Made Of Rain“

The Psychedelic Furs: Gegen den Nostalgie-Zirkus

Fast 30 Jahre nach ihrem letzten Album veröffentlichen die britischen Post-Punk-Legenden The Psychedelic Furs dieser Tage ihr neues Werk „Made Of Rain“. Eine Flucht aus dem Alltagstrott und ein Versuch, zeitgeistige Relevanz zu zeigen, was Richard Butler und Co. insgesamt überraschend kohärent gelingt.

Jede gute Rockstar-Geschichte beginnt mit dem elterlichen Verweis aus den eigenen vier Wänden, weil sie den Lärm der Jugend nicht aushalten. So haben auch Richard und Tim Butler Ende der 70er-Jahre ihre Karriere gestartet - natürlich nicht wissend, wie weit sie schlussendlich führen sollte. 1977, im Jahr, als der Punk sich in Großbritannien endgültig seinen Weg bahnte und psychedelische Rocker wie veraltete Dinosaurier aussehen ließ, haben die beiden Londoner mit willigen Mitstreitern genau jene nur scheinbar unvereinbaren Pole musikalisch zusammengeführt. Anfangs noch unter dem Banner RKO, dann als Radio, kurz als The Europeans und schlussendlich als The Psychedelic Furs. Die Vermischung aus der anarchischen Coolness der damaligen Gegenwart und der traditionellen Musiklehre der Vergangenheit machte die Psychedelic Furs nicht zur coolsten Band, aber zu einer nachhaltigen.

Hollywood-Erfolge
Die großen Erfolge gab es freilich in den 80er-Jahren, wo die Band nicht nur die britische Heimat im Sturm eroberte, sondern auch in den USA für Furore sorgte. Schon das 1981er Album „Talk Talk Talk“, konnte sich konkurrenzfähig in den US-Billboard-Charts platzieren, mit dem Song „Pretty In Pink“ gelang den Furs schließlich endgültig der Übersee-Durchbruch. Davon inspiriert war nämlich niemand Geringerer als John Hughes, einer der kultigsten Hollywood-Regisseure dieses Jahrzehnts, der sich schlussendlich zu seinem gleichnamigen Film verleiten ließ. Dass Richard Butler über die Jahre hinweg öfter bekrittelte, der Film hätte inhaltlich und vom Sinn her wenig bis nichts mit seinem Song zu tun - geschenkt. Ihre krude Mischung aus träumerischen Depeche Mode, frühen Shoegaze-Versatzstücken und einer versteckten Punk-Haltung brachte manteltragende Teenager im Außenseitermilieu kollektiv zum Jauchzen.

Anfang der 90er-Jahre zerschellte die Band an leichten internen Reibereien und vor allem an der Geografie. Einige zog es nach New York, ein paar blieben in England. Richard Butler forcierte seine Solokarriere, wandte sich verstärkt seinem zweiten Steckenpferd, der Malerei, zu, und gründete mit seinem Bruderherz, Richard Fortus und Frank Ferrer Love Spit Love. Die beiden sollen später nicht nur bei Guns N‘ Roses in den größten Stadien der Welt auftreten, sondern zur Reunion der Psychedelic Furs im Jahr 2000 auch Teil der Band werden. Obwohl man seither ohne Unterlass tourt, immer wieder auf mehr oder wenigen großen Festivals auftritt und mit etwas Glück auch die Popkultur der jüngeren Generationen mitprägte, haben die Furs es lange verabsäumt, neue Musik zu schreiben. The Killers, R.E.M. oder auch die Foo Fighters wurden mehr oder weniger deutlich von den Briten geprägt und mit der Aufnahme der 1984er Single „The Ghost in You“ in der Netflix-Erfolgsproduktion „Stranger Things“ waren die Londoner plötzlich auch ein Jugendphänomen.

Überraschungs-Comeback
Es folgte eine restlos ausverkaufte Großbritannien-Tour im Herbst 2019 und weiterer Bildschirm-Ruhm, in dem der 1982er Song „Love My Way“ im Oscar-nominierten Film „Call Me By Your Name“ zum berühmten Einsatz kam. Kam 20 Jahre nach der Reunion waren die Psychedelic Furs also fast schon populärer als in den fetten 80er-Jahren, nur neue Songs waren noch immer nicht in Sicht. Selbst Richard Butler gab in den wenigen Interviews immer wieder mal zu, dass man es langsam leid wäre als vertonter Nostalgie-Zirkus durch die Welt zu fahren und sich nicht noch einmal völlig neu von Kreativität leiten zu lassen. Und fürwahr - 29 geschlagene Jahre nach dem letzten Output „World Outside“ erscheint nun mit „Made Of Rain“ tatsächlich ein 50-minütiger Langspieler, mit dem wohl selbst die treuesten Fans nicht mehr wirklich rechnen konnten.

Inspiriert wurden Albumtitel und Grobkonzept von Brendan Kennellys buchlangem Roman „The Man Made Of Rain“ aus dem Jahr 1999. Musikalisch versucht Richard Butler mit fast gänzlich neuer Mannschaft natürlich die Brücke in die eigene Vergangenheit zu schlagen, ist aber nicht so betriebsblind, dass er sich vor lauter Nostalgie auf halbem Weg verirrt. Produziert vom alten Kumpel Fortus gelingt klanglich eine schöne Reise in die tiefen 80er-Jahre, wo sich Hedonismus, Dunkelheit und abstrakter Glamour die Hand reichen. Besonders gelungen ist dabei die Wahl des Openers. „The Boy Who Invented Rock & Roll“ führt durch den Titel zwar völlig in die Irre, ist aber gleich zu Beginn der wohl kompletteste Moment der Psychedelic Furs in der Gegenwart. Die Gitarren wabern angenehm dissonant, Jazz-Einflüsse lassen Reife erkennen und der Songaufbau ist so trippig geraten, dass man sich die Furs im Studio durchaus auf einem Acid-Trip vorstellen kann.

Weniger wäre mehr
Diese düstere Ästhetik behält die Band im Laufe des Albums nur allzu gerne bei. Wer sich bei den majestätischen Klängen von „Ash Wednesday“ oder in den industriell anmutenden Klangcollagen von „Come All Ye Faithful“ nicht völlig verlieren kann, der hat ohnehin kein Herz für psychedelische Sounderlebnisse. Den Spannungsbogen über die doch recht lange Spielzeit aufrecht zu erhalten, das ist leider das Hauptproblem. Die Single-Auskoppelung „Don’t Believe“ langweilt recht schnell, an die Klarinette und die Geige in „You’ll Be Mine“ muss man sich auch erst gewöhnen. Butlers Stimme ist unverändert intensiv und kann die seligen 80er problemlos reflektieren, aber hätten die Furs auf drei oder eher redundant komponierte Songs verzichtet, würde dem Hörer am Ende des Vergnügens auch nichts fehlen. Knapp drei Dekaden nach dem letzten Lebenszeichen kann das aber schonmal passieren und toleriert werden. Es gab definitiv schon unwürdigere Alterswerke…

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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