10.11.2019 15:25 |

Das große Interview

Kann Türkis-Grün noch scheitern, Herr Lockl?

Wenn ÖVP und Grüne kommende Woche in Regierungsverhandlungen eintreten, zieht er im Hintergrund die Fäden. Mit der „Krone“ spricht Lothar Lockl (50) über die Chancen einer türkis-grünen österreichischen Regierung in der Welt, Widerstände und Stolpersteine und seine ganz private Öko-Bilanz.

Es ist später Freitagnachmittag, Lothar Lockl ist schon allein in seiner Agentur (eine halbe Million Euro Umsatz, sieben Mitarbeiter, beste City-Lage). Drüben im Winterpalais, 800 Meter entfernt, sitzen Sebastian Kurz und Werner Kogler an diesem Abend bei ihrem letzten Sondierungsgespräch. Als Präsidentenberater und Ex-Grüner (er hat seine Parteimitgliedschaft ruhend gestellt) ist Lockls Analyse der Lage derzeit besonders gefragt. Im Interview versprüht der 1,94 Meter große Stratege, den manche bereits als grünen Außenminister oder zumindest Koordinator einer türkis-grünen Regierung handeln, Zweckoptimismus. Manche Antworten sind flammende Plädoyers auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit und klingen schon wie eine mögliche türkise Regierungserklärung - mit kräftigem grünem Anstrich.


Krone: Präsidentenmacher, grüne Hoffnung, graue Eminenz. Ihnen werden viele Bezeichnungen zugeschrieben. In welcher Rolle sitzen Sie heute da?
Lothar Lockl: (Denkt kurz nach) Was mir gefällt, ist quer- und vorzudenken. Trends, auch wenn erst ein kleiner Silberstreif am Horizont da ist, frühzeitig zu erkennen, selbst wenn die Sache vielleicht am Beginn viel zu groß oder gar utopisch erscheint. Der Kampf gegen Atomkraftwerke zum Beispiel, oder die Verhinderung der Gentechnik. Da hätte am Anfang auch keiner an einen Siegeszug geglaubt. Diese Herangehensweise hat mich mein ganzes berufliches Leben begleitet. Kommunizieren, motivieren, überzeugen, begeistern, Widerstände abbauen, darum geht’s.

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2003, als Schüssel eine schwarz-grüne Regierung verhandelt hat, sah man noch nicht die Chance einer Verbindung von Umwelt und Wirtschaft.

Lothar Lockl

Sie waren 2003 Chefverhandler von Schwarz-Grün, der heutige Bundespräsident war Grünen-Chef. Warum ist es damals gescheitert?
Nicht Chefverhandler. Ich war die rechte Hand von Alexander Van der Bellen, mein Vis-a-vis war Ursula Plassnik, die damals Kabinettschefin von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel war. Warum ist es gescheitert? Die Zeit war noch nicht reif. Man sah noch nicht die Chance einer Verbindung von Umwelt und Klimaschutz mit einer modernen Wirtschafts- und Arbeitsmarktspolitik.

Stünde Österreich heute anders da, wenn Schwarz-Grün gekommen wäre?
Bestimmt. Es wäre eine Frischzellenkur für die österreichische Wirtschaft gewesen, man hätte Trends früher erkannt und Entwicklungen nicht verschlafen, die international heute Common Sense sind.

Kann Türkis-Grün heute wieder scheitern?
Niemand kann den Ausgang der kommenden Regierungsverhandlungen prophezeien. Ich glaube, die Verhandler wissen es selber nicht. Aber: Ich bin ein Mensch, bei dem das Glas immer halbvoll ist, ein Grundoptimist. Deshalb würde ich es gerne positiv formulieren: Meine Vision ist, dass Österreich neben seinen Natur- und Kulturschätzen auch mit seiner Innovationskraft punktet. Die ganze Welt ist begeistert von unserer sauberen Luft, unserem guten Wasser, unseren Seen mit Trinkwasserqualität. Heimische Unternehmen haben die dafür notwendigen Technologien entwickelt. Dazu kommen unsere regionalen, biologischen Lebensmittel. Österreich kann in den nächsten fünf bis zehn Jahren in Europa und der Welt ein Vorreiterland in Sachen Klimaschutz und moderner Wirtschaftspolitik werden. Ich bin überzeugt, da sitzen wir auf einem Riesen-Schatz. Ich hoffe, die künftige Regierung erkennt dieses Potential.

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Niemand kann den Ausgang der kommenden Regierungsverhandlungen prophezeien. Ich glaube, die Verhandler wissen es selber nicht.

Lothar Lockl

Das war jetzt ein leidenschaftliches Plädoyer, aber wäre das nicht auch ohne die Grünen in der Regierung möglich?
Jede Koalition wird sich mit Maßnahmen gegen die Klimakrise beschäftigen müssen.Aber es gibt sicher Regierungskonstellationen, die dies ernster nehmen werden als andere. Schauen wir in die Welt: Ein Viertel der internationalen Finanzströme wird mittlerweile nach Nachhaltigkeits-Kriterien angelegt. Alle Nationen stehen vor einer Jahrhundertaufgabe, es geht ums Überleben der Menschheit, Klimaschutz ist ein weltweites Mega-Thema.

Hat der grüne Innsbrucker Bürgermeister Georg Willi Recht, wenn er sagt, das macht für die Grünen alles nur Sinn, wenn sie zum Umwelt- auch das Finanzressort bekämen?
Was wichtig sein wird: Klimaschutz muss ein nationales Anliegen, ein Gesamtprojekt der künftigen Regierung sein. Das kann man aber nicht mit Ressorts oder Ministern messen.

Wären Sie da gern der Chefstratege? Oder lieber gleich Außenminister?
Ich bin seit zehn Jahren in der Privatwirtschaft und sehe keinen Grund, das zu ändern. Aber ich werde mich natürlich bemühen, einen Beitrag zu leisten. Das tue ich aber auch jetzt schon, in meinem Unternehmen, wo ich sehe, dass junge Vorstände heute völlig anders denken als ihre Vorgänger vor zehn, 15 Jahren.

Stimmt es, dass Sebastian Kurz vor den Gesprächen mit Werner Kogler mit Ihnen sondiert hat?
Nein. Ich bin ja nicht Teil des Sondierungsteams. Ich bin auch kein Parteipolitiker, das ist mir wichtig. Ich bin aber sicher ein Brückenbauer. Auch zwischen Umweltschützern oder Menschen, die sich bei „Fridays for Future“ engagieren, und Politik bzw. Wirtschaft.

Eine Art Vermittler zwischen den Welten?
Naja. Vielleicht habe ich ein gewisses diplomatisches Geschick. Wenn man versucht, zu vermitteln, Brücken zu bauen, dann ist aber eine gewisse Vertraulichkeit wichtig. Daran halte ich mich.

Der Politikberater Thomas Hofer hat gemeint, Kurz habe bei den Koalitionsgesprächen die Wahl zwischen Pest, Cholera und Ebola. Wie klang das für Sie?
Furchtbar! Wir Österreich haben schon den Hang, Dinge sehr schnell schwarz und negativ zu sehen. Wenn wir uns jetzt schon wieder überlegen, welche von den drei Konstellationen die größere Katastrophe ist: Was ist das für ein Ansatz? Ich würde sagen: Es gibt Chancen und Möglichkeiten. Schauen wir, was da rauskommt.

Sind Türkis und Grün nicht doch zu verschieden? Oder passen sie vielleicht besser zusammen, als manche glauben?
Im positiven Sinn könnte es eine gute Reibung sein, weil das eben schon sehr unterschiedliche Parteien sind. Man sieht in den Bundesländern, wo die Grünen in fünf Regierungen sitzen, dass das sehr gut funktioniert. Auch in Deutschland waren Regierungen mit grüner Beteiligung alle stabil, haben gehalten. Es war oft schwierig, und es hat lange gedauert, aber am Ende war es erfolgreich.

Waren also die endlosen Sondierungsgespräche sinnvoll?
Ja, denn erst muss man ein Fundament legen, bevor man ein Haus bauen kann.

Was sagen Sie den Skeptikern von Türkis-Grün? Menschen, die Angst haben, dass die Migrationspolitik aufgeweicht wird, dass neue Steuern kommen, dass Österreich nach links kippt?
Ich würde ihnen zuhören, Respekt entgegenbringen, ihre Bedenken ernst nehmen. Ich kenne das von früher, von meiner Arbeit mit Bürgerinitiativen. Wenn Leute das Gefühl haben, dass man über sie drüberfährt, dann verhärten sich die Fronten.

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Ob Sebastian Kurz wieder Türkis-Blau eingeht, ist seine Entscheidung. Es ist aber keine Übertreibung zu sagen: Ganz Europa schaut im Moment auf Österreich.

Lothar Lockl

Und wenn am Ende doch Türkis-Blau kommt?
Ob Sebastian Kurz wieder eine Koalition mit der FPÖ eingeht, ist natürlich seine Entscheidung. Eines ist aber klar: Ganz Europa schaut im Moment auf Österreich. Ich bin beseelt davon, dass Österreich - angesichts der Digitalisierung der Wirtschaft, den Umbrüchen am Arbeitsmarkt, der Jahrhundertaufgabe, gegen die Erderhitzung zu kämpfen - in den nächsten fünf bis zehn Jahren, gemeinsam mit der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der Industrie, vorangeht. Dass Österreich vorne dabei ist, bei der Forschung, bei der Innovation. Da könnten wir in China, in Asien, in Amerika, auf der ganzen Welt punkten.

Da drüben auf einem Regal steht ein Schachspiel mit Uhr. Wie oft spielen Sie Schach?
Leider sind mir mit den Jahren die Partner abhandengekommen. Ich war Wiener Jugendmeister und Staatsligaspieler und habe mir auch einmal überlegt, das professionell zu machen. Ich mache Dinge aber entweder ganz oder gar nicht. Deshalb habe ich mich schwersten Herzens für mein politisches Engagement entschieden. Später wollte ich meinem Sohn das Schachspielen beibringen, aber das hat nicht funktioniert. (lacht)Heute habe ich eine App am Smartphone und spiele manchmal gegen den Computer.

Was haben Sie vom Schach fürs Leben gelernt?
Mir hat es beruflich sehr geholfen, weil man beim Schach ständig unter Zeitdruck Entscheidungen treffen muss. Und dabei lernt, dass ein Riesenunterschied besteht zwischen Strategie und Taktik. Diese Form des logischen Denkens, Schritt für Schritt, das Bedenken der Konsequenzen, hat mich geprägt. Ich habe beim Schach Nervenstärke gelernt und Gelassenheit, was den Ausgang betrifft. Wenn man zu sehr auf das Ergebnis fixiert ist, verkrampft man sich leicht. Wenn man sich aber ganz dem Spiel hingibt und gut spielt, dann wird auch das Ergebnis automatisch ein Gutes sein.

Sie waren schon als 16-Jähriger bei der Besetzung der Hainburger Au dabei. Warum ist aus Ihnen eigentlich kein Umweltaktivist geworden?
Ich bin zwar 1,94 Meter groß, aber nicht schwindelfrei. Das heißt, ich eigne mich nicht als Fassadenkletterer. Ich habe aber großen Respekt vor jungen Menschen, die sagen, mir ist es nicht unwichtig, ob der Amazonas brennt, ich nehme mir jetzt Urlaub, um mich für etwas Bestimmtes zu engagieren. Mein Talent war eher ein Rhetorisches, deshalb war ich rasch derjenige, der als Sprecher von Global 2000 mit Polizisten über gewaltfreien Widerstand verhandelt hat, oder später eben mit Journalisten und Politikern. Dabei kommt mir zugute, dass ich ein höflicher Mensch bin, dem Respekt wahnsinnig wichtig ist.

Sie haben eine grüne Vorzeige-Karriere hingelegt. Wie würde ein privater Öko-Check bei Ihnen zuhause aussehen?
Ich bin auch kein Heiliger und muss meinen Lebensstil sicher noch etwas ändern. Ich bin aber begeisterter Bahnfahrer und Öffi-Benutzer, achte beim Einkauf auf regionale österreichische Produkte und habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mit dem Flugzeug auf Urlaub fliege. Mein ökologischer Fußabdruck ist aber mit den Jahren deutlich besser geworden.

Zur Person: Politstratege und Brückenbauer 
Geboren am 5. Dezember 1968 in Wien. Schon als 16-Jähriger schließt sich Lockl den Aubesetzern in Hainburg an. Er studiert Landschaftsökologie und sattelt dann auf Politik- und Kommunikationswissenchaft um. 1999 wird der Mitinitiator des Gentechnik-Volksbegehrens Sprecher von „Global 2000“, ein Jahr später wechselt er zu den Grünen und wird Kommunikationschef unter Alexander Van der Bellen, 2006 Bundesparteisekretär. 2009 gründet er die Agentur „Lockl Strategie“. Im Bundespräsidentschaftswahlkampf führt der Politstratege Alexander Van der Bellen zum Sieg und ist bis heute sein externer Berater. Der Schachspieler - Lockl war Wiener Jugendmeister - sieht sich selbst als „Brückenbauer“.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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