18.08.2019 09:00 |

Harmonika-Erzeugung

150 Stunden Handarbeit für eine „Steirische“

Sie ist das Aufsteirern-Instrument schlechthin - die Steirische Ziehharmonika. Die „Krone“ hat in Weinitzen die Harmonika-Erzeugung Schmidt besucht und den Handwerkern über die Schulter geblickt.

Harmonikas mit Leib und Seel’„ steht in großen Lettern über dem Eingang zum Betrieb der Firma Schmidt-Harmonikaerzeugung in Weinitzen nördlich von Graz. Und wer hier schon einmal zu Gast war, der weiß: Dieses Motto wird gelebt - vom Chef über die Mitarbeiter bis zum Nachwuchs, der hier mitunter durch die Flure düst. “Ich bin auch in der Werkstatt meines Vaters aufgewachsen", erinnert sich Franz Schmidt junior, der die Geschäfte seit elf Jahren führt.

Es ist eine stolze Geschichte, die er sich als Harmonikabauer auf die Schultern geschnallt hat. Alles begann im Jahr 1829, als der Wiener Orgel- und Klavierbauer Cyrill Demian das Akkordeon erfand. Schnell erfreute sich das tragbare Instrument großer Beliebtheit und wurde - meist von findigen Heimwerkern - kopiert und für das Liedgut der Alpenregionen adaptiert. Um 1870 wurden die ersten Instrumente gebaut, die der heutigen Steirischen gleichen. „Anfangs waren es kleine Ein- bis Zwei-Mann-Betriebe, die die Instrumente herstellten“, so Schmidt.

Die stolze Tradition der Steirischen Harmonika
Ab dem frühen 20. Jahrhundert sind größere Produzenten entstanden: “So gab es in Graz etwa den Harmonikabauer Stachl, wo mein Vater seine Lehre gemacht und später auch viele Jahre als Meister gearbeitet hat„. 1984 musste der Traditionsbetrieb allerdings schließen: “Das war auch der Moment, als mein Vater sich endgültig selbstständig gemacht und die Werkstatt im Erdgeschoß unseres Familienhauses zu einem eigenen Betrieb ausgebaut hat„, erinnert sich Schmidt. Und schnell wurden die Harmonikas wegen ihres reichen Klangbilds und der liebevollen Verarbeitung zu gefragten Instrumenten.

Bis zu 150 Stunden Handarbeit
Die Herstellung einer Steirischen Harmonika ist nichts für Ungeduldige: “Es stecken im Schnitt zwischen 50 und 150 Stunden Handarbeit in einem Exemplar„, sagt Schmidt. “Bei uns wird alles noch aus Vollholz gebaut - meistens wird dafür Fichte aus Österreich verwendet. Die ist leicht und hat hervorragende Klangeigenschaften.“

Technisch ist die Herstellung jeder Harmonika eine Meisterleistung, wie ein Rundgang durch die Werkstätten beweist: Tischlermeister Karl Heinz Jocham verleimt gerade die verzinkten Teile eines Rohkorpus. Noch braucht es viel Fantasie, um in den Holzkästen die Bestandteile des Instruments zu erkennen.

Nur einen Raum weiter hat Christian Grubbauer damit begonnen, die ersten Hebel und Ventile in das Holz einzuarbeiten. Neben ihm sitzen Matthias Baumegger und Harald Neuhold, der Schwager des Juniorchefs, und montieren die charakteristischen Knopferl, über die die Musiker später die Melodie “steuern„ werden. Diese Elemente wären heiße Luft ohne die Arbeit von Gerlinde Paar: Sie ist verantwortlich für die Balg-Herstellung: “Das Grundmaterial ist Karton, der mit dünnem Ziegenleder abgedichtet wird“, erklärt sie.

Hochspezialisierte Fachkräfte
“Unsere Mitarbeiter sind hochspezialisierte Fachkräfte, die jährlich gut 350 Instrumente bauen. Zusätzlich haben wir einen Lehrling, damit für Nachwuchs gesorgt ist“, so Schmidt. Aus gut 2500 Einzelteilen besteht jede Harmonika - der Großteil davon wird im Haus hergestellt. Nur einige Teile wie etwa die Metallzungen, die im Instrument in Schwingung gebracht werden und so für den Ton sorgen, werden von Spezialfirmen zugekauft. Doch auch jede dieser Metallzunge muss für jedes Instrument weiterverarbeitet werden.

Das ist die Aufgabe von Instrumentenstimmern wie Leo Heigl: „Ich schleife, feile und kratze sie so lange, bis sie genau die Schwingungen erreichen, die wir für die gewünschte Klangfarbe haben wollen.“ Dafür setzt man längst schon nicht mehr nur auf gutes Gehör, sondern auf Mikrofon, iPad und Spezialsoftware.

Auch die „Steirische“ durchläuft Moden
Zudem sind Überlegungen zum Design Teil der Arbeit: Denn auch ein Traditionsinstrument wie die „Steirische“ durchläuft Moden: „Bis vor einigen Jahren waren bunte Harmonikas mit Airbrush-Elementen angesagt, davor waren Beschläge aus echtem Gold einige Jahre extrem beliebt. Seit einigen Jahren geht der Trend aber eher in Richtung puren Holzes mit urigen Elementen und Schnitzereien“, berichtet Schmidt.

Doch es gibt natürlich auch Klassiker: die fein ziselierten oder gestanzten Beschläge - und natürlich auch Motive aus der Volkskunst: „Wir haben eine Künstlerin, die für uns schon seit über 30 Jahren in Heimarbeit Blumen und andere Motive der Bauernmalerei auf die Instrumente malt. Das kommt immer noch gut an.“

Seit 2018 auch eine eigene Musikschule
Am neuen Standort in Weinitzen, der 2018 eröffnet wurde, ist - neben Werkstatt und Verkaufsraum - auch Platz für eine eigene Harmonika-Schule: „Wir haben derzeit fünf Lehrer im Haus, die 43 Schüler unterrichten. Das Interesse wird immer größer“, ist der Harmonikabauer stolz. Es sind vermehrt auch Erwachsene, die hier noch einmal die Schulbank drücken, weil sie bei kleineren und größeren Feierlichkeiten ein Liedchen aufspielen möchten - etwa beim Aufsteirern.

Und so ist ein Rundgang am Festival für Schmidt auch ganz persönlich ein Volksfest: „Wenn ich sehe, wie viele von unseren Instrumenten da zu hören sind und für Stimmung sorgen, macht mich das stolz.“ Außerdem hat die ganze Familie seit genau zehn Jahren eine ganz besondere Beziehung zum Festival, wie Schwager Harald Neuhold erzählt: „Meine Frau hatte dort ihren Blasensprung. Unsere Marie ist ein echtes Aufsteirern-Kind.“ Kein Wunder also, dass die junge Dame mittlerweile auch selbst schon die Steirische spielt, wie sie bei unserem Besuch mit strahlendem Lächeln vorführt.

Christoph Hartner
Christoph Hartner
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