25.07.2020 08:00 |

Nichts verpassen!

KW 30 - die wichtigsten Neuerscheinungen der Woche

Musik als Lebenselixier - besonders für das Wochenende, wo man hoffentlich auch Zeit dafür hat. Wir haben für euch wieder die besten Alben und Veröffentlichungen der Woche zusammengesammelt. Quer durch alle Genres ist hier garantiert für jeden was dabei. Viel Spaß dabei!

The Acacia Strain - Slow Decay
Was für ein Widerspruch. Auf dem Albumcover scheint ein Vögelchen zwischen Sonnenblumen zu zwitschern, dahinter tut sich eine Waldlichtung auf, die schwer nach Spätfrühling riecht. Das Album heißt aber „Slow Decay“ und das US-amerikanische Deathcore-Kollektiv knattert eine knappe Dreiviertelstunde im höchsten Aggressionstakt durchs Gebälk. The Acacia Strain sind fließig. In ihren knapp 20 Bandjahren haben sie mittlerweile zehn Alben veröffentlicht, ohne jemals in die erste Genreliga aufgerückt zu sein oder Kompromissbereitschaft gezeigt zu haben. Das ist freilich nicht notwendig, wenn man Brecher wie „Crippling Poison“ oder „The Lucid Dream“ im Köcher hat und dazu noch Gastshouter als allen Ecken und Enden zur Unterstützung bereithält. Alles ein bisschen Schema F, aber handwerklich astrein gemacht. Ballert gewaltig. 7/10 Kronen

Alex Aiono - The Gospel At 23
Zahlreiche Singles und EPs haben schon gezeigt, dass in Alex Aiono ein sehr großes Talent steckt. Der junge Amerikaner startet gerade als Schauspieler auf Netflix durch, vergisst aber keinesfalls seine musikalischen Wurzeln. „The Gospel At 23“ ist nun sein offizielles Debütalbum, auch wenn viele mit einer Länge von 26 Minuten wohl eher von einer etwas längeren EP sprechen würden. Sei’s drum, musikalisch bewegt sich der 24-Jährige in - Nomen est Omen - Gospel- und Soul-Bereichen und glänzt mit viel Melodiegefühl und einer verzaubernden Stimme. Der überzeugte Christ übertreibt es nur gerne allzu sehr mit religiösen Botschaften, das muss man mögen. Ansonsten gibt es an der intensiven Vorstellung wenig auszusetzen. Außer etwas mehr Spielzeit. 7/10 Kronen

Courtney Marie Andrews - Old Flowers
Wer kennt es nicht, das Gefühl völliger Niedergeschlagenheit, hervorgerufen durch eine brutale Trennung, der Unverständnis, Kleinkriege und Verzweiflung vorhergingen. All das durchlebte auch Singer/Songwriterin Courtney Marie Andrews, die ihre Trennung nach einer neunjährigen Beziehung auf „Old Flowers“ im Detail offenbart. Dem Hörer entblößt sich eine harte Tour de Force, die von Niedergeschlagen, Trauer, Wut, Akzeptanz bis hin zur Hoffnung reicht, die früher oder später jeden wieder ins Leben zurückholt. Andrews komponiert dabei vorwiegend am Piano, lässt die Songs reduziert und erinnert dabei an einen Hybrid aus Joni Mitchell, Kate Bush und Angel Olsen - nur eben noch basischer und aufs Wesentliche reduziert. Ein musikalisches Kleinod, das durchaus Schmerzen bereitet. 8/10 Kronen

Angel - A Woman’s Diary: Chapter II
Wer seinen Rock/Metal gerne wuchtig und bombastisch mag, der ist bei Angel goldrichtig. Hinter dem doch eher allgemein gehaltenen Pseudonym verbirgt sich Imperia-Frontfrau Helena Michaelsen, die man wohl noch aus ihrer Zeit bei Trail Of Tears kennt. „A Woman’s Diary: Chapter II“ ist übrigens eine sehr lose Fortsetzung, liegt Teil eins doch beachtliche 15 Jahre zurück. Musikalisch greift Michaelsen mal ganz tief in den metalpoppigen Schmalztopf, versucht sich an sanften Balladen, opulenten Orchestrierungen oder gar im Singer/Songwriter-Bereich. Bei der bunten Gemengelage wird schnell klar, dass sich die Künstlerin in erster Linie selbst verwirklichen wollte und wenig an andere denkt. Das sei ihr freilich unbenommen, als Hörer ist der Ritt durch alle klanglichen Prärien aber manchmal schon ziemlich schwer zu verdauen. 5,5/10 Kronen

Devendra Banhart - Vast Ovoid EP
Der Texaner Devendra Banhart ist einer der spannendsten und interessantesten Singer/Songwriter im grob gefassten Psychedelic-Folk-Bereich. Wer auf handgemacht, entschlackte und vor allem melodiöse Musik steht, kann beim 39-Jährigen eigentlich seit Jahren bedenkenlos zugreifen. Aus den Songwriting-Sessions zum famosen Letztwerk „Ma“ (2019) sind Banhart noch ein paar Songs übriggeblieben, die nicht so ganz zum Gesamtkonzept gepasst haben. Welch feine Preziosen er uns da mehr als ein Jahr lang vorenthalten hat, zeigt sich auf der 4-Track-EP „Vast Ovoid“, die zum Abschluss noch einen von Halado Negro gefertigen Remix der Banhart-Nummer „Love Song“ beinhaltet. Wenn man da nicht Lust auf mehr kriegt… Ohne Bewertung

Becky And The Birds - Trassling EP
Findige Musikkenner wissen, dass Schweden neben England das eigentliche Epizentrum des Pops in Europa ist. Das bestätigt sich immer wieder, vor allem auch, wenn derartige Talente aus den hiesigen Songwriting-Akademien kommen wie Thea Gustafsson, die unter dem Banner Becky And The Birds soeben einen Vertrag beim Indiepop-Label 4AD ergattert hat und mit paralysierend-träumerischen Indiepop-Hymnen aufwarten kann. Mit Jazz- und Soulplatten im Familienhaus aufgewachsen, hat sie sich den Weg von Klassik zu Pop erst bahnen müssen, vielleicht klingen die Songs aber deshalb so gut strukturiert und in gewisser Weise breitentauglich. Bei Songs wie „Wondering“, „Pass Me By“ oder „Do U Miss Me“ hofft man möglichst schnell aufs Debütalbum. Anfang 2021 soll es soweit sein. Ohne Bewertung

Blackballed - Elephant In The Room
New Model Army haben sich ihren Platz in der Musikgeschichte zurecht erarbeitet, Gitarrist Marshall Gil war bei seinem Hauptarbeitgeber aber nicht ausreichend ausgelastet und hat sich vor einigen Jahren mit Blackballed den Traum einer echten Rockband erfüllt. „Elephant In The Room“ ist nun das dritte Album der Manchester-Lads und fügt dem bunten Treiben noch mehr Blues bei als je zuvor. Songs wie „When The Devil Calls“ oder „Flesh And Bone“ wissen im herkömmlichen Classic-Rock-Segment gut zu überzeugen, aber das Rad erfindet die Truppe damit natürlich nicht neu. Blackballed werden Fans von Thin Lizzy, Bad Company oder den Rival Sons dennoch zufriedenstellen, aber um am übersättigten Markt wirklich aufzufallen, dafür ist dieses Album schlichtweg zu wenig. 5,5/10 Kronen

Bombay Bicycle Club - Two Lives EP
Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Da hat uns der Bombay Bicycle Club jahrelang auf die Folter gespannt und ist quasi in der Versenkung verschwunden, nun können sie gar nicht mehr genug kriegen vom Veröffentlichen neuer Musik. Nachdem durchwegs feinen Comebackalbum „Everything Else Has Gone Wrong“ legt man ein gutes halbes Jahr später noch die 4-Track-EP „Two Lives“ nach, die aus drei Akustiksongs und einer „kompletten“ Nummer besteht. Der Titeltrack, der dieses schöne Werk trägt, ist freilich ein Cover von Bonnie Raitt und in der BBC-Version wirklich unwiderstehlich fein gelungen. Bei solch feinen Preziosen wie dieser EP kann man dem Corona-Virus tatsächlich auch ein bisschen dankbar sein. Ohne Bewertung

Nicolas Bougaieff - The Upward Spiral
Mit der EP „On The Brid“ sorgte er letztes Jahr schon erstmals für Schnappatmung bei Fans der harschen Elektroniklehre, nun folgt endlich das heiß ersehnte Debütalbum „The Upward Spiral“, mit dem der Frankokanadier Nicolas Bougaieff wohl gerne vom Stand weg in die Oberliga des Techno einsteigen möchte. Der Wahlberliner aus Québec kann die Berghain-Einflüsse in seinem Industrial-Techno natürlich nicht verbergen, würzt seine Tracks aber geschickt mit Acid House und Gabber, sodass sich die Klangebenen niemals zu stärk ähneln. Vielleicht auch wissenswert: Bougaieff hat die sogenannte „Lemur-App“ erfunden, mit der der deutsche Astronaut Alexander Gerst seinen vielbeachteten Live-Jam mit Kraftwerk aus dem Weltraum machte. 7,5/10 Kronen

Broadside - Into The Raging Sea
Die Vorschusslorbeeren zum Debütalbum „Old Bones“ vor fünf Jahren waren groß. Fachmagazine aus dem Pop-Punk-Bereich sahen im US-Kollektiv Broadside die große Zukunft des Genres, doch in der Gegenwart sieht die Sache wieder etwas nüchterner aus. Auf ihrem dritten Album „Into The Raging Sea“ haben Ollie Baxxter und Co. ihre Linie freilich gefunden. Inhaltlich wird es sehr persönlich, handelt der Frontmann doch seine Kindheit und das Aufwachsen als Halbwaise ab. Musikalisch wird das Pop-Korsett immer größer, Platz für eruptive Ausbrüche werden zusehends seltener, was der Band wahrscheinlich mehr Breitenwirksamkeit bringt, ihr aber auch viele Ecken und Kanten nimmt. „Into The Raging Sea“ ist ehrlich und authentisch, leider aber auch generisch und austauschbar. 5,5/10 Kronen

Cinder Well - No Summer
Hinter dem Pseudonym Cinder Well steckt die Kalifornierin Amelia Baker, die eine musikalisch bunte Vergangenheit ihr Eigen nennen kann. Begonnen hat sie in diversen Anarcho-Punk-Bands, mit Blackbird Raum und Lankum spielte sie auch europäische Underground-Shows und an der Limerick University holte sie sich einen Master-Titel in „Irish Traditional Music Performance“ ab. Genau in diese Kerbe schlägt auch ihr zweites Album „No Summer“ (welch passender Titel!), den sie selbst liebevoll als Doom-Folk bezeichnet und der irische Volkslaute, naturbelassene Wasser-schlägt-an-die-Bucht-Samples und dezenten US-Americana zu einer besonders sanften, aber auch nachdenklichen Brühe vermischt. Aufgenommen wurde das Ganze in einer katholischen Kirche in Washington. Hier regiert Trübsal der elementaren Sorte. 7,5/10 Kronen

Clan Of Xymox - Spider On The Wall
Ronny Moorings, dieser holländische Robert Smith, ist durchaus ein König der Dunkelszene. Mit seiner famosen Dark-Wave-Band Clan Of Xymox sorgt er seit knapp 40 Jahren für glühende Sohlen auf den Gothic-Tanzflächen. Auch qualitativ hat das alles Hand und Fuß, massive Abstürze oder Schwächephasen hat er in seiner Karriere gottlob nicht zu verbuchen. So ist auch „Spider On The Wall“ ein Festmahl für all jene, die zwischen The Cure, den Sisters Of Mercy oder Dead Can Dance ihre musikalische Erfüllung finden. Was die beiden Singles „She“ und „Lovers“ früher im Jahr schon angekündigt haben, kann das Album als Ganzes locker einhalten - man kann sich wunderbar in düsteren Träumen verlieren und sich komplett im dichten Soundnetz fallen lassen. Ein schönes Werk, das gleichermaßen 80er-Nostalgie wie Zeitlosigkeit bedient. 7,5/10 Kronen

Shirley Collins - Heart’s Ease
38 Jahre lang hatte Shirley Collins kein Album mehr aufgenommen, bis sie plötzlich wieder Lust dazu verspürte und - Überraschung! - auf dem Indie-Label Domino Records vor vier Jahren „Lodestar“ veröffentlichte. Angestachelt vom Erfolg und dem zugebilligten Respekt gibt es mit „Heart’s Ease“ jetzt noch einen Nachschlag, der angesichts ihrer stolzen 85 Jahre so nicht mehr zu erwarten gewesen wäre. Mit einer beeindruckend intensiven Stimme, viel Herzblut und einer wunderbaren instrumentalen Begleitung nimmt uns Collins mit auf eine Reise durch die Dekaden, die zwischen Nostalgie und Gegenwart pendelt. „Heart’s Ease“ vermittelt ein warmes Gefühl der Beständigkeit und der Ruhe. Nicht die unwichtigsten Dinge in einer gehetzten Gesellschaft wie heute. 7/10 Kronen

Cub Sport - Like Nirvana
2020 ist ein gutes Jahr, um sich zu öffnen und sein Innerstes hervorzukehren. Das haben schon viele Künstler und Bands mit bewundernswerter Offenheit gemacht, der Australier Tim Nelson ist der nächste. Seine hierzulande sträflich unterbewertete Art-Pop-Band Cub Sport ist ohnehin schon eine der spannendsten Combos dieses Planeten, mit „Like Nirvana“, dem vierten Album, begibt sich das Kollektiv Brisbane jetzt auf „All In“-Pfade - und räumt souverän ab. Seit Nelsons Outing vor drei Jahren ist Cub Sport mehr denn je eine Band für Gleichberechtigung, Toleranz und Offenheit und gießt diese wichtigen Attribute in einen träumerischen Sound, der zwischen Jazz, Bilderbuch-Pop und Perfume Genius keine Grenzen kennt. Man möge der Band nun endlich den Erfolg angedeihen, den sie verdient! 8,5/10 Kronen

Deep Dyed - Deep Dyed EP
Hamburg, meine Perle. Auch und vor allem musikalisch seit jeher ein Hort hoher Qualität und spannender Projekte, was sich bei Deep Dyed nahtlos fortzusetzen scheint. Deren selbstbetitelte Debüt-EP steckt voller Lo-Fi-Indie-Preziosen und braucht den Vergleich mit etablierteren Vertretern des Genres keinesfalls zu scheuen. Die späten 60er- und seligen 70er-Jahren haben es den Norddeutschen vor allem angetan. Die Atmosphäre der Doors, die Struktur von Velvet Underground und die Experimentierfreudigkeit eines Captain Beefheart paart sich gerne mit der Lockerheit der Pixies und dem Außerseiterdenken von Sonic Youth. Deren Aggressivität erreicht man aber bewusst nicht, denn eine sanft-träumerische Stimmung ist der Truppe zu jeder Zeit wichtig. Da kann gerne mehr kommen. Ohne Bewertung

Defeated Sanity - The Sanguinary Impetus
Da das Debütalbum aus dem Jahr 2004 resultiert, würde man es womöglich nicht vermuten, aber die Berliner Defeated Sanity sind richtig alte Hasen im Death-Metal-Business. Bereits 1993 gegründet gab es seither in ziemlicher Beständigkeit feste Faustwatschen zwischen die Ohren. Das Trio gibt sich nämlich nicht mit herkömmlicher Kost zufrieden, sondern serviert köstlichen Brutal Death Metal, der sich (wie etwa in Songs wie „Imposed Corporeal Inhabitation“) auch gerne mit höchster technischer Finesse paart. Dass die Produktion gar so stumpf ausgefallen ist, muss anno 2020 zwar wirklich nicht sein, kann aber wohl als Stilmittel angesehen werden. Zwischen dem wilden Gebolze und schwindelerregenden Griffbrettsausereien bleibt wenig Zeit zum Durchatmen - was ganz im Sinne der Band sein dürfte. 7/10 Kronen

Delta Sleep - Soft Sounds
Nachhaltige Konzepte bekommen auch in der Musikwelt immer höheren Zuspruch. Delta Sleep etwa produzieren ihr Album „Soft Sounds“ nur so oft, wie es physisch auch wirklich bestellt wird. Bravo! Da aus den großen Plänen, die Welt zu betouren nichts wurde, haben die Indie-Rocker aus Brighton in den Quarantäne-Monaten in ihren Archiven gegraben und hier eine Scheibe zusammengestellt, die aus vornehmlich akustischen Songs besteht, die in Paris, Tokio, Brooklyn oder Dallas während der Reisen entstanden sind. Die Erlöse der Einnahmen gehen übrigens zur Gänze an die „Black Lives Matter“-Bewegung. Und das nächste reguläre Studioalbum der eifrigen Musiker kommt ja auch bestimmt. Ohne Bewertung

Katie Dey - Mydata
Das Zwischenspiel zwischen Realität und Fiktion ist mitunter nicht immer leicht zu eruieren. Das weiß auch die australische Experimental-Pop-Künstlerin, die sich auf ihrem vierten Album „Mydata“ Gedanken darüber macht, wie man analoge Emotionen im virtuellen Zeitalter am besten übermittelt und vermittelt. Ein thematisch progressiver Ansatz, mit dem sie sich - die durch das Internet zu größerer Bekanntheit gelangte - auch kritisch mit sich selbst auseinandersetzt. Immer wieder lässt sie trotz all der Elektronik und Experimentierfreude aufblitzen, dass der Korpus von allem ihre fragile Stimme und Fertigkeiten auf einem herkömmlichen Piano sind. Das bringt auch den Hörer zum Nachdenken und Reflektieren, schließlich entkommt der modernen Realität ohnehin niemand. Pop mit Anspruch. 7,5/10 Kronen

Ecostrike - A Truth We Still Believe
So muss das knallen! Ecostrike sind seit einigen Jahren einer der heißesten Tipps im US-Hardcore und legen nach einer Demo und den beiden EPs „Time Is Now“ (2016) und „Voice Of Strength“ (2018) nun endlich das heiß ersehnte Debütalbum vor. Die überzeugte Straight-Edge-Band ballert in nur 20 Minuten mit fetten Breakdowns und aggressiven Shouts alles nieder, was nicht sofort aus dem Weg geht. Die seligen 90er-Jahre mit Bands wie Earth Crisis, Strife, Unbroken oder Indecision haben die Amerikaner offenbar mit der Muttermilch aufgesaugt, denn nicht nur das Songwriting schreit nach Nostalgie, sondern auch die basische und dennoch druckvolle Produktion. Songs wie „Another Promise“, „A Better Way“ oder „Count Me Out“ bitten ähnlich wie Terror sofort in den Moshpit, um dann Wirbelsäulen zu knacken. So muss das knallen! 8/10 Kronen

Fides Inversa - Historia Nocturna
Gionata Potenti ist einer der buntesten Gestalten der italienischen Black-Metal-Szene und in gefühlt 8222 Projekten beteiligt. Eine seiner herzhaftesten ist Fides Inversa, für das er unlängst seinen Freund und Darvaza-Bandkumpel Luctus aka Wraath als Sänger verpflichten konnte. Der gibt dem ersten Album nach sechs Jahren auch seinen unverwechselbaren Anstrich, wird er in punkto Mimik, Gestik, Fuck-Off-Attitüde und Kompromisslosigkeit nicht umsonst als Nachfolger von Mayhem-Legende Dead gehandelt. „Historia Nocturna“ ist eine rifflastige Hassplatte, die sich einen Dreck um Trends schert, sondern mit viel Authentizität und Herzblut ganz tief in den Innereien des Genres rührt, um eine möglichst kalte Atmosphäre zu vermitteln. Natürlich, Darvaza sind besser, aber Fides Inversa sind der angenehme Gegenpol zur sommerlichen Leichtigkeit. 7,5/10 Kronen

Gaerea - Limbo
Der Black-Metal-Underground in Portugal brodelt gewaltig, das ist nichts mehr Neues. Immer wieder verschaffen sich Bands aus den morschen Untiefen des Genres Zugang zur Öffentlichkeit, bei Gaerea ist das etwas anders. Mit klassischer Sack-über-den-Kopf-Maskerade, viehischem Geblaste und einer unheimlich druckvollen Produktion ist das Zweitwerk „Limbo“ nun der Angriff auf die Genre-Champions-League. Gaerea verirren sich zu keiner Zeit im hanebüchenen Trve Metal, sondern überzeugen mit Songwriting und Ideenreichtum. Es gibt quälende, an den DSBM anlehnende Schmerzensschreie, wilde Blastorgien, zurückgelehnte Verschnaufpausen und klirrend-kalte Gitarrenabfahrten. Ein bisschen von allem, aber so geschickt verknüpft, dass alles andere als eine verheißungsvolle Zukunft eigentlich gar nicht möglich ist. Mgla und Behemoth lassen grüßen. 8/10 Kronen

Gösta Berlings Saga - Konkret Musik
Die Briten Portico Quartet zeigen immer wieder beeindruckend vor, wie man mit rein instrumentaler Musik so viel Atmosphäre erschaffen kann, dass ein Sänger erst gar nicht fehlt. Seit mittlerweile exakt 20 Jahren sorgt auch Gösta Berlings Saga für ein rein instrumentales Vergnügen, indem man sich zwischen Prog Rock, epischen Synthie-Flächen und partiell eingestreuten Ausruhphasen bewegt. „Konkret Musik“ versammelt mit zwölf Songs so viele wie nie zuvor auf einem Album der Stockholmer, doch das bewusste Konzentrieren auf kürzere und knackige Tracks steht ihnen mehr als gut zu Gesicht. Vor allem die innovativen 70er-Jahre leuchten - mit zeitgemäßer Produktion - immer wieder hervor und sorgen für ein wohliges Gefühl. Mission gelungen! 7/10 Kronen

Morgan Harper-Jones - Breathe EP
In intensives Stimmtimbre und die gefühlte Weisheit einer weit Gereisten, die bereits viel erlebt hat - mit ihren zarten 23 Jahren zeigt sich die aus Rochdale stammende Morgan Harper-Jones als großes Versprechen für die Zukunft. Auf ihrer EP „Breathe“ verbindet sie insgesamt vier Songs, die mit großer Selbstsicherheit zeigen, dass hier ein ganz besonders zartes Pflänzchen fruchtbar heranwachst. Der leicht mit Autotune verschobene Pop auf „Lie To Me“ oder das fast schon an ein Folk-Lagerfeuer erinnerndes „Breathe“ zeigen auf, dass Harper-Jones keine Berührungsängste hat und gerne querbeet experimentiert. Singer/Songwriter-Kunst, die sich nicht hinter vorgeschobenen Nostalgie-Vorhängen versteckt, sondern bewusst den Pfad in die Moderne nimmt. Ohne Bewertung

Jon Hassell - Seeing Through Sound
Die Erforschung neuer Klangsphären und das bewusste Vermischen scheinbar unvereinbarer Stile hat sich Jon Hassell schon zeit seines Lebens zum Auftrag gemacht. In den 60er-Jahren kooperierte er sehr erfolgreich mit Terry Riley und La Monte Young, im folgenden Jahrzehnt kreierte der passionierte Trompeter die „Forth World Music“, die noch heute nachhallt. „Seeing Through Sound“ ist im Prinzip ein direktes Nachfolgewerk zum 2018er-Album „Listening To Pictures“, auf dem er bewusst Klänge manipuliert und neu geordnet hat. In seinem multidimensionalen Universum war noch ausreichend Platz, um aus dem vorhandenen Material ein zweites Album zu machen und dabei hemdsärmelige Musik mit Elektronik zu verknüpfen. Ein weiterer wegweisender Schritt in Hassells beeindruckender Vita. 6,5/10 Kronen

Howling - Colure
Die hier vorliegende Kooperation ist eine ganz besondere. Howling bestehen zu einer Hälfte aus dem australischen Sänger RY X und zur anderen Hälfte aus dem deutschen Klangkünstler Frank Wiedemann. Mit ihrem Debütalbum „Sacred Ground“ eroberten sie vor fünf Jahren die Herzen der Fachpresse im Sturm. Grund dafür? Die eklektische musikalische Mischung aus zwei entgegengesetzten Welten. Einerseits die warme und seelenvolle Stimme von RY X, andererseits Wiedemanns technoid-elektronische Beatstafetten, die sich auf „Colure“ wieder einmal wunderbar selbstlaufend an die vokale Leistung anschmiegen. In mehr als einer Stunde entführen Howling den Hörer damit in eine Welt der Elektronik, die aber von Schönheit und Zugänglichkeit durchzogen ist. Wenn man denn endlich wieder darf, sollte das vor allem live für geile Cluberlebnisse sorgen. 7,5/10 Kronen

Judicator - Let There Be Nothing
Woran sich vor allem die jüngere Generation nicht immer erinnert ist die Tatsache, dass Power Metal früher auch einmal etwas anderes war, als der mit Bombast überladende Kitsch, den uns Bands wie Powerwolf und Co. heute suggerieren wollen. Bei Judicator stimmt die Ausrichtung, denn sie setzen auf Melodien, gewinnendes Songwriting und einen Spannungsbogen, der nicht immer nur nach Rhythmus Schema F folgt. Die zwei Gründungsmitglieder haben sich bei einem Konzert von Blind Guardian kennengelernt, wollten ihren deutschen Idolen ursprünglich nacheifern, haben sich mit dem mittlerweile fünften Album „Let There Be Nothing“ eine eigene Karriere herausgeschält. Konzeptionell gibt es um einen byzantinischen General, der römische Territorien erobert. Bildungsauftrag auch erfüllt. Kann man so stehenlassen. 6,5/10 Kronen

LaBrassBanda - Danzn
Na endlich. Im Jahr 2020, wo so gut wie alles danebengeht und man sich auf gar nichts verlassen kann, weil sich die Welt scheinbar gegen alles wehren will, was sich auf ihr befindet, braucht es viel mehr positive Musik. LaBrassBanda, dieses Tuba-Ska-Spaß-Kollektiv vom Chiemsee lässt uns zum Glück nicht im Stich und legt mit „Danzn“ ein mehr als würdiges fünftes Album vor - genau dann, wenn es am Dringendsten benötigt wird. Die Welttournee aus 2018 hat bei Stefan Dettl und Co. jedenfalls bleibende Eindrücke hinterlassen, denn mehr denn je bewegen sich die Oberbayern ist fast allen Bereichen, die funky sind. Moderne Volksmusik, Techno, Reggae, etwas Hip-Hop und gediegener Soul haben Platz, die Texte sind leichtfüßig und motivierend. Daneben ist auch genug Platz für Sozialkritik und Politisches. LaBrassBanda bleiben in ihrer Liga einzigartig. 7,5/10 Kronen

Jessy Lanza - All The Time
Anfang März, als die Welt noch in Ordnung war, hatte das famose Grazer Elevate Festival das große Glück, als das wohl letzte landesweit einen geordneten Betrieb über die Bühne gebracht zu haben. Im stets kundigen Line-Up fand sich auch die Kanadierin Jessy Lanza, die auf dem UK-Label Hyperdub nun ihr heiß ersehntes drittes Album „All The Time“ vorlegt, das ein weiteres Mal die Pop-Genialität der Künstlerin beweist. Vor allem die instrumentale Detailverliebtheit und der filigrane, aber unglaublich perfekt austarierte Sound sucht im Pop-Business dieses Jahr seinesgleichen. Den Hit-Faktor der Songs hat sie dafür zurückgeschraubt, manchmal haucht Lanza die Wörter auch nur zart in die elektronischen Soundkaskaden. Pop-Musik fernab des Mainstreams muss dennoch genau so klingen. Ein wundervolles Werk, bei dem man immer wieder neue Details findet. 8/10 Kronen

Make Them Suffer - How To Survive A Funeral
Als Band in einem relativ eng gesteckten Genre hat man irgendwann zwei Möglichkeiten: a) man bleibt darin verhaften und wird zu einer Art AC/DC der harten Zunft. b) man sucht die wenigen Möglichkeiten, um auszubrechen und wagt. Im Falle der Australier trifft der Spruch „wer wagt, gewinnt“ durchaus zu. Das wegen Corona um gut zwei Monate nach hinten verschobene „How To Survive A Funeral“ zeigt das Quintett noch experimentierfreudiger als auf dem 2017er-Vorgänger „Worlds Apart“. Neben dem üblichen Geballer und Geschrote bleibt auch Platz für Elektronik, für mathematisch angehauchten Post-Hardcore und für - durchaus verzichtbare - Clean-Vocals, die der Aggressivität aber nie ihren Drive nehmen. Nicht alles ist Gold, was glänzt, aber Make Them Suffer führen den Deathcore doch adäquat ins 21. Jahrhundert. 7/10 Kronen

Martina Marx - Der geilste Fehler
In der Kindheit Musicals und der Schulchor, dann erste Auftritte mit einer Coverband, die Teilnahme bei „The Voice Of Germany“ 2016, eine Tour als Support von Feuerherz und letztes Jahr die Single „One Night Stand“, mit der sie auf YouTube schnell die Millionengrenze knackte. Der Karriereverlauf der 30-jährigen Ulmerin Martina Marx ging vielleicht nicht rasant, aber behände nach oben. Nun erscheint endlich ihr lang ersehntes Debütalbum „Der geilste Fehler“, auf dem sie Schlager und Pop so gut vermischt wie ihr großes Idol Helene Fischer. Dass auch Ben Zucker gerne in ihrer Anlage rotiert beweist ihr oft gequält klingende, tiefe Stimme. Perfektes Futter fürs Zielpublikum, das vor allem textlich oft stark ins Frivole geht und auf die jüngeren Semester abzielt. 6,5/10 Kronen

Conor Matthews - Heartbreak In The Hills EP
Gar nicht so leicht, sich künstlerisch zu emanzipieren und seinen Weg zu gehen, wenn man familiär in der Finanzbranche steckt. Für Conor Matthews war genau das im eher wenig mondänen Illinois die Motivation, um zu eigenen Ufern aufzubrechen. Mit sieben lernt er Keyboardspielen, als 13-Jähriger beginnt er Songs zu schreiben, die seinen beiden großen Lieben Country und Southern Rock gerecht werden sollen. Es folgte der Umzug nach Nashville, Kontakt zu Keith Urban und ein Vertrag beim Branchenriesen Warner. Eine Bilderbuchkarriere, die nun zur EP „Heartbreak In The Hills“ mündete, auf der sich Matthews wesentlich poppiger und Mainstream-tauglicher präsentiert. R&B und Pop statt Country und Rock - das muss man nicht mögen, sorgt aber sicher für die größeren Erfolge. Das Songmaterial passt jedenfalls. Ohne Bewertung

Lori McKenna - The Balladeer
Musikalisch war Lori McKenna 2000 als 32-Jährige mit ihrem ersten Album ein Spätstarter, doch seitdem ist sie nicht mehr aus der amerikanischen Country- und Singer/Songwriter-Szene wegzudenken. Mittlerweile ist sie zwei Grammys schwer, hat bei Lady Gagas Film „A Star Is Born“ mitgeschrieben und gilt allgemein als eine der besten Songwriterinnen, die Stars wie Little Big Town, Miranda Lambert oder Tim McGraw Top-Songs auf den Leib geschrieben. Auf „The Balladeer“ legt sie es selbst persönlich an und erzählt in meist sehr sanften Nummern bereitwillig von Erfahrungen und Erlebnissen im familiären Bereich. Das ist alles wenig innovativ, aber handwerklich einwandfrei gemacht und wird das Zielpublikum freudig jauchzen lassen. 7/10 Kronen

MisterWives - Superbloom
„Never fuck the company“ ist ein beliebter Spruch, dem einen Arbeitskollegen um die Ohren werfen, wenn eine firmeninterne Beziehung in die Brüche gegangen ist. Bei den kalifornischen Indie-Poppern MisterWives, die sich als Vorband der Twenty One Pilots, Panic! At The Disco oder Foster The People bekannt gemacht haben, trennten sich Frontfrau Mandy Lee und Drummer Etienne Bowler, was für die Band vor den Aufnahmen zu „Superbloom“ eine ganz neue Situation darstellte. Diese Situation wurde natürlich auch verarbeitet, doch das mit unglaublichen 19 Songs bestückte Werk präsentiert in erster Linie schon die Stärken der Band: optimistische, melodische Pop-Hymnen, die immer stärker gen Mainstream gehen, ohne nach Ausverkauf zu riechen. Anspieltipps: „Ghost“ oder „It’s My Turn“. 7,5/10 Kronen

Money Boy - Feed The Skreetz
Dass Sebastian Meisinger aka Money Boy der größte Innovator der heimischen Rap-Szene ist, ist seit mittlerweile knapp zehn Jahren kein Geheimnis mehr. „Feed The Skreetz“ ist schon das zweite Mixtape innerhalb von wenigen Monaten und zeigt den Wiener in 19 Tracks einmal mehr in Hochform. Im Direktvergleich zu den letzten Releases sind die Beats härter, auch bei den keinesfalls jugendfreien Texten hat der Boi einmal mehr nachgeschärft, um den Hörer möglichst dauerhaft in seine Welt zwischen Bitches, Louis V und dem Maybach zu ziehen. „Moncler im Winter“, „Shoppen in Paris“, „Trappen & Stacken“ oder „Body wie ein Mazerati“ - hier ist alles möglich. Denn der Boi ist wie „Arctos, der Polarboss“. Skreet-Credibility: 100! 8/10 Kronen

Morse, Portnoy, George - Cover To Cover Anthology (Vol. 1-3)
Neil Morse von Spock’s Beard und Solokünstler, Dream-Theater-Drummer-Legende Mike Portnoy, sowie Bassist und Keyboarder Randy George, langjähriger Freund beider Stars, sind drei besonders profunde Musiker, die vor allem dem Prog Rock über Jahre hinweg ihren unverkennbaren Stempel aufdrückten. Weil Freundschaft gut, in der gemeinsamen Freundschaft musizieren aber noch besser ist, hat man sich über die Jahre hinweg aus reinem Spaß an der Sache an großen Hits noch größerer Künstler vergriffen. Über Inside Out Music erscheint dieser Tage ein knapp dreistündiges Paket mit bekannten und auch neuen Cover-Versionen, die von U2 und Paul McCartney über David Bowie und den Bee Gees bis hin zu Tom Petty und King Crimson reichen und die Musikgeschmäcker aller drei kongruent vereint. Kann man auch wunderbar nebenbei hören, dieses schöne Teil. Ohne Bewertung

The Naked And Famous - Recover
In den letzten beiden Jahren hat es im Karton der Indiepop-Institution The Naked And Famous ordentlich im Karton gerappelt. Innerhalb kürzester Zeit blieben nur mehr Alisa Xayalith und Thom Powers übrig, der Rest zog weiter. Wenn man dann auch noch sehnsüchtig daran zurückdenkt, wie die Band auf ihrem Debüt „Passive Me, Aggressive You“ und Singles wie „Punching In A Dream“ vor exakt zehn Jahren von Neuseeland aus die Welt eroberte, wird man wehmütig. Qualitativ wurde man über die Jahre immer schlechter, ob der Umzug nach Los Angeles wirklich dienlich war, bleibt zu hinterfragen. „Recover“, das vierte Studioalbum, wurde wieder in Auckland aufgenommen und ist - wohl auch aufgrund der Besetzungswechsel - besonders persönlich und emotional ausgefallen. Musikalisch sind leichtfüßige Songs wie „Everybody Knows“ oder „Easy“ wieder ein qualitativer Schritt zurück, aber zu altem Glanz fehlt leider noch immer viel. Dennoch: weiter so! 7/10 Kronen

Neck Deep - All Distortions Are Intentional
Pop-Punk ist wieder da, das ist längst kein Geheimnis mehr. Seit den Glanzzeiten von Blink-182, Sum 41 und Co. florierte das Genre nicht mehr so wie heute. Selbst prinzipiell stilfremde Künstler wie Yungblud oder Machine Gun Kelly fühlen sich im Teenagersound-Segment mehr als wohl. Die Waliser von Neck Deep haben sich über die letzten Jahre ohnehin an die Spitze des Genres gespielt und ändern an ihrem groben Erfolgsrezept auch auf „All Distortions Are Intentional“ relativ wenig. Als Produzent hat man dieses Mal Matt Squire (Ariana Grande, One Direction) ins Boot geholt, die mit nasaler Stimme vorgetragenen Songs pendeln zwischen Teenage Angst und klingen dabei ähnlich wie All Time Low oder You Me At Six. Das Album dreht sich konzeptionell um eine fiktive Welt, in der zwei Charaktere alle Höhen und Tiefen einer Romanze durchleben. Also eh alles wie vor 20 Jahren - nur wunderbar für die neue Generation aufgemacht. 7,5/10 Kronen

Neon Trees - I Can Feel You Forgetting Me
Die Homosexualität und das Outing von Frontmann Tyler Glenn prägten das Jahr 2014 und das dazugehörige Album „Pop Psychology“ der Neon Trees, die ein paar Jahre davor mit dem Song „Animal“ auch die österreichischen Charts eroberten. Nach vielen Therapien und einem harten Selbstfindungsprozess gingen Künstler und Band stärker daraus hervor, seither ist aber dennoch wenig passiert. „I Can Feel You Forgetting Me“ ist zwar das erste Album nach sechs Jahren Wartezeit, knüpft aber dennoch tadellos und direkt an den alten Sound an. Nostalgische Disco-Beats, leichte Rock-Versatzstücke und unwiderstehlich Pop-Hymnen, die mal mehr nach Indie, mal mehr nach Mainstream klingen. Ein feines Comeback, das in knapp mehr als 30 Minuten eigentlich alles sagt, was man wissen muss. Welcome back! 7,5/10 Kronen

Night In Gales - Dawnlight Garden
Immer wieder frohlockt sie, die Nostalgie. In meinem Fall bei der bloßen Erwähnung des Bandnamens „Night In Gales“, die Ende der 90er-Jahre aus Nordrhein-Westfalen ein mitteleuropäisches Göteborg erschufen und ihren Death Metal mit beneidenswerter Melodielastigkeit würzten. Die Band verschwand leider lange im Untergrund, das Genre ist fast ausgestorben. Doch „Dawnlight Garden“ ist das zweite Werk nach dem „Comeback“ 2018 und führt geradewegs in die selige Vergangenheit zurück. Profundes Songwriting, hymnische Gitarrenlinien und eine wuchtige, aber angenehm zeitlose Produktion überzeugen auf dem Werk, das sich nicht umsonst zwischen At The Gates, Dark Tranquillity und Unanimated einordnen lässt. Danke dafür! 7,5/10 Kronen

Planningtorock - PlanningtoChanel EP
Jam Rostron ist ein bunter Szenehund und als Gender-Queer Songwriter, Komponist und Regisseur Planningtorock eine qualitativ hochwertige und kreative Kultfigur. Wie passend, dass unlängst eine Kooperation mit dem französischen Modelabel Chanel zustande gekommen ist, aus der nun die famose EP „PlanningtoChanel“ resultiert. Sounddirektor Michel Gaubert, ein langjähriger Arrangeur für Chanel, erarbeite mit Rostron ein paar wunderbare Remixe und Disco-Tracks, die leichtfüßig, sommerlich und vor allem Club-tauglich ins Ohr gehen. Die Inspiration von Clubtracks aus den discoesken 70ern und dekadenten 80er-Jahren hört man famosen Tracks wie „Drama Darling“ und „Jam Fam“ zu jeder Zeit an. Synthies und Bass werden dabei angenehm dezent eingesetzt, was dem Ganzen sehr gut zu Gesicht steht. Starkes Teil! Ohne Bewertung

Primal Fear - Metal Commando
Im deutschen Power Metal sind Primal Fear eine Konstante über viele Jahre, die mal mehr oder weniger gute Alben veröffentlicht hat, der es aber niemals gelang, den wirklich großen Wurf zu landen, dafür aber auch keinen großen Stinker ablieferte. „Metal Commando“ (Klischee olé) ist die Rückkehr zum Branchenprimus Nuclear Blast und tatsächlich eine Platte, die sich vor den Bestleistungen in der eigenen Diskografie nicht verstecken muss. Treibende, oft an Judas Priest erinnernde („Howl Of The Banshee“) Riffs von Mat Sinner und die famose, in allen Tonlagen funktionierende Stimme von Ralf Scheepers bilden das Gerüst für die Songs, die teilweise sogar über die 13-Minuten-Marke hinausragen. Eine mehr als runde Sache, die zwar noch immer nicht in der Champions League ist, aber seinen Zweck mehr als erfüllt. 7,5/10 Kronen

Otis Sandsjö - Y-Otis 2
Wer sagt, dass Jazz nicht auch modern sein und junges Klientel begeistern kann? Der Schwede Otis Sandsjö posiert auf dem Cover von „Y-Otis 2“ wie eine Mischung aus Beck, Kurt Cobain und Elliott Smith, nennt seinen Sound „Mauerpark Liquid Jazz“ und bemüht sich auch sonst redlich, sämtliche Versteifungen des Genres von vornherein zu lösen. Der passionierte Saxofonist kümmert sich dieses Mal auch um die Klarinette, hat sich zwei Flötisten zur Verstärkung ins Boot geholt und zelebriert seine Form von Jazz entspannt, möglichst nachvollziehbar und - tatsächlich - jugendlich. Dabei kreuzt er auch Hip-Hop und New Wave, lässt in seinem Berlin-inspirierten Sound keine Mauer heil stehen und wird dabei niemals redundant oder fad. Ein Album für Feinschmecker, das seine Schönheit aber in den richtigen Momenten entfaltet. 7/10 Kronen

Skullcrusher - Skullcrusher EP
Es ist gar nicht so einfach, nach Skullcrusher zu recherchieren und dabei nicht automatisch in die wildesten Ecken des Extreme Metal zu geraten. Ob Helen Ballantine bei der Wahl ihres Pseudonyms daran gedacht hat? Wohl kaum, aber die Zeichen stehen gut für eine erfolgreiche Karriere abseits schnöder Vergleiche. Derart sanften Indie-Folk mit Slacker-Attitüde kann man eben nur in Nordamerika fertigen, denn zwischen grungiger Akustikgitarre und zärtlichen Piano-Spuren thront Skullcrushers filigrane Stimme, der man gleichermaßen Schlaflieder als auch explosivere Momente glaubwürdig abkauft. Geschrieben hat sie die drei Songs samt Interlude während einer Phase der Arbeitslosigkeit. Man wünscht der Kalifornierin aber schnell, dass es bald mit der Musik klappt. Ein wundervolles Kleinod der melancholischen Sorte. Ohne Bewertung

Spirit Possession - Spirit Possession
Na aber hallo, was ist denn das für ein viehisches Gerumpel? Spirit Possession sind eine US-amerikanische Black-Metal-Band, die alles, wirklich alles versucht, nicht zeitgemäß, druckvoll und geordnet zu klingen. Das Duo aus dem Kreativsumpf Portland in Oregon hat sich schon in Undergroundbands wie Ormus, Asubha oder Pandiscordian Necrogenesis ausgetobt und würzt Versatzstücke all dieser unterschiedlichen Projekte so schonungslos in den großen Topf Spirit Possession, das eigentlich auch nichts anderes als dieser rohe Bastard daraus schlüpfen könnte. Das Gebolze ist mit derart viel Rock’n’Roll (etwa in „Twin Tongued Pathways“ oder „Swallowing Throne“) durchzogen, dass selbst der Leibhaftige ein Anstandstänzchen im Fegefeuer wagen würde. Zwischen Venom, Celtic Frost und Hellhammer ist auch 2020 noch ein Sitzplatz frei. 7,5/10 Kronen

Under The Reefs Orchestra - Under The Reefs Orchestra
Manchmal trifft der Bandname schon so ins Schwarze, dass zusätzliche Erklärungen eigentlich völlig umsonst sind. Under The Reefs Orchestra ist ein dreiköpfiges Instrumental-Gespann aus Brüssel, das sich klanglich tatsächlich im tiefen Ozean wähnt und mit großer Detailverliebtheit Jazz, Post-Rock, Psychedelisches, Art-Rock und ein nautisches Gefühl der romantischen 50er-Jahre zusammensetzt. Mastermind Clement Nourry geht es vor allem darum, durch den Zusammenbau verschiedener Klangsphären eine neue Welt zu entdecken. Ohne Vorsatz und großen Plan wurde an die Sache rangegangen, das Ergebnis ist ein wundervolles Klangkonstrukt, das zum Träumen verleiht und Sehnsucht aufs Maritime macht. 7,5/10 Kronen

Valkyrie - Fear
Majestätische Rhythmen, die sich nur selten dafür entscheiden Hard Rock oder Heavy Metal zu sein - das zeichnet die Songs der US-Amerikaner Valkyrie in erster Linie aus. Für ihr neues Album „Fear“ haben sie nicht weniger als fünf Jahre gebraucht, das Ergebnis kann sich aber hören lassen. In Songs wie „Feeling So Low“ oder „Loveblind“ hört man die dazugewonnene Liebe für traditionellen Southern Rock heraus, aber der Grundstock bleiben immer noch bleischwere Melodiewalzen, die sehr stark an Mastodon, Trouble, Pentagram und die Urväter Black Sabbath erinnern. Für Stoner Rock ist das zu wenig cool, für reinrassigen Doom Metal zu fluide - aber genau das lässt Valkyrie auch aus dem Wulst des Mitbewerbs hervorstechen. Ein gutes Werk! 7/10 Kronen

Gunther Wüsthoff - Total Digital
Krautrock-Fans erinnern sich natürlich gut an den legendären Gunter Wüsthoff, der die Kultband Faust 1971 gründete und zwei Jahre und fünf Alben später wieder verließ, um sich im normalen Arbeitsleben durchzuschlagen - freilich ohne seine Liebe zur Musik völlig zu vernachlässigen. „Total Digital“ sind ein Zusammenschluss aus Wüsthoffs Aufnahmen zwischen 1979 und 2007 und beweisen, weshalb er immer als einer der größten Elektronik-Avantgardisten dieses Planeten galt. Die eröffnende „TransNeptun“-Trilogie zeigt in verschroben und experimentell, „Alien Crosstalk“ etwa könnte man seiner überraschenden Eingängigkeit fast schon im 80er-Jahre Hollywood verankert sein. Es ist die kompositorische Unfassbarkeit und das bunte Mäandern in kruden Klangsphären, das Wüsthoffs Sound so eklektisch und einzigartig macht. Ein schöner Karriere-Querschnitt für Genre-Trüffelsucher. Ohne Bewertung

X - Alphabetland
Manchmal passieren Dinge, die man noch nicht einmal bei genauerem Hinsehen wirklich fassen kann. Etwa dass die wegweisende Post-Punk-Legende X fast 30 Jahre nach dem letzten Album tatsächlich noch einmal eine neue Platte aufnimmt. Das kreative Feuer wäre erloschen gewesen, haben sie stets betont, außerdem würde man auch zwischenmenschlich nicht mehr wirklich zusammenfinden. Alles Humbug - und wir danken sehr dafür. Natürlich ist „Alphabetland“ im besten Sinne in den 80ern stecken geblieben und könnte abseits der zeitgemäßen Produktion locker direkt aus dem DeLorean steigen, aber das hat auch einen gewissen Charme. Post-Punk, lockerer Rock, ein paar Swing-Elemente, sogar Ska-Ansätze sind partiell zu verorten. All das ist mit viel Spielfreude und Spaß vorgetragen. Kein bahnbrechendes Meistwerk, aber ein mehr als nettes Comeback. 6,5/10 Kronen

Sarah Zucker - Wo mein Herz ist
Der Apfel fällt oft nicht weit vom Stamm, vor allem nicht in der Familie Zucker. Der große Bruder Ben startet mit seiner an Gabalier mahnenden Reibeisenstimme seit einigen Jahren in der Schlagerbranche durch, nun versucht sich auch das kleine Schwesterchen Sarah am Erfolg. „Wo mein Herz ist“ geht aber doch deutlich von der Ausrichtung des großen Bruders weg und macht sich sein Nest im kommerziell so erfolgreichen Deutschpop. Lyrisch rekapituliert sie vor allem die letzten zwei Jahre, die sehr bunt waren und in der sich bei Zucker viel verändert hat. Es geht um Beziehungen, um Heimweh, ums Loslassen und um das Fühlen. So weit, so bekannt. Technoschlagerpop von der Stange, aber mit großem Erfolgsversprechen. 5,5/10 Kronen

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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Donnerstag, 06. August 2020
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