11.01.2020 20:30 |

Flugzeug abgeschossen

Luftwaffenchef: „Wünschte, ich wäre selbst tot“

Die iranischen Revolutionsgarden haben für den Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeuges nahe Teheran die Verantwortung übernommen und sich entschuldigt. „Ich wünschte, ich wäre lieber selbst tot und hätte nicht Zeuge eines solchen Unglücks sein müssen“, sagte ihr Luftwaffenchef in einer Videobotschaft an die Nation. Die Garden nehmen die volle Schuld für den Vorfall auf sich. Die ukrainische Fluggesellschaft zeigte sich erleichtert über das Eingeständnis: „Wir waren von Anfang an sicher, dass es kein Piloten- oder technischer Fehler sein konnte.“

Das Militär hatte nach zahlreichen Dementis eingeräumt, die verunglückte Maschine zum Absturz gebracht zu haben. Sie war am Mittwoch kurz nach dem Start nahe Teheran abgestürzt, alle 176 Insassen starben. In einer im Staatsfernsehen verlesenen Mitteilung hieß es, der ukrainische Jet sei „aus Versehen“ zum Absturz gebracht worden. Die Maschine sei nahe an ein sensibles Militärgelände herangeflogen und für ein „feindliches Flugzeug“ gehalten worden. Es habe sich um „menschliches Versagen“ gehandelt.

Streitkräfte wegen US-Drohungen in höchster Alarmbereitschaft
Nach den Worten des Kommandanten der Luft- und Weltraumabteilung der Revolutionsgarden hatte ein Defekt im militärischen Kommunikationssystem zu dem fatalen Abschuss geführt. „Das Unglück ereignete sich nach einem Kommunikationsdefekt, was jedoch trotzdem keine Rechtfertigung und unverzeihlich ist“, sagte Amir Ali Hajizadeh am Samstag. Er berichtete, am Tag des Unglücks seien alle Streitkräfte wegen der Drohungen der USA, 52 Ziele im Iran anzugreifen, in höchster Alarmbereitschaft gewesen, darunter die Militärbasen in Teheran.

Fälschlicherweise für Marschflugkörper im Anflug gehalten
Flug PS752 sei fälschlicherweise für einen Marschflugkörper im Anflug auf eine strategisch wichtige Militärbasis in Teheran gehalten worden. Der zuständige Offizier habe nach den Worten des Kommandanten der Zentrale die Gefahr melden wollen, aber genau zu dem Zeitpunkt habe es einen Defekt im Kommunikationssystem gegeben. Der Offizier hatte laut Hajizadeh dann nur wenige Sekunde zu entscheiden, ob er eine Luftabwehrrakete abfeuert oder nicht.

„Und leider tat er es, was dann zu dem Unglück führte“, sagte der Kommandant. „Als ich davon erfahren habe, wünschte ich mir, lieber selbst tot zu sein statt Zeuge dieses Unglücks“, sagte Hajizadeh. Er trage die volle Verantwortung und sei bereit, auch alle Konsequenzen zu tragen.

Präsident Rouhani: „Ein schrecklicher Fehler“
Das Regime sprach den Familien der Opfer sein Mitleid aus. Irans Präsident Hassan Rouhani schrieb auf Twitter, er bedauere den unbeabsichtigten Abschuss der Maschine zutiefst: „Ein schrecklicher Fehler.“ Er sei in Gedanken bei den trauernden Angehörigen und bete für sie. In einem Telefongespräch mit seinem ukrainischen Kollegen Wolodymyr Selenskyj entschuldigte sich Rouhani am Samstag auch offiziell bei der Ukraine. „Das Zugeben der ,Raketenversion‘ als Ursache für die Katastrophe hat den Weg für die Fortsetzung der Ermittlungen ohne Verzögerungen und Behinderungen geöffnet“, sagte Selenskyj.

Irans Außenminister gab den USA Mitschuld an Tragödie
Auch Irans Außenminister Javad Zarif entschuldigte sich für die Katastrophe. „Unser tiefes Bedauern, Entschuldigungen und Beileid gegenüber unserem Volk, den Familien aller Opfer und anderen betroffenen Nationen“, schrieb Zarif auf Twitter. Es handle sich um einen „traurigen Tag“. Zugleich gab er den USA eine Mitschuld: Menschliches Versagen „zur Zeit der durch das Abenteurertum der USA verursachten Krise“ habe „zu einem Desaster geführt“.

Ukraine fordert Entschädigung
Nach dem Eingeständnis aus Teheran hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Iran aufgefordert, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen und Entschädigungen zu leisten. Zudem sollten die Körper der Toten in ihre Heimatländer überstellt werden.

Kommentar von Kurt Seinitz zur Katastrophe:

Politisch stellt das Schuldeingeständnis der Revolutionsgarde in dem komplizierten inneriranischen Machtgefüge einen argen Dämpfer für den besonders militanten Teil des Regimes dar. Deshalb hat es auch so lange gebraucht, bis der alleroberste Führer grünes Licht für die Wahrheit gab. Es ist die Furcht vor der nationalen Schande und die iranische Öffentlichkeit fragt sich schon, weshalb sie einmal mehr so lange belogen wurde.

Interessant ist auch die ungewöhnliche Zurückhaltung Trumps von Anfang an zu dem Jet-Abschuss. Es ist die Furcht, dass eine Teilverantwortung auf die USA zurückfällt.

Wenn also beide radikalen Lager Butter am Kopf haben, könnte man vielleicht doch auf eine Rückkehr zur Vernunft hoffen.

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