Mo, 10. Dezember 2018

„No World Order“

03.12.2018 14:00

Rokko Ramirez: Mahnmal gegen das Vergessen

Rokko Ramirez, „Österreichs härtester DJ der Welt“, veröffentlicht dieser Tage mit „No World Order“ endlich sein Debütalbum und kreuzt darauf Elektronik mit harschem Metal. Textlich befasst er sich mit den Leiden und Qualen des Ersten Weltkriegs. Bei der offiziellen Release-Party am 14. Dezember im Wiener U4 bekommen Fans und Neugierige einen genaueren Einblick in die Gedankenwelt des Vollblutmusikers.

„Mein neues Album ist eine einzige Kriegsneurose“ - so klar wie unzweideutig fällt die Eigeneinschätzung des österreichischen DJs Rokko Ramirez aus, wenn er über sein Werk „No World Order“ spricht. Als „Österreichs härtester DJ der Welt“ kokettiert er vor allem live bewusst mit Klischees und Vorurteilen und setzte sich dahingehend mit Themenbereichen wie Sadomasochismus, Sexismus und Alkoholismus auseinander. Konzeptionell ist Ramirez vielleicht ein Stefan Weber des 21. Jahrhunderts, musikalisch geht er aber wesentlich zeitgemäßer vor. Das lässt sich auch auf seinem Debütalbum erörtern, wo er selbst sämtliche Gitarren- und Bassspuren eingespielt hat, beim Programming aber von Lenny Sharkov unterstützt wurde und dazu noch wilde Metal-Growls vermischt.

Inspiriert von Trakl
Grob ist die Chose im modernen Metal angesiedelt, inhaltlich versucht sich Ramirez einmal mehr als Agent Provocateur. „No World Order“ dreht sich grob um die Tücken und Leiden des Ersten Weltkriegs, den seine Verwandten noch selbst miterlebt haben. Hauptsächlich inspiriert wurde das intensive Werk vom Salzburger Dichter Georg Trakl, der im Ersten Weltkrieg als Militärapotheker ins Heer einberufen wurde und die dort erlebten Qualen nicht verarbeiten konnte. Dass er den Sterbenden nicht zu Hilfe kommen konnte, stürzte ihn in schiere Verzweiflung. Im Gedicht „Grodek“ verarbeitete er wenige Tage vor seinem Tod seine Kriegserfahrungen - er starb nach Einnahme einer Überdosis Kokain an Herzstillstand. Noch heute ist ungeklärt, ob es sich um einen Unfall oder Suizid handelte. Auszüge aus „Grodek“ hat Ramirez direkt in einen Song einfließen lassen.

„Das Ganze ist ein Blick in die menschliche Seele, in ihrer gesamten Grausamkeit bis hin zu ihrer totalen Verwünschung“, erklärt Ramirez sein Werk, „daraus ist schlussendlich ein Konzept entstanden, das anfangs gar nicht so intensiv geplant war. Beeinflusst durch den gewaltigen Wiener Expressionismus eines überforderten Georg Trakl hat sich ein Stein zum anderen gesellt - ein katastrophales Kunstwerk und aktueller denn je.“ Gerade in Zeiten der politischen Umbrüche und des abnehmenden Humanismus erklingt die von Ramirez ausgesprochene Botschaft wie ein Mahnmal gegen das Vergessen. In Songs wie „Retrogott“, der Single „Isonzo“ oder „Sarin“ verarbeitet der Musiker stringent seine Recherchen zum Ersten Weltkrieg, kritisiert dabei auch Faschismus und falsche Religionshuldigung.

Gegen Rechtstümmelei
Musikalisch vermischen sich durchaus harsche, an den Black Metal erinnernde Passagen mit moderner Elektronik. Inhaltliche Parallelen zu den szenebekannten Schweden Marduk sind nicht von der Hand zu weisen, wenn auch sehr frei interpretiert: „Ich wollte mal absichtlich weg von diesem Nazikram und der diesbezüglichen Politik an sich, denn diesen Themen nehmen sich Bands wie Marduk schon seit Jahren an.“ So politisch und aneckend das Werk auch sein mag - für gewisse Gesellschaftsströmungen hat Ramirez kein Verständnis, wie er uns in einem Interview schon früher erklärte. „Der Unterschied zwischen Bands, die gerne mal auf die Historie zurückgreifen und denen, die das schamlos ausnutzen, um hetzerische Propaganda zu betreiben, ist ja offensichtlich. Jeder halbwegs intelligente Mensch merkt das, von Südtirol bis Deutschland. Wie man nach mehr als 50 Millionen Toten noch Nazi sein kann oder so Bewegungen wie Pegida sind mir einfach schleierhaft.“

Mit „No World Order“ will Ramirez auch den nächsten Duftstein in der heimischen Musiklandschaft setzen. In China hat er sich nach drei Touren und gefeierten Auftritten beim „Midi Modern Music Festival“ bereits eine erkleckliche Fanschar erspielt, in der österreichischen Heimat ist trotz Auftritten beim Nova Rock, dem Frequency oder beim Picture On Festival noch etwas Luft nach oben. Von den Qualitäten von „No World Order“ kann sich die Welt am 14. Dezember im Wiener U4 überzeugen - dort findet die offizielle Release-Party statt, wo der Künstler nicht nur sein Album vorspielt, sondern auch Impressionen aus China zeigt und für anregende Gespräche zur Verfügung stehen wird.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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