02.02.2020 08:00 |

Schlagfertig

Es wird sich vieles ändern müssen

„Warte, zuerst unsere Hymne.“ Recht rüde hielt mich der Bühnenmeister zurück. Ich war voller Adrenalin, bereit die Bühne zu entern und loszulegen. Vor zwei Jahren war ich eingeladen, die Saisoneröffnung des National Symphony Orchestra Washington als Solist zu bestreiten. Und wie ich das gewohnt war, wollte ich, nachdem das Orchester auf der Bühne Platz genommen und eingestimmt hatte, mit dem Dirigenten den Begrüßungsapplaus entgegen nehmen und lostrommeln. Aber wie es dort Tradition ist, wurde zuerst die amerikanische Hymne gesungen.

Es war ein unvergesslicher Moment. 3000 Menschen sangen inbrünstig ihre Hymne. Eine Hymne, die ein Gefühl des Zusammenhalts, der Einzigartigkeit vermittelt. Wenige Töne, die zusammenfassen, was es bedeutet, Amerikaner zu sein. Auch wenn man in politischen oder gesellschaftlichen Fragen unterschiedlicher Auffassung ist, die Hymne ist die Klammer, die alles zusammenhält. Und wenn es dann zur Textstelle „the night that our Flag was still there“ kommt, ist der ganze Saal ergriffen.

Es ist dieser innere Bezug, der uns Europäern fehlt. Der verhindert, dass wir ganzheitlich denken und fühlen. Beethovens „Ode an die Freude“ ist unsere Hymne, die goldenen Sterne vor blauem Hintergrund markieren unsere Flagge. Wir brauchen einen europäischen Patriotismus.

Seit 48 Stunden ist es also vollbracht: Die Briten haben die EU, der sie 47 Jahre lang angehörten, verlassen. Wenn man nachhört, wie leidenschaftlich jene, die diesen Austritt immer wollten, dafür geworben haben, ist das Ergebnis und die Skepsis in so vielen europäischen Ländern keine Überraschung.

Die europäische Idee mit einer positiven Emotion für alle Europäer ist uns Befürwortern nie wirklich gelungen. Dabei sah es vor 30 Jahren anders aus: Da war zuerst die Generation Helmut Kohl und Francois Mitterrand. Sie hatten „die Scheiße des Krieges“, wie Deutschlands Kanzler Helmut Schmidt es nannte, selbst miterlebt. Sie wussten, dass Friede auf einem Kontinent, der regelmäßig Krieg führte, nur mit einem gemeinsamen Europa möglich wäre.

Die nachfolgende Politikergeneration tickte anders. Es wurde zum politischen Sport, Europa für eigenes Versäumnis verantwortlich zu machen. Insofern ist die Strategie des „Europe Blaming“ der Herren Orbán, Kaczynski, Salvini und auch Kurz Politik uralt. Sagen wir doch, wie es ist: Wenn wir den österreichischen „Way of Life“ beibehalten wollen, unsere Kultur, unsere Traditionen, unsere wunderbare Lebensqualität, dann wird sich vieles ändern müssen.

Die Vereinigten Staaten von Europa - mit einer demokratisch legitimierten europäischen Regierung, einheitlicher Steuergesetzgebung, einer europäischen Armee, europäischen Geheimdiensten, europäischen Sozialstandards und natürlich in den großen geopolitischen Fragen wie Außenpolitik, Klimapolitik - wären eine Stimme. Sind wir zu diesen Veränderungen nicht bereit, werden uns Länder wie China, Indien, USA, Russland ihre Bedingungen diktieren.

Dieser Tage sitzen Menschen wegen des Corona-Virus im chinesischen Wuhan fest. Japan, Russland, die USA - sie alle holen ihre Bürger aus Sicherheitsgründen zurück. Es wäre der perfekte Moment gewesen, ein Signal der Einheit zu setzen: Die europäische Air Force holt ihre Landsleute aus Wuhan zurück. Nicht Deutsche, Franzosen, Italiener - nein, wir Europäer!

Die Begeisterung für eine Idee lässt Menschen über sich hinauswachsen. Es ist wie in der Musik: Niemand kommt ins Konzert, um schwarze Notenpunkte auf einem Blatt Papier zu hören. Erst der Interpret vermittelt die Gefühle, die uns ganz besondere Kräfte verleihen können.

Wenn Politik die europäische Partitur nur mit negativen Aspekten zum Ausdruck bringt, ist die Abneigung der Bürger nicht verwunderlich.

Am 8. Mai werde ich in unserer Hauptstadt ein Konzert geben. Vor meinem Auftritt erklingt die Europahymne. Das Konzert findet im Palais Bozar in Brüssel statt.

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