05.10.2019 15:44 |

Auf dem Sonnblick

Mikroplastik: Forschung in eisigen Höhen

Mitten in der Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern werden seit 133 Jahren Klima und Wetter erforscht. Die „BergKrone“ zu Besuch im Observatorium Sonnblick.

Völlig exponiert, direkt auf dem Gipfel des Hohen Sonnblicks in 3106 Meter Höhe auf der Grenze zwischen Kärnten und Salzburg thront kein Gipfelkreuz, sondern das Sonnblick-Observatorium, die höchste meteorologische Beobachtungsstation Österreichs. Ein völlig unförmiges, rot gestrichenes und mehrere Stockwerke hohes Gebäude, aus dem zahlreiche Antennen und Messgeräte in den blauen Himmel ragen.

Das Bauensemble in mehr als dreitausend Meter Höhe wirkt - steigt man über das Kärntner Fleißkees zu ihm auf - fast surreal. Kaum zu glauben, dass das Observatorium schon 1886 hier oben errichtet wurde, um die höheren atmosphärischen Schichten besser erforschen zu können. Seither werden die Forschungsfelder kontinuierlich ausgebaut. Das Sonnblick-Observatorium samt dem direkt benachbarten Zittelhaus bietet oft bis zu zehn und mehr Wissenschaftlern kurzfristig ein zu Hause.

Denn das Observatorium auf dem Sonnblick ist in zahlreiche internationale Kooperationen und Messnetzwerke und Messprogramme eingebunden.

„Aktuell erweitern wir unsere Messungen rund um Mikroplastik in Luft, Wasser und Schnee“, erklärt Dr. Elke Ludewig, die Leiterin des Sonnblick-Observatoriums.

Denn Mikroplastik ist mittlerweile fast schon überall. „Man sieht es aber nicht, und das ist auch das große Problem“, so Ludewig. Momentan läuft in mehr als 3100 Meter Höhe ein Projekt des Bundesumweltamtes, bei dem Mikroplastik aus dem Niederschlag aufgefangen und danach analysiert wird.

Gleichzeitig beschäftigt sich die niederländische Universität Utrecht mit Mikroplastik in der Luft. Das seien bereits enorme Mengen, bis zu 9,6 Mikrogramm pro Liter - und das am entlegenen Sonnblick. So wurde auch herausgefunden, dass in einem Luftschwall über Großstädten Mikroplastik mittransportiert wird - unter anderem von Kleidung oder anderem Abrieb.

Ludewig: „Auf dem Sonnblick arbeiten wir in zahlreichen internationalen Projekten zusammen, mit den verschiedensten Forschungsansätzen. Wir untersuchen das Klima und seine Veränderungen, den Permafrost sowie die Gletscher, die Biosphäre und Biodiversität und natürlich sämtliche atmosphärische Parameter, wie Kohlenstoffdioxid, Ozon, Aerosole aber auch die Feinstaubbelastung.“

Zusätzlich hat der österreichische Erdbebendienst eine neue Messstelle direkt unter dem Observatorium aufgestellt, um das landesweite Netz an Starkbeben-Messungen zu verdichten. Aber auch um zu testen, ob Felsstürze, die durch das Auftauen des Permafrosts hier in den Hohen Tauern verstärkt auftreten, gemessen werden können.

So viele Messgeräte verlangen auch nach Personal. Ludwig Rasser ist seit 40 Jahren als Wetterwart auf dem Sonnblick tätig, denn das Observatorium ist 365 Tage pro Jahr besetzt - rund um die Uhr.

„Wir sind immer zu zweit als Team hier oben“, so der Wetterexperte zur „BergKrone“. Für ihn und seine Kollegen bedeutet dies 18 Tage Dienst, 13 Tage frei.

Der Arbeitstag beginnt für Ludwig und seine Kollegen recht früh: „Um 6 Uhr heißt es aufstehen, dann holt man bereits die ersten Außendaten ein.“ Wer in Zeiten der Digitalisierung jetzt an einen Knopfdruck in einem gemütlich temperierten Büro denkt, der irrt.

„Wir haben zahlreiche Messstellen, die nur zu Fuß erreichbar sind. Der Niederschlag wird etwa in einem Kübel gemessen, den wir täglich auswerten. Im Winter befindet sich Schnee und Eis darin, das wir natürlich zuerst auftauen müssen. Im Sommer ist dies kein Problem, im Winter muss man jedoch oft erstmal den Schnee vor der Tür wegschaufeln, um überhaupt erst ins Freie zu kommen.“ Stündlich gilt es auch die Flugwetterdaten durchzugeben und natürlich auch das einwandfreie Laufen der zahlreichen Messsysteme sicherzustellen.

Trotzdem kann sich der Salzburger keinen schöneren Beruf vorstellen. Ludwig steht auf der Außenterrasse des Observatoriums und blickt in die Ferne. „Mit Hilfe von markanten Punkten, also Berggipfeln, können wir von hier oben auch die aktuelle Fernsicht feststellen.“

Das Observatorium ist Teil des „Global Atmosphere Watch“, einem weltweiten Programm der Welt-Meteorologischen Organisation zur großräumigen Überwachung der chemischen Zusammensetzung der Erdatmosphäre, unteranderem, weil auf dem Sonnblick auf eine mehr als 130 Jahre lange Messreihe meteorologischer Größen zugegriffen werden kann.

Neue Stromleitung auf den Sonnblick in Planung

Die Zukunft des Sonnblick-Observatoriums scheint gesichert. 2018 wurde eine neue, einzigartige und wetterfeste Seilbahn von der Salzburger Seite auf den Gipfel in Betrieb genommen, die selbst bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 km/h bis zu sechs Passagiere in einer Gondel transportieren kann. Die nächste große Herausforderung für Observatoriumsleiterin Elke Ludewig und ihr Team ist die Stromversorgung des Sonnblicks von Kärntner Seite.

Aktuell wird die Anlage vom Kraftwerk Zirmsee über eine 20 kV-Leitung mit der notwendigen Energie versorgt, die teils direkt auf dem Felsgrat zum Gipfel verlegt wurde. Doch die mehr als 30 Jahre alte Stromleitung hat inzwischen ihr Lebensende erreicht und muss erneuert werden.

Zuletzt gab es vor drei Jahren einen Zwischenfall mit der Stromversorgung. Die Leitung war gerissen und das Observatorium musste im Winter drei Monate lang mit einem Dieselaggregat notversorgt werden. Die Luftschadstoffwerte und andere Messwerte waren damit in dieser Zeit für die Wissenschaft unbrauchbar. Denn die Luft um das Observatorium sollte völlig emissionsfrei sein. „Aktuell ist eine Ausschreibung für die Erneuerung der Stromleitung im Laufen“, sagt Ludewig zur „BergKrone“: „Für die Umsetzung des Infrastrukturprojektes benötigen wir jedoch öffentliche Unterstützung vom Ministerium, da der Eigentümer des Observatoriums, der Sonnblick Verein, allein die Mittel nicht aufbringen kann. Unser Ziel ist es jedoch, das wichtige Projekt 2020 und 2021 umzusetzen.“ 

Hannes Wallner
Hannes Wallner
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