08.05.2019 06:00 |

Flugzeug-Inferno

Handgepäck: Egoismus kostete 41 Menschenleben

41 Menschen starben bei der Bruchlandung einer Aeroflot-Maschine am Sonntagabend in Moskau. Nur 37 Insassen überlebten. Die hohe Opferzahl dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass Passagiere die Evakuierung verzögert hatten - weil sie ihr Handgepäck mitnahmen.

Um 18.04 Uhr Lokalzeit startete Flug Aeroflot 1492 vom Moskauer Flughafen Scheremetjewo. Das Ziel: Murmansk. Doch dort sollte die Maschine vom Typ Suchoi Superjet niemals ankommen. Denn kurz nach dem Abheben wurde sie vom Blitz getroffen. Bei der Notlandung in Moskau setzte das Flugzeug dann hart auf, sprang dreimal zurück in die Luft und fing beim letzten Aufprall Feuer. Die Flugbegleiter begannen sofort mit der Evakuierung des Jets, doch von den vier Notausgängen standen nur die beiden vorderen zur Verfügung - die hinteren Türen waren bereits von einem Flammenmeer eingeschlossen.

Aeroflot-Passagiere erstickten und verbrannten qualvoll
Die internationalen Zulassungsvorschriften für Luftfahrzeuge besagen, dass ein voll besetztes Flugzeug in 90 Sekunden durch die Hälfte aller Ausgänge evakuiert werden können muss. Die mutigen Stewards und Stewardessen der Aeroflot schafften es sogar in nur 55 Sekunden! Trotzdem erstickten und verbrannten 41 der Reisenden qualvoll, unter ihnen auch zwei Kinder.

Feuerwehrkommandant: „In Wien-Schwechat wäre Eingreifzeit schneller gewesen“
Möglicherweise hätten noch deutlich mehr Menschen überleben können, wenn nicht einige Reisende ihr Handgepäck gerettet hätten, während sich die Kabine in Windeseile mit giftigen Rauchgasen und tödlichen Flammen füllte. Denn es zählt tatsächlich jede Sekunde, wie auch Roland Pachtner, Leiter der Feuerwehr des Flughafens Wien-Schwechat, im krone.at-Talk bestätigt. Er geht davon aus, dass im Fall des Aeroflot-Jets keine Voralarmierung erfolgt ist. Aus diesem Grund hätten die Feuerwehrkräfte „relativ lange gebraucht“, bis sie vor Ort gewesen seien. „Bei uns wäre die Eingreifzeit wesentlich schneller gewesen als in Russland“, versichert Pachtner (siehe auch Video unten).

Immer wieder nehmen Reisende Taschen mit
Diese Problematik ist nicht neu. Auch die Airlines wissen darüber Bescheid und versuchen, ihre Kunden entsprechend zu sensibilisieren. „Unsere Flugbegleiter informieren auf jedem Flug per Durchsage vor Start und Landung, dass Handgepäck im Notfall an Bord bleiben muss“, betont AUA-Sprecher Leonhard Steinmann gegenüber der „Krone“.

Doch im Ernstfall sind solche Worte bei den meisten Passagieren rasch vergessen, wie ein Blick auf die Statistik verrät. Denn bei fast jeder Notlandung der vergangenen Jahrzehnte zeigte sich das gleiche Bild: Überlebende, die bei der Evakuierung ihre Jacken, Kameras oder Laptops mitnahmen - und dadurch Leben gefährdeten.

Seit Jahren wird über Lösungen diskutiert
Aus diesem Grund suchen Experten schon länger nach einer Lösung für das Problem. Ein Ansatz ist, dass die Gepäckfächer über den Sitzen während Start und Landung verriegelt werden. Doch Kritiker dieser Methode befürchten, dass die Passagiere dann panisch an den Fächern rütteln und den Mittelgang erst recht blockieren würden.

Expertin: „Gehirn kann mit so einer Extremsituation nicht rational umgehen“
Wie man im Notfall als Passagier richtig handelt, ist in eigenen Trainings zu erlernen. „Eine Investition in die Sicherheit, die Leben retten kann“, weiß Luftfahrtexpertin Barbara Pencik von Aircraft Safety Network. Die Flugunfallermittlerin und Psychotherapeutin meint gegenüber der „Krone“, dass die Bilder von Passagieren, die ihr Handgepäck retten wollen, wissenschaftlich erklärbar seien: „Es ist der Extremsituation geschuldet, mit der unser Gehirn in dem Moment nicht rational umgehen kann.“

„Bis zum Aufsetzen des Jets gab es ja kein Feuer. Sekunden später fanden sich die Insassen in einem Flammeninferno wieder. Da schüttet der Körper große Mengen des Stresshormons Adrenalin aus. Das führt dazu, dass die Menschen zwar kurzfristig enorme physische Kräfte zum Überleben entwickeln, ihre kognitive Leistungsfähigkeit aber deutlich eingeschränkt ist“, erläutert die Expertin näher.

Die Menschen fielen „in erlernte und antrainierte Verhaltensmuster“ zurück. „Schon als Kinder lernen wir: Pass auf deine Sachen auf, lass nichts liegen, nimm immer brav alles mit. Man kann diese Kette nur durchbrechen, wenn man sich zuvor mental bewusst mit dem hoffentlich nicht eintretenden Notfall auseinandersetzt. Deshalb ist es auch ratsam, den Sicherheitsanweisungen des Personals vor dem Start genau zuzuhören und sie zu verinnerlichen - damit man sie im Fall des Falles ohne nachzudenken abrufen und entsprechend handeln kann“, rät Pencik.

Patrick Huber, Kronen Zeitung/krone.at

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