16.10.2019 19:11 |

„Ansteckungsgefahr“

Tiroler Gastwirt wegen Homosexualität angefeindet

Es ist ein handgeschriebener Brief mit nur wenigen Zeilen, doch der Inhalt ist umso schockierender - adressiert an den Besitzer eines Tiroler Hotels und Gasthofes mit langer Familientradition. Doch nicht etwa der Service oder das Essen ist dem Verfasser des Schreibens ein Dorn im Auge, sondern offenbar die Entscheidung des Besitzers, zu seiner Homosexualität und seiner Liebe zu stehen. Auf Facebook gehen deshalb die Wogen hoch.

„Gestern war dieser Brief bei uns in der Post“, berichtet Michael R. aus dem Tiroler Fieberbrunn, den krone.at am frühen Mittwochabend erreicht. „Mein Mann Markus hat ihn aufgemacht, ich war zu diesem Zeitpunkt gerade nicht zu Hause“, erzählt er.

„Werden auf jeden Fall dein Gasthaus meiden. Ansteckungsgefahr“
Der Inhalt des Briefes, abgeschickt laut Poststempel in Saalfelden im Pinzgau, macht sprachlos: „Servus Michael, dass Du in der Schwulen (sic!) Szene unterwegs bist ist uns allen längst bekannt gewesen. Wir Fieberbrunner werden auf jeden Fall dein Gasthaus meiden. Ansteckungsgefahr“, greift der Verfasser des Briefes den Gasthofbesitzer und dessen Liebe zu einem Mann unverblümt an, unterstellt ihm sogar offenbar, „HIV-positiv zu sein oder AIDS zu haben“, so R. Und weiter: „Wir werden es auch so vielen Gästen wie möglich weiterleiten“, schließt der Brief ohne Nennung eines Absenders.

„Wir haben vor vier Wochen geheiratet“, erklärt R. weiter. Es sei ein rauschendes, wundervolles Fest gewesen. „Die Feierlichkeiten zogen sich über drei Tage. Insgesamt 350 Leute waren am ersten Tag dabei und haben mit uns gefeiert und sich gefreut.“ Sämtliche Generationen seien dabei gewesen, „Junge, ältere Menschen“, so R. Und nun dieser Brief.

„Kann nur ein Neider gewesen sein“
„Natürlich bin ich gesund“, betont der Gasthofbesitzer. „Ich glaube auch nicht, dass da mehrere Personen dahinterstecken, obwohl von ,Wir Fieberbrunner‘ die Rede ist, sondern wohl eher nur eine Person“, erzählt der Gastwirt. Seine „Lebensart“ sei im Pillerseetal bekannt, seit er 16 Jahre alt ist. Doch was könnte der Beweggrund des Verfassers des anfeindenden Briefes sein? „Das kann eigentlich nur ein Neider gewesen sein“, glaubt der Gastwirt. „Der Gasthof besteht seit mittlerweile 132 Jahren, wird in fünfter Generation geführt und ist eigentlich stets gut besucht und liegt in wunderschöner Lage“, so R.

Noch am Dienstag ging der Gasthofbesitzer mit dem Brief zur Polizei, legte ihn vor und brachte den Fall zur Anzeige. „Die Beamten meinten, dass dies eine Beleidigung darstelle, haben den Brief eingescannt und zu den Akten gelegt. Mehr könne man vorerst nicht tun, haben sie gemeint“, berichtet der Gastwirt weiter. „Was hat denn mein Betrieb mit meinem Privatleben zu tun?“, fragt er sich.

Andere Themen, „wo es besser wäre, Briefe zu schreiben“
Was der Brief in ihm auslöse? „Ich fühl mich nicht verletzt dadurch. Mich macht das eher stark“, betont R. Allerdings gebe es in der heutigen Zeit und gerade jetzt so viele andere Themen - etwa politische -, „wo es besser wäre, Briefe zu schreiben“, meint R.

Solidarität mit Gastwirt im Netz
R. entschloss sich schlussendlich auch dazu, den Brief auf Facebook zu veröffentlichen. Zahlreiche User zeigen sich fassungslos und schockiert über die Anfeindungen, sprechen dem Gastwirt Mut zu und stehen hinter ihm und seinem Ehemann. „Lasst euch von so was net unterkriegen“, ist etwa zu lesen. „Unfassbar. Und das in 2019“, schreibt ein weiterer Facebook-User. „Der hat anscheinend noch nie gespürt, was Liebe, Toleranz und Freiheit ist“, ist in einem weiteren Posting zu lesen.

R. lässt sich jedenfalls nicht unterkriegen. Vielmehr plant der Gastwirt, einen Spendenmarathon zu starten, um anderen zu helfen. „Etwa jungen Menschen in der Schule, die mit Anfeindungen, vor allem mit Rassismus und dergleichen, zu kämpfen haben.“

Christine Steinmetz
Christine Steinmetz
Charlotte Sequard-Base
Charlotte Sequard-Base
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