13.03.2020 06:00 |

„Citizens Of Boomtown“

The Boomtown Rats: Endlich wieder Wut gerochen

Mit Aufkommen der Punk-Bewegung waren auch die irischen Rebellen The Boomtown Rats an der Speerspitze des Kampfes gegen festgefahrene Strukturen und politische Verfehlungen. Sir Bob Geldof hat nach deren Ende 1986 eine veritable Karriere als „musikalische Mutter Teresa“ und Solokünstler hingelegt, doch aufgrund der prekären Weltlage sind Band und Wut wieder zurück. In Berlin erklärte uns der charismatische Sänger, warum das Album „Citizens Of Boomtown“ nötig war, wieso auch heute wieder so viel Wut in ihm steckt und warum sich die Band zur rechten Zeit aufgelöst hatte.

Mit „Band Aid“ und „Live Aid“ wurde Sir Bob Geldof zur musikalischen Gallionsfigur für Hungernde, doch nun hat der smarte Ire auch wieder Lust auf Krawall. So reaktivierte er schon vor einigen Jahren die 70er-Jahre-Punkrock-Band Boomtown Rats - nun veröffentlicht die Combo mit „Citizens Of Boomtown“ ihr erstes Studioalbum seit 36 Jahren. „Wir sind wieder da, weil es notwendig war“, diktiert der 68-Jährige der „Krone“ im Interview, „diese Band hatte immer einen Zweck. 1976 spielten wir gegen den Nordirlandkonflikt und die Inflation in Großbritannien, heute gegen die Infantilität der Republikaner in den USA oder die digitalen Großkonzerne, die uns diktieren, wie wir zu denken haben. Wir sind immer noch Rebellen und verspüren eine gemeinsame Wut.“ Die Wut gegen das Establishment, gegen herrschende Eliten und gegen das fehlende Gleichgewicht auf dieser Welt. Einmal Rebell, immer Rebell.

Aktivisten zur rechten Zeit
„Der Bandname war von Woody Guthrie entlehnt, dem großen musikalischen Aktivisten der 20er- und 30er-Jahre. Er war auch der Mentor von Bob Dylan und als der Bandname bei uns stand, war uns klar, dass auch wir Aktivisten werden würden. Wir hatten dann für ein paar Jahre einen Hit nach dem anderen, und mit ,Live Aid‘ und ,Band Aid‘ konnten wir die Welt ein bisschen verändern. Gute zehn Jahre waren wir wirklich relevant und das ist für mich auch der normale Bogen für eine solche Band. Dann war es an der Zeit, uns aufzulösen und das Feld für die Jungen freizumachen.“ Für Geldof war es immer wichtig, nur dann etwas zu sagen, wenn es auch etwas zu sagen gibt. 1986 sah er nicht nur die Boomtown Rats schon zu sehr im Mainstream angekommen, sondern die ganze Welt war in einem ungewohnt friedlichen Zustand. Die falsche Zeit für eine Band, deren oberste Prämisse es stets war, Finger in politische und gesellschaftliche Wundbereiche zu legen.

Gerade als Geldof eine veritable und erfolgreiche Musikersolokarriere startete, sieben Alben veröffentlichte, erfolgreich quer über den Globus tourte und zudem als Botschafter gegen das Hungerleid Afrikas für Aufmerksamkeit sorgte, brach die Wirtschaft 2008 erneut ein. Fünf Jahre später kamen Geldofs einstige Bandkollegen zusammen, um mit ihrem Sänger über ein mögliches Comeback zu sprechen. Die reine Nostalgie war zu wenig Anreiz, doch durch die politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen kam plötzlich Geldofs altes Alter Ego „Bobby Boomtown“ zurück. „Ein Typ, der nichts mit meinen Soloalben zu tun hatte. Er hat einige Jahre geschlafen, aber jetzt war er wieder da. Er ist ein Anführer. Er sagt was er will und scheißt auf alle Konsequenzen. Die ersten Probesessions waren wie eine Katharsis für mich“, erinnert er sich an die Proben zurück, „ich war emotional, physisch und psychisch total leer, aber unendlich glücklich.“

Dieselbe Wut wie damals
Viele Jahre nach dem Ende der Band gab es plötzlich wieder Gründe für eine ernsthafte Reunion. Mit vier Fünftel der angestammten Urmitglieder gab es anfangs lose Festivalauftritte und diverse Liveshows, doch durch die vakante Weltlage loderte in Geldof auch wieder das Feuer für neue Kompositionen. Plötzlich ergaben auch die alten Songs wieder Sinn, weil er sie inhaltlich in die Jetztzeit transferieren konnte. „Ich singe ,I Don’t Like Mondays‘ für die Massaker, die unlängst in den USA passierten. Ich singe ,Banana Republic‘ dieses Mal nicht für die Iren, sondern für die unbeschreibliche Infantilität der Republikaner in den USA. Ich singe ,Someone’s Looking At You“ heute für Google und Mark Zuckerberg, die uns aussaugen und diktieren, wie wir denken sollten. Ich kann all diese alten Songs mit der gleichen Wut singen, doch sie haben heute andere Hintergründe. Und die neuen Songs verstärken das alles nur.“

Musikalisch sind die Ratten auf “Citizens Of Boomtown“ unheimlich bunt unterwegs. Pop, Rock, Punk, New Wave und ganz zum Schluss sogar ein waschechter Discosound - Grenzen hat sich das Quintett eindeutig nicht auferlegt. “Unsere Single ,Trash Glam, Baby‘ sollte so klingen, wie wenn sich die New York Dolls mit frühen Roxy Music und Mott, The Hoople paaren. ,Sweet Thing‘ erinnert wiederum an uns in jungen Jahren, weil wir die Energie von früher in uns entdeckt haben. Und der Disco-Titeltrack am Ende war notwendig, um zu sagen: die Ratten sind wieder da und beißen sich an euch fest.“ Im Studio hatte die Band laut Geldof sogar mehr Spaß als früher. Auch wenn die Mischung zu Beginn noch eher unsicher war. “Es ging um Ambition und Angst. Wenn du aber ambitioniert bist, bekämpfst du deine Angst so lange, bis du sie verlierst.“

Teil der dritten Generation
Natürlich sind auch die Prioritäten heute längst anders gelagert. “Damals ging es uns meist um ganz profane Dinge. Verkaufen wir mehr Alben als The Clash? Werden unsere Tickets teurer verkauft als jene der Sex Pistols? Sind wir live so gut wie die Ramones? Heute ist diese Jagd nach Bestleistungen keinen besonderen Ansporn mehr.„ Die Boomtown Rats fielen schon damals so geschickt in die Mainstream-Popwelt ein, dass es gar nicht besonders auffiel.“ Wir wollten schon immer der Virus im System sein. Es aufbrechen und von innen aushöhlen. Wir hatten immer das Gefühl, Teil einer Revolution zu sein. Es war wahnsinnig aufregend.“ Angelehnt an die Rock-Historie sieht Geldorf die Boomtown Rats als Teil der “dritten Generation“. “Zuerst kam Elvis und machte mit seinem Hüftschwung alle wahnsinnig. Dann kamen die Beatles mit Charme, die Rolling Stones mit erhobenem Mittelfinger und Bob Dylan mit Poesie. Und dann gab es den Punk, der sich gegen das System auflehnte." Nun sind die Boomtown Rats wieder zurück - und bereit dazu, der aktuellen Welt wieder den Spiegel vorzuhalten.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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