10.12.2018 07:00 |

Live in Wien

Henry Rollins: Der Punkrocker auf Weltreise

Henry Rollins gehört zu den buntesten Hunden des US-Entertainments. Zuerst war er Sänger der US-Hardcore-Legende Black Flag, startete dann mit der Rollins Band durch, wurde Schriftsteller, Radio-Host, Schauspieler, Spoken-Word-Performer und Fotograf. Als solcher bereiste er fast schon die ganze Welt und sammelte Eindrücke, die gar nicht mehr in ein Leben passen. Mit seiner „Travel Slideshow“ kommt er nun nach Wien und stellt sich und seine Erlebnisse genauer vor - in einem ausführlichen Interview gab er uns bereits vorab Einblick in die große weite Welt des Reisens.

„Krone“: Henry, du hast die Welt einerseits als Musiker bei Black Flag oder in der Rollins Band bereist, andererseits auch als Fotograf, Tourist und als eine Art Nomade. Was sind die größten Unterschiede zwischen diesen beiden Arten des Reisens und wo gibt es Parallelen?
Henry Rollins:
Das Touren in Bands brachte mich nach Europa, Australien, Neuseeland, Japan, Südamerika und sogar Südafrika. In manchen Teilen dieser Welt war ich mehrmals im Jahr. Aber die Musik hat mich niemals in Länder wie Laos, Nordkorea, Pakistan, Mali, China, Tibet oder die Antarktis gebracht. Diese Orte haben mir keine Bühne bereitgestellt und ich habe sie aus Eigeninteresse besucht. Wenn ich mich auf Tour befinde, wissen die Leute, dass ich komme und da gibt es eine Menge Aktivitäten und Verpflichtungen. In der Mongolei ist das natürlich nicht der Fall.

Richard Burton hat einmal gesagt: „Das größte Glück im menschlichen Leben ist es, in unbekannte Gebiete zu reisen.“ Stimmst du dieser Aussage zu? Und welche Bereiche der Welt haben dich am meisten fasziniert?
Das Zitat ist grandios! Wenn ich reise, habe ich immer das Gefühl, das richtige zu tun. Immer wenn ich daheim bin, vielleicht gerade eine Tourpause habe, denke ich, dass sich die Welt um mich herum zu schnell bewegt. Wenn ich allerdings reise, dann fühle ich die innere Genugtuung, das Bestmögliche aus meinem Leben zu machen. Manche würden das über ihre Familie und Freunde sagen, was natürlich völlig okay ist, aber ich lebe beim Reisen auf. Etwa als ich in der Antarktis war und die Pinguine mich anstarrten - das war richtiggehend surreal. Die Schönheit und Größe des Gebietes hat mich richtiggehend niedergerungen. Es war wie eine Art Wachtraum. Auch die Pyramiden von Gizeh werde ich nie vergessen. Oder wenn du in den unendlichen Wäldern von Ecuador stehst, wo du dich plötzlich klein und bescheiden fühlst. Andererseits reise ich auch gerne in Gebiete, die eine schlechte Beziehung zu den USA haben, unstabile Regierungen aufweisen oder es Wasser- und Essensknappheit gibt. Doch egal wo ich bislang war, die Menschen waren immer generös. Leute, die nichts haben, teilen selbst das mit dir.

Das Reisen ist ja auch wichtig für das gegenseitige Verständnis, eine gewisse Art von Erziehung und Bildung auch für die Toleranz. Was waren die wichtigsten Dinge, die du über das Reisen gelernt hast? Und wie hat dich das Reisen als Persönlichkeit verändert?
Ich lernte schnell, dass es unheimlich wichtig ist, dich schnell an die Kultur anzupassen und geschichtlich profund zu sein. Höflichkeit und Respekt sind essenziell für Reisende und du solltest keine Gelegenheit auslassen, dir bewusst zu machen, wo du gerade bist. Dir wird klar, dass sich Menschen aufgrund ihrer Historie entwickeln und zu dem wurden, was sie sind. Kriege, Plagen, Plünderungen, Vulkaneruptionen und andere Dringe prägen Land und Mensch. Du wirst nicht immer allen Entscheidungen und Regeln eines Landes zustimmen, aber du bist hier nicht zu Hause und musst dich anpassen. Die Menschen arbeiten wirklich sehr hart, um über die Runden zu kommen und ein möglichst schönes Leben zu führen. Sie verdienen Achtung und Respekt. Das Reisen hat mich gelehrt, die Menschen wieder zu mögen. In meinem Beruf gibt es so viele oberflächliche Typen, dass es gut tut, richtige Leute kennenzulernen.

In deiner „Travel Slideshow“ erzählst du Geschichten aus deinen Erfahrungen. Nach welchen Kriterien entscheidest du, welche Erlebnisse du teilst?
Wenn es wert ist, etwas zu kommentieren oder neu wiederzugeben, dann erweckt es mein Interesse. Wenn es nur darum, etwas eins zu eins wiederzugeben, ist mir das zu wenig. Es ist wichtig, dass man auch unter der Oberfläche kratzt und dem Publikum einen Mehrwert mitgeben kann. Die Leute sollen sich mit den Geschichten identifizieren können.

Was verstehst du unter dem Banner „Reisen“? Hat der bloße Ausdruck für dich eine spezielle Bedeutung?
Es gibt viele verschiedene Wege zu reisen. Für mich war der Schlüssel dazu, einen Platz wirklich so aufnehmen zu können, wie er ist, ihn nicht mit den Vorurteilen auszuschmücken, die du schon im Vorfeld gehört hast. Du landest in Ländern mit großer Armut und triffst Menschen, die nichts haben, aber erst wenn du dich auf die Gegebenheiten einlässt und nicht mehr von oben herab urteilst, erfährst du das wirkliche Leben. Das ist schwerer als du denkst, aber wenn du einmal den Dreh raus hast, gelingt dir das immer und du siehst die Welt aus einer anderen Perspektive. Einen Ort so sein zu lassen, wie er wirklich ist, hat mir diesen Ort immer noch nähergebracht als jedes Vorurteil. Es brauchte aber viele Jahre, um dieses Verständnis zu erhalten - das ging nicht so schnell, wie man vielleicht glaubt.

Verschiedene Länder haben verschiedene Kulturen, bei verschiedenen Kulturen muss man auch an die unterschiedlichen Einreisebestimmungen und -regeln denken. Hattest du dahingehend wilde Probleme?
Das Geldwechseln kann an manchen Orten wirklich eine Herausforderung sein. Vor allem dann, wenn du wo am Flughafen herumstehst, auf deinem Smartphone die gängigen Wechselkurse checkst und Freunde darauf achten müssen, dass dir das niemand gleich aus der Hand reißt. Wenn du da irgendwo um zwei Uhr morgens herumstehst, herrscht immer Gefahr. Das Besorgen der VISAs kann schwierig sein, etwa im Iran. Ich musste dafür nach Dubai, was den USA nicht gefallen hat. Um nach Nordkorea reisen zu dürfen, bedurfte es mehrerer Jahre voller Anfragen und Formulare. Es geht viel Zeit mit Telefonieren und Schlangestehen drauf, aber am Ende ist es das immer wert.

Gab es bestimmte Länder, die besonders schwierig zu bereisen waren und dich vor richtig schwierige Herausforderungen stellten?
Zentralasien war wirklich schwierig, so wie es allgemein nicht immer leicht ist, Landesgrenzen zu überschreiten. Manchmal fordern sie dich dazu auf, das ganze Gepäck zu leeren, um alles penibel durchkontrollieren zu können. Dann packst du zusammen, kommst über die Grenze, zur nächsten Kontrollstation und das Spiel beginnt wieder ganz neu von vorne. Dann musst du auf jemanden werten, der dich mitnimmt, weil es für die nächsten 50 Meilen plus kein Fortbewegungsmittel gibt. Die Unterkunft ist ein kalter Raum mit einem Kessel. Es ist alles okay, aber du musst dir dessen schon bewusst sein und das auch wollen - bei mir war das kein Problem. Ich würde überall hingehen, wo ich noch nicht war. Wenn etwas existiert, dann will ich es auch sehen.

Gibt es wirklich keinen Platz auf dieser Welt, auf den du verzichten würdest? Der dich so gar nicht reizt?
Vergnügungsparks, Zirkusse, Themenparks oder Luxuskreuzfahrten. Alles andere erweckt zumindest mein Interesse. Ich bin aber kein Abenteuerlustiger. Es gibt auf der Welt viele Orte, an die ich wohl nie reisen kann, weil sie einfach zu gefährlich und unsicher sind. Schlechte Planung wäre jedenfalls ein dämlicher Weg um zu sterben.

Inwieweit bist du mit Österreich bewandert und welche Erlebnisse hast du bei uns gemacht?
Als ich 1983 meine ersten Konzerte spielte, war Wien bereits dabei. Ich war dann noch einige Mal dort und habe sogar ein Livealbum in Wien aufgenommen. Ich fühle mich hier wirklich sehr wohl, auch wenn ich das Land bei weitem nicht so oft besucht habe wie Deutschland oder die Niederlande. Ich war sogar überrascht, als ich Wien auf der Liste für diese Tour sah, denn seit meinem letzten Besuch ist doch wieder viel Zeit ins Land gezogen. Es lag nicht daran, dass ich nicht wollte, aber es war offenbar kein Interesse der örtlichen Veranstalter vorhanden. Ich weiß nicht, was sich seitdem verändert hat, bin aber froh, wieder bei euch sein zu dürfen.

Als du jünger warst, wolltest du die Welt im Sturm erobern - heute geht es mehr darum, den richtigen Moment mit der richtigen Stimmung einzufangen und sich einzuprägen. Wenn wir von der Fotografie reden - was macht ein gutes Bild deiner Meinung nach aus?
Für gewöhnlich suche ich nach menschlichen Momenten. Ein Foto, das weit mehr zeigt und aussagt als das bloße Bild an sich, zeigt meist auch den Menschen oder die Menschlichkeit in einem ganz bestimmten Moment. Wenn das der Fall ist, dann bleibe ich bei einem Foto hängen.

Es ist bekannt, dass du eine sehr politische Person bist und gerade jetzt sehr viel auf der Welt zu sehen kriegst, was dir nicht gefällt. Wie fühlst du dich, wenn du Länder wie Nordkorea oder den Sudan bereist? Und haben deine Reisen auch schon oft eine Meinung über ein Land verändert?
Nicht wirklich, denn egal wo ich hinreise, ich treffe überall nette Menschen. Nordkorea hat mich nicht überrascht, sondern vielmehr meine Erwartungen bestätigt. Verängstigte, hungernde Menschen und eine korrupte Regierung - diese Kombination gibt es immer wieder in verschiedenen Ausführungen. Die Menschen in diesen Ländern sind meist wahnsinnig nett, aber ihre Regierungen sind familiäre Kriminellenvereinigungen. Eigentlich das, was auch die USA derzeit repräsentiert. Man muss in jedem Land mit dem nötigen Respekt, aber auch möglichst vorurteilsfrei unterwegs sein.

Über die Jahre hinweg haben sich Länder und Grenzen auch nachhaltig verändert und verschoben. Als Beispiele nehmen wir einmal Deutschland und die DRR, die ehemalige UDSSR oder Jugoslawien vor dem Krieg. Denkst du manchmal an die Veränderungen und welche Vor- und Nachteile dadurch in den verschiedenen Staaten entstanden sind?
Daran denke ich quasi unentwegt. In Dubai etwa siehst du sehr viele Menschen von den Philippinen arbeiten. Diese Art von Globalisierung macht nirgendwo Halt, sie ist quasi überall. Die Ernten nehmen ab und mehr und mehr Menschen leben von Tag zu Tag und sind mit Trinkwasserknappheit konfrontiert. Das ist auch ein Grund, warum sie weiterziehen und nicht bleiben wollen. Kriege und Kriminalität forcieren die Verschiebungen dieser Welt und ich bin mir sicher, dass da noch viel mehr auf uns zukommen wird. Die Menschen müssen langsam anfangen zu verstehen, dass Besitzdenken und das ewige Streben nach mehr im Endeffekt zu mehr Leid, Zerstörung und Tod führt. Der globale Umbruch wird die Kulturen noch in diesem Jahrhundert verändern. Vieles davon wird nicht willkommen sein und ich habe keine Ahnung, wohin uns das alles führen wird.

Viele Menschen behaupten gerne, dass Musik die Welt verbindet. Kannst du diese These bestätigen und gibt es vielleicht eine Geschichte dazu, die du selbst am eigenen Körper erlebt hast?
Korrekt, mit jeder Reise bestätigt sich das mehr und mehr für mich. Auf jedem noch so kleinen Markt auf dieser Welt wirst du immer einen Typen finden, der einen Musikkiosk betreibt. Es sind meist nur Bootlegs oder billig gebrannte CDRs, aber wenn du ehrliches Interesse an Musik zeigst, kommst du mit den Menschen ins Gespräch und sie spielen dir was vor. Sobald ich irgendwo auch nur das geringste Interesse an Musik zeige, beginnen die Leute zu schmunzeln und öffnen sich. Ein spezieller Moment dazu passierte vor einigen Jahren in Sri Lanka. Ich war in Kandy bei einer Familie einquartiert und begann mit deren Sohn zu reden. Ich habe meine Hard-Drive bei ihm angeschlossen und ihm einen Haufen Musik überspielt und er hat den restlichen Tag nichts mehr anderes gemacht, als sie gehört. Ich habe ihm „Fun House“ von den Stooges überlassen, das war sein absoluter Favorit. Irgendwo in den endlosen Bergen Sri Lankas gibt es also einen neuen Fan der Stooges.

Viele bezeichnen dich aufgrund der vielen Dinge, die du so treibst als „lebende Kulturikone“ oder einen „Renaissance-Mann“. Wie geht es dir mit solch doch großspurigen Zuschreibungen von außen?
Ich fühle mich weder wie der eine, noch wie der andere, sondern halte mich einfach immer beschäftigt. Manchmal geht weniger weiter, aber die meiste Zeit ist ein Tag bei mir wirklich sehr vollgepackt. Die Musik hat es mir immer erlaubt, in Länder zu reisen, die andere niemals sehen würden und Möglichkeiten zu haben, die anderen verwehrt bleiben. Eine gute Zuschreibung für mich wäre vielleicht „neugieriger Opportunist“.

Von all den vielen Dingen, die du so treibst - was machst du am liebsten bzw. wo fühlst du dich am meisten zuhause?
Alleine vor meinem Publikum auf der Bühne zu stehen ist wohl das Größte. Für mich war das immer völlig normal. Als nächstes kommt schon das Schreiben. Da ich ein Eigenbrötler bin, ist das eine gute Sache für mich. Dann kommt das Radio. Ich habe seit mittlerweile 14 Jahren eine Sendung und würde ich die verlieren, würde mich das ziemlich treffen. Das Schauspielern mag ich immer dann, wenn ich schon in der Rolle drin bin. Auditions oder auf einem Set zu warten gefallen mir schon weniger. Das wäre alles in punkto Arbeit. Abseits davon mag ich es einfach in einem Raum zu sitzen und Musik zu hören. Ich versuche mir am Tag fünf verschiedene Alben anzuhören. Das braucht natürlich viel Zeit, aber manchmal kann ich daneben auch schreiben und damit Zeit einsparen. Ich fühle mich wirklich privilegiert, dass ich all das so machen kann.

Gibt es noch Dinge, die du ausprobieren möchtest? Ziele, die du dir gesetzt hast?
Ehrlich gesagt nicht. Ich bin auch viel zu beschäftigt mit den Sachen, die ich jetzt schon so treibe, da ist noch nicht einmal Platz dafür, ordentlich darüber nachzudenken. Ich bin bis 2021 völlig durchgeplant und versucht einmal, all das geschehen zu lassen.

Am 15. Dezember ist Henry Rollins mit seiner „Travel Slideshow“ im Wiener Gartenbaukino zu Gast. Die Veranstaltung ist bereits restlos ausverkauft.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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