18.03.2020 06:00 |

Soundtrack zum Theater

Ian Fisher: Im kompositorischen Kirschgarten

US-Singer/Songwriter Ian Fisher hat Wien schon länger als seine Wahlheimat erkoren und erfreut seine Fans mit feingliedrigen Songs und lebensnahen Texten. Nun hat er für das Stück „Der Kirschgarten“ am Theater in der Josefstadt den Soundtrack „The Cherry Orchard“ verfasst - und spricht mit uns über diese besondere Arbeit und seine Zukunftspläne.

Hymnische Kritiken, begeistertes Publikum, famose Darsteller - Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ sorgte im Theater in der Josefstadt von Anfang Dezember 2019 bis zum Zwangsende wegen der Corona-Pandemie für überschwänglichen Jubel in allen Bereichen. Ein kleiner Teil des Cast ist der US/österreichische Musiker Ian Fisher, der mit „Cherry Orchard“ den passenden Soundtrack für das Stück verfasste. „Mit der musikalischen Direktorin Amélie Niermeyer habe ich schon am Münchner Residenztheater für das Shakespeare-Stück ,Was ihr wollt‘ zusammengearbeitet“, erzählt der Musiker im Gespräch mit der „Krone“, „sie wollte mich für eine Rolle haben und so kam ich an das Theater. Da ich kein Schauspieler bin, war das mein zweites Stück überhaupt. Das Team war aber so großartig, dass es von Anfang an Riesenspaß gemacht hat.“

Grappa mit Otto
Für Fisher vor allem schauspielerisch aufregend, immerhin arbeitet er bei diesem Projekt mit einer Legende wie Otto Schenk zusammen. „Ich habe nach einigen Aufführungen einen Grappa mit ihm getrunken. Er spricht außerdem nicht nur hervorragend Englisch, sondern auch sehr respektabel Italienisch. Seine Mutter wurde in Triest geboren, als es noch zu Österreich gehörte. Otto ist seit den 50ern auf der Bühne aktiv, das ist unglaublich.“ Noch wichtiger als seine kleine Rolle war Fisher die musikalische Umsetzung. Über den ganzen letzten Sommer hinweg hat er fokussiert an den textlichen Übersetzungen gearbeitet und dann Songs daraus geformt. Drei Songs stammen von seinem letzten Studioalbum „Idle Hands“, die anderen sechs Nummern wurden für das Stück neu komponiert. „Ich hatte unlimitiert viele Klangfarben zur Verfügung, mit denen ich malen konnte. Tschechows Stück sollte ja eigentlich nie Musik beinhalten, also war es gar nicht so leicht, die richtige Balance zu finden.“

Die Produktion für die Songs ging unheimlich schnell vonstatten. Dafür hat sich Fisher mit seinem alten Kompagnon Stefan Deisenberger zusammengeredet. „Ich hatte ihn an einem Montag angerufen und gesagt, ich müsse im Laufe der Woche das Album in seinem Studio einspielen. Am Mittwoch fuhr ich nach den Theaterproben um 17 Uhr zu ihm. Wir haben dann bis 4 Uhr morgens das ganze Album eingespielt und aufgenommen, gemixt und gemastert und quasi direkt in Druckauftrag gegeben. Ich habe es mir noch nicht einmal mehr angehört“, lacht Fisher rückblickend, „eine Woche später hatte ich das Produkt bereits in meiner Hand. Würde ich heute nochmal zum Entstehungsprozess zurückkehren können, dann würde ich natürlich einige Stellen verbessern oder zumindest aufpolieren, aber diesem chaotischen und förmlich dilettantischen Weg, den wir eingeschlagen haben, verdanken wir es auch, dass das Ergebnis so frisch und spontan klingt.“

Entspannung statt Sturheit
Die Unterschiede zwischen dem Musizieren und der Schauspielerei sind für Fisher eklatant. „Als Schauspieler musst du dir ständig sicher sein, wo und wie du stehst. Man braucht einfach ein gewisses Bewusstsein. Wenn ich in einem Club ein Konzert gebe, dann verhalte ich mich instinktiv, kann auch mit den Leuten quatschen und mir ein paar Schluck Bier genehmigen. Spiele ich einen Drei-Minuten-Song und die Leute klatschen, weiß ich, es hat gepasst. Im Theater sitzen alle wie angewurzelt da und artikulieren sich erst am Ende. Das Chaos in der Musik ist einfach lebendiger als die Routine am Theater. Musik fühlt sich einfach mehr wie ein Abenteuer an, sie kann einen aber genauso stressen.“ Fisher ist in seiner Hauptprofession längst ruhiger geworden als früher. Entspannung statt ständigem Kampf, Kompromisse statt Sturheit. „Manchmal vermisse ich mein früheres Verlangen nach Perfektion, aber als Persönlichkeit bin ich wesentlich beruhigter.“

„Der Kirschgarten“ war für Fisher ein weiterer Sprung ins kalte Wasser. Berührungsängste mit neuen Projekten oder interessanten Ideen außerhalb der gängigen Norm hatte er noch nie. Deshalb kann sich der Wahl-Wiener auch vorstellen, wieder einmal in diese Richtung zu gehen. „Songs zu verfassen und mit der Tradition des Theaters in der Josefstadt zu vermischen war für mich einzigartig. Es ist in der Realität leider selten, dass die Musik für ein Theaterstück auch von einem professionellen Musiker beigesteuert wird. Viele Regisseure in der deutschsprachigen Theaterwelt schauen zu sehr nach England und dadurch wird aus einem Theater schnell ein Musical. Sie wollen die Trends von dort mit der hiesigen Kunstbeflissenheit vermischen, aber Musical und Hochkultur passen für mich nicht so gut zusammen. Natürlich ist die Idee gut, ein Stück wie ,Der Kirschgarten‘ nicht nur einer kleinen Gesellschaft näherzubringen, aber man muss so ein Projekt richtig angehen und darf es keinesfalls lächerlich machen.“

Nächstes Album
Abseits dieses Projekts feiert Fisher 2020 auch ein persönliches Jubiläum - 20 Jahre als Songwriter. „Die Zeit verging schnell. Ich bin heute auf jeden Fall ehrlicher und strukturierter als früher. Damals habe ich alles durcheinandergeworfen, verloren und vergessen. Heute gehe ich systematisch vor. In meinem mittlerweile 20. Notebook hat jedes File eine eigene Kennzeichennummer, damit ich mich immer auskenne. Der wichtigste Schritt war aber zweifellos die Ehrlichkeit. Als 15-Jähriger hätte ich das niemals zustande gebracht.“ Da es mit Live-Konzerten aufgrund des Coronavirus eher schlecht aussieht, kann sich Fisher auf sein nächstes Studioalbum konzentrieren. „Es soll im Herbst erscheinen und wird das erste sein, das ich mit einem externen Produzenten, Rene Mühlberger, erschaffe. Eine völlig neue Erfahrung, die einerseits schwierig, andererseits künstlerisch aber auch sehr erfüllend ist.“

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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