03.10.2019 07:00 |

„Heavy Metal Rules“

Steel Panther: Gegen die Political Correctness

Seit fast 20 Jahren kämpft das US-amerikanische Glam-Metal-Kollektiv Steel Panther gegen sämtliche Normen und auferlegte Regeln im Musikbusiness an. Auf ihrem fünften Studioalbum „Heavy Metal Rules“ zeigen sich Michael Starr und Co. hedonistisch und kratzbürstig wie eh und je. Im ausführlichen „Krone“-Interview gaben er und Drummer Stix Zadinia nähere Einblicke in eine Welt voller Glanz und Glitter.

Für manche sind sie ein nicht enden wollender Treppenwitz der modernen Gesellschaft, für andere hingegen die letzte wirklich erfolgreiche Bastion der hedonistischen Glam-Metal-Bands der unvergesslichen 80er-Jahre. Was das kalifornische Quartett Steel Panther auf jeden Fall nicht tut, ist langweilen. Als sich Sänger Michael Starr, Gitarrist Satchel, Bassist Lexxi Foxx und Drummer Stix Zadinia vor knapp 20 Jahren unter dem damaligen Banner Metal Skool zusammengefunden haben, spielte man jeden Montag Coverversionen der eigenen großen Helden im kultigen Viper Room am Sunset Strip in L.A. Die wahre Karriere der Band startete aber erst im April 2008 mit der Umbenennung in Steel Panther, einen Majorlabelvertrag und dem Debütalbum „Feel The Steel“, auf dem sie erstmals Eigenkompositionen veröffentlichten und schnell zum US-Kultact mutierten. Mehr als zehn Jahre später steht mit „Heavy Metal Rules“ das fünfte Album in den Startlöchern und die Band füllt nicht nur in Nordamerika, sondern längst auch in Europa die Hallen.

Ehrlichste Band
Das Erfolgsrezept ist dabei so einfach wie streitbar: man vermische handwerkliche Fertigkeiten mit der Dekadenz der 80er, füge eine kräftige Brise Haarspray und Spandexhosen hinzu und verfeinere das Gesamtrezept mit politisch inkorrekten Texten, die sämtliche Gesellschaftsveränderungen der letzten Jahre ad absurdum führen. Doch gerade dort gilt es genauer hinzusehen, denn Steel Panther zeigen mit Songtiteln wie „Always Gonna Be A Ho“, „Fuck Everybody“ oder „Gods Of Pussy“ nicht unbedingt Hochkultur-Niveau, halten der Gesellschaft aber auch mit viel Doppelbödigkeit und Ironie den Spiegel vors Gesicht. Nicht umsonst bezeichnen sich die Musiker in ihren Presseaussendungen als „ehrlichste Band der Welt“, wie Drummer Zadinia im Gespräch mit der „Krone“ bestätigt. „Ist doch so. All diese Bands da draußen legen sich selbst Regeln auf, bei uns gibt es keine. Es gibt immer noch Frauenbewegungen, die sich über unsere Pussy-Witze beschweren, aber sie helfen uns immens damit, Aufmerksamkeit zu lukrieren.“

Ein Zwiegespräch mit Bandmitgliedern von Steel Panther kann mitunter ein Parforce-Ritt sein, wie der Interviewer aus mehrfacher Erfahrung weiß. Jeder einzelne der vier Musiker ist mit einem gewaltigen Potential Humor gesegnet, die Gespräche werden stets zu zweit abgehalten, um ein launiges Ping-Pong-Spiel entstehen zu lassen und wenn man nicht hellwach auf die im Stakkatotakt einprasselnden Pointen reagiert, verpasst man schnell die ernsthafte Botschaft, die stets mitschwingt. Steel Panther sind neben all dem bewusst überzogenen Sexismus und der Kajal-geschwängerten Fassade nämlich vor allem absolute Vollprofis, die ihre Musik und Karriere unheimlich ernst nehmen. Wer sich die jämmerlichen Abschiedskonzerte von Mötley Crüe angesehen hat oder bemerkt, wie einstige Großbands der Marke Ratt oder Dokken entweder tot sind oder im Untergrund verharren weiß, mit wie viel Fließ, Talent und Herzblut die Kalifornier an ihrem Erfolg feilen.

Keine Regeln
„Heavy Metal Rules“ ist in gewisser Weise eine musikalische Zusammenfassung aus knapp 20 Jahren Bandhistorie. Man findet Anklänge an die noch relativ unschuldigen Anfangstage, traut sich genauso über balladeske Momente, wie über geradevor preschende Rocker und hymnische Glam-Metal-Versatzstücke. „Speziell im Hinblick auf diese grassierende Political-Correctness-Kultur ist es wie ein Faustschlag, der mitten in deinem Gesicht landet. Und weil das noch nicht reicht, schieben wir dir noch einen dicken Mittelfinger ins Auge und schreien dir ,Fuck All That‘ nach.“ Sänger Michael Starr ergänzt: „Die einzige Regel des Lebens ist, verdammt nochmal das zu tun, was du willst und Spaß dabei zu haben. Mit viel harter Arbeit, einer Mischung aus Van Halen und Mötley Crüe und etwas Glück entsteht etwas wie Steel Panther und hat Erfolg. Das Album zeigt uns in unserer momentanen Lebenslage. Wenn du eine Autobiografie von uns haben willst, dann hör dir dieses Werk an. In ,Heavy Metal Rules‘ steckt alles drin, was uns ausmacht.“

Den heutigen Stil haben Steel Panther 2011 am Zweitwerk „Balls Out“ gefunden, seitdem knüpft man mit sanften Neuerungen und viel Übung stets an die eigenen Frühzeiten an, ohne sich allzu sehr in Wiederholungen zu ergehen. „Wir haben ja selbst schon in den 80ern begonnen Musik zu machen, jeder in unterschiedlichen Projekten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie die ganze Szene starb, als sich Anfang der 90er-Jahre der Grunge durchsetzte. Wir sind aber niemals irgendwelchen Trends erlegen, haben auch in den dürren Jahren unseren Stil durchgezogen. Lange hat man uns belächelt, heute werden wir gerügt, aber unsere Erfolge zeigen doch, dass es genug Platz für echten Heavy Metal gibt.“

Polarisierungspotenzial
Dass Rockmusik und Heavy Metal vor allem in den USA vom Hip-Hop überholt wurde, schmeckt der Band naturgemäß nicht. Dagegen versuchen sie auch nach Kräften anzukämpfen. „Wir lügen nicht, wenn wir Geld und Vaginas als die wichtigsten Dinge in unseren Leben bezeichnen“, zeigt sich Starr selbstbewusst, „ich weiß genau, dass die Kids immer noch gerne Gitarren in die Hand nehmen und zuhause üben. Ich sehe das jeden Tag auf YouTube und Instagram. Was gibt es Cooleres, als ein Rockstar zu sein und ein solches Leben zu führen? Das wollen die Kids von heute noch immer und dieser Wunsch wird nicht aussterben.“ Steel Panther stechen jedenfalls auch mit ihrem fünften Werk kräftig zu und werden die Meinungen der Außenwelt musikalisch als auch inhaltlich weiter spalten. Zu polarisieren war im Musikbusiness schließlich noch nie die schlechteste Idee.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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