Do, 21. Februar 2019
26.11.2018 06:00

Das große Interview

Zeigen Sie‘s jetzt den Männern, Frau Rendi-Wagner?

Die neue SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner (47) spricht im Interview mit der „Krone“ über Luftsprünge und Wut, Sexismus und Feigheit, Kurz und Kern, und ihren Himmel voller Sterne.

Messehalle Wels, alles leuchtet SPÖ-rot, eine Partei feiert sich selbst. Gegen Mittag zieht sich die neue Vorsitzende in ein Zimmer zurück, während unseres Interviews werden draußen Anträge gestellt und diskutiert.

Auf dem Tisch vor ihr steht eine Obstschüssel mit Bananen, Birnen und Traubenzucker, in der Ecke eine kleine Couch. Pamela Rendi-Wagner klingt noch immer euphorisiert - 97,8 Prozent der Delegierten wählten am Samstag mit der Ärztin und zweifachen Mutter zum ersten Mal in 130 Jahren eine Frau an die Spitze der österreichischen Sozialdemokratie.

„Krone“: Frau Rendi-Wagner, im März 2017 sind Sie Sabine Oberhauser als Gesundheits- und Frauenministerin nachgefolgt. „Wie schwer ist dieses Erbe?“, war damals der Titel unseres Gesprächs. Das könnte ich Sie jetzt wieder fragen …
Pamela Rendi-Wagner: Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber nachdem es eine wichtige Entscheidung für die Partei und eine noch wichtigere Entscheidung für die Menschen in diesem Land ist, war mein Entschluss, „Ja“ zu sagen, rasch und klar. Auch weil es im Endeffekt hier um nicht weniger geht als um die Zukunft Österreichs.

Ihre momentane Stimmung in drei Eigenschaftsworten?
Gestärkt. Ermutigt. Und in einer großen Aufbruchsstimmung.

„Neuer Mut, neue Kraft“, heißt Ihr Slogan. Woher kommen Mut und Kraft bei Ihnen?
Aus dem Rückhalt und Rückenwind, aus der Unterstützung innerhalb der Partei, in den Bundesländern, den Parteiorganisationen, wie Gewerkschaft und Frauenorganisationen. Sie haben mich letztlich hierhergetragen, daraus schöpfe ich meine Kraft, meinen Mut, und natürlich aus meiner Familie.

Auffallend beim Parteitag war, dass populäre Politiker wie Doskozil oder Ludwig schlechtere Ergebnisse bekommen haben. Heißt das im Umkehrschluss, dass Sie - mit 97,8 Prozent interner Zustimmung - draußen bei den Menschen vielleicht auch nicht so beliebt sind?
Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass meine Aufgabe und auch die der Delegierten jetzt sein wird, von diesem Parteitag mit einem klaren Auftrag hinausgehen, und dieser Auftrag heißt, dass wir beginnen, die Lebensumstände der Menschen zu verbessern, dass wir die Menschen überzeugen, dass die Sozialdemokratie etwas ist, das ihnen guttut und diesem Land guttut.

Erste weibliche Vorsitzende in130 Jahren: Zeigen Sie’s jetzt den Männern?
Es gibt immer noch mehr Männer in der Politik als Frauen. Deshalb war meine Wahl ein sehr wichtiger Schritt der Öffnung. Was meine persönliche Beziehung zu den Männern in der SPÖ betrifft, kann ich Ihnen versichern, dass ich sehr, sehr gut mit diesen Männern zusammenarbeite, ganz egal, wen Sie gemeint haben sollten. Das entsteht aus einer ganz klaren Logik heraus: Ich brauche sie und sie brauchen mich. Es geht nicht darum, dass ich es ihnen „zeige“, sondern um ein Miteinander. Ich gehe nach vorne, ich renne für alle, aber es müssen auch alle mit mir rennen. Und genau das war für mich auf diesem Parteitag ganz stark spürbar.

Ist Weiblichkeit eine politische Kategorie?
Nein. Ich bin nicht deshalb eine bessere oder schlechtere Vorsitzende, weil ich eine Frau bin. Sondern weil ich das Richtige für die Menschen in diesem Land tun möchte.

Erst wenn alles in Trümmern daliegt, wird eine Frau gerufen - können Sie diesem Argument etwas abgewinnen?
Ich sehe das als große Ehre und Aufgabe und verbinde es in keinster Weise mit Zuschreibungen, die Sie jetzt genannt haben. Wir schauen nach vorne und nicht zurück. Das ist auch unser gemeinsamer Auftrag, den wir als Motto von diesem Parteitag mitnehmen.

Aber machen Frauen nicht tatsächlich vieles besser, in der Sprache, im Umgang, in der Betrachtungsweise?
Wir müssen uns den Menschen - egal ob sie links oder rechts von uns stehen - zuwenden und aufmerksam zuhören, um ihre Ängste zu verstehen, um Antworten auf ihre Fragen zu finden, Lösungen für ihre Probleme. Und Frauen sind tatsächlich sehr gut im Zuhören.

Die Messehalle Wels hat den Anfang und das Ende der Ära Kern markiert. Haben Sie kurz daran gedacht, einen andern Ort zu wählen?
Ich habe hier drei wirklich wunderbare Tage verbracht. Es war ein grandioser Parteitag mit einer grandiosen Stimmung. Wels, Graz, Klagenfurt oder Wien: Das ist nicht so wichtig. Wichtig ist die Energie, die Kraft, die hier entstanden ist, die tragen wir jetzt hinaus.

„Yes, We Pam“, „Rennen mit Rendi“: Finden Sie, dass das gelungene Bilder sind?
Das Rennen auf jeden Fall. Ich werde rennen, rackern, schuften, aber wir werden nur erfolgreich sein, wenn alle mitrennen. Und „Yes, We Pam“: Mit diesem Wortspiel kann ich gut leben.

Haben Sie das Lied von Coldplay ausgesucht?
Natürlich. Coldplay ist eine meiner Lieblingsbands und mir war es sehr wichtig, eine Musik für den Einzug zu wählen, die imstande ist, diese große Stimmung aufzubauen.

„A Sky Full Of Stars“ - ein Himmel voller Sterne: Offenbar sehen Sie sich als neuen Stern am Himmel der Sozialdemokratie?
Das ist eine nette Beschreibung. Aber es gibt in dem Song auch Zeilen wie „You light up the path“ - „Du erhellst den Weg“. Mir geht es darum, dass wir den Lebensweg der Menschen erhellen und so auch den Weg der Sozialdemokratie in die Zukunft. Abgesehen davon gibt es nichts Schöneres als einen Himmel voller Sterne. Deshalb hoffe ich, dass sich der Nebel lichtet und ich bald wieder einen Sternenhimmel genießen kann.

Christian Kern hat einmal gesagt, er fühle sich „wie ein Pünktchen im Ozean“ ...
Sehen Sie, und ich fühle mich wie ein Stern unter Tausenden Sternen. Weil ein Stern alleine macht noch keinen Sternenhimmel.

Der Sozialdemokratie fehlt europaweit ein Erfolgsrezept. Frage an Sie als Ärztin: Wie lautet Ihre Diagnose für die Partei und welche Therapie werden Sie ihr verschreiben?
Wir erleben in Europa gerade eine Zeit großer Veränderungen. Populismus und Nationalismus sind auf dem Vormarsch. Der Multilateralismus, der lange auf Augenhöhe sehr gut funktioniert hat, hat Risse bekommen. Das ist die Diagnose. Die Therapie ist es, die Europäische Union zu stärken, aber nicht durch Beharrung, sondern durch positive Veränderung. Zusammenhalt statt Egoismus, nur damit können wir eine Spaltung der Gesellschaft verhindern.

Würde ein homöopathisches Mittel für die Heilung genügen?
Ich bin Schulmedizinerin, ich würde so oder so keine Globuli verschreiben (lacht).

Vor dem eigenen Publikum war Ihnen in Wels der Jubel sicher. Aber war Ihre Kritik, der Kanzler hätte nichts getan in den vergangenen Jahren, nicht überzogen?
Nein, das war sie nicht. Schauen wir uns doch an, was in den letzten sieben Jahren in den Bereichen Integration und Migration weitergegangen ist, was im Rahmen des EU-Ratsvorsitzes erreicht wurde. Die Bilanz ist: Kurz hat nichts getan. Diese Kritik muss sich diese Regierung schon gefallen lassen, denn am Ende des Tages ist Politik kein Selbstzweck, weder für den Bundeskanzler noch für den Vizekanzler. Aber genau das ist es, was ich die letzten sieben Jahre bei Sebastian Kurz beobachten musste.

In Umfragen liegt er trotzdem mit 34 Prozent um neun Punkte vor Ihnen, Sie nur einen Punkt vor Strache. Was sagt Ihnen das?
Dass er sieben Jahre mehr Zeit hatte, diese Werte zu erreichen. Wir werden alles daransetzen, dass wir die Menschen mit unseren Zielen überzeugen. Im Übrigen ist Politik ein Marathon und kein Kurzstreckenlauf.

Sie haben den Bundeskanzler mit „Lieber Sebastian!“ angesprochen. Ist das nicht eine Gratwanderung, ihn persönlich zu kennen und gleichzeitig hart kritisieren zu müssen?
Ich glaube, das kann auch ein Vorteil sein. Weil ich so mit meiner Kritik persönlicher und deutlicher bin.

Würden Sie ihm das, was Sie ihm vorgeworfen haben, auch persönlich sagen?
Ich habe auch bei meinem Treffen mit dem Vizekanzler, das ein Arbeitsgespräch war, ganz deutlich meine Kritik zum Ausdruck gebracht und ich werde das auch so halten, wenn ich den Bundeskanzler treffe.

Weiß man schon, wann das sein wird?
Die Terminfindung läuft noch.

Man hat am Parteitag Luftsprünge von Ihnen gesehen, aber auch Wut. War das Ihre Wut oder die des Redenschreibers?
Das waren meine Emotionen.

Also gibt es keinen Ghostwriter?
Ich bin eine Teamplayerin und tausche mich selbstvertändlich mit meinem Team aus. Schließlich wird man nicht jeden Tag zur Parteivorsitzenden gewählt. Die Themensetzung stammt natürlich von mir. Das sehen Sie alleine schon daran, wie oft das Thema Gesundheit vorgekommen ist.

„Armselig, feig, arrogant“ haben Sie die türkis-blaue Regierung genannt. Nehmen Sie für sich dann in Anspruch, das Gegenteil zu sein?
Ich habe das auf ihre politische Arbeit bezogen. Das war keine persönliche Zuschreibung. Politik heißt für mich, die Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Und genau das macht diese Bundesregierung nicht und deswegen war ich in meiner Zuschreibung ganz klar. Zu mir selbst: Wäre ich feige, dann hätte ich die Entscheidung, die Partei hier und jetzt zu übernehmen, nicht getroffen. Ich würde mich auch nicht als arrogant bezeichnen.

Kern hat Ihnen in seiner Abschiedsrede Rosen gestreut. Er hat Sie ja 2017 zur Ministerin gemacht. Ist da noch ein Rest von Dankbarkeit oder zumindest Loyalität?
Ja. Mir war es wichtig, meine Rede und diesen Parteitag auch zu nützen, um mich persönlich bei Christian Kern dafür zu bedanken, dass er mir diese Chance gegeben hat, gestaltend in die Politik einzutreten. Und ich denke, es war auch ein richtiges Zeichen, dass er am Parteitag bei uns war, weil es zeigt, wie wir miteinander umgehen. Ich wollte von Anfang an, dass wir uns von unserem Parteivorsitzenden so verabschieden, wie wir das am Samstag getan haben.

„Weil ich nicht Christian Kern bin“, haben Sie bei Armin Wolf auf die Frage gesagt, warum Sie es besser machen werden. Was ist der markanteste Unterschied zu ihm?
Jede, jeder Parteivorsitzende ist anders. Christian Kern ist anders als Werner Faymann und Werner Faymann ist anders als seine Vorgänger. Jeder setzt seine unterschiedlichen Akzente. Christian Kern und ich sind unterschiedliche Persönlichkeiten und daher haben wir auch einen anderen Stil, Politik zu machen.

Was war sein schönster Satz?
(Denkt kurz nach) Was er über mich gesagt hat: „Sie ist eine wandelnde Kampfansage.“ Das fand ich schon eine sehr starke Aussage.

Und was war sein unnötigster Satz?
Mein Motto habe ich mir bewusst gewählt. Es heißt „nach vorne“ und deshalb setze ich mich nicht mit Vergangenheitsbewältigung auseinander.

Der Satz mit dem Bihänder oder doch der Vollholler?
Wir sollten all unsere Kraft und Anstrengungen in die Zukunft richten. Das halte ich auch so, wenn Sie mich mit Aussagen von Christian Kern konfrontieren.

Ein Wort zu Georg Dornauer junior?
Seine Aussage war aus meiner Sicht inakzeptabel und deswegen lautete die Konsequenz, dass er hier im Parteitag nicht Mitglied des Parteivorstandes werden sollte und auch nicht mein Stellvertreter.

Aber er muss nicht zurücktreten. Warum?
Entscheidungen, die die Bundespartei zu treffen hatte, habe ich sofort getroffen und ich sage Ihnen, das ist schon eine harte Entscheidung, weil im Bundesparteivorstand werden alle politisch-strategischen Maßnahmen diskutiert und letztlich auch entschieden, die für die SPÖ wichtig sind.

Werden Sie beim SPÖ-Kernthema Erbschaftssteuer künftig nicht mehr so zurückhaltend sein, sondern vielleicht etwas klarer?
Wir sind in dieser Frage immer klar gewesen. Es gibt entsprechende Anträge, die sich ganz klar für eine Erbschafts- und Vermögenssteuer ab einer Million aussprechen. Das ist kein Geheimnis. Dass ich das jetzt nicht immer in den Mittelpunkt stelle, heißt lediglich, dass mir das Thema der Entlastung der Menschen ein wichtiges ist. Deshalb will ich 1,7 Millionen Haushalte durch die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Mieten entlasten, und zwar um eine Monatsmiete pro Jahr.

Um so etwas durchzusetzen, brauchen Sie aber eine Mehrheit …
Es ist unser Angebot, das Leben der Menschen besser und gerechter und fairer zu machen. Wenn die Regierung auch dieser Meinung ist, dann soll sie diesen Weg mit uns gehen. Wo ein politischer Wille ist, da ist auch ein Weg.

Frau Rendi-Wagner, was sollen Ihre beiden Töchter einmal über Sie als Mutter sagen?
Unsere Mutter war immer für uns da und hat sich mit all ihrer Kraft für eine bessere Zukunft eingesetzt.

Und wie wär‘s mit: „Sie wurde erste Bundeskanzlerin in Österreich“?
Ja, das würde mich auch nicht stören, wenn sie das einmal sagen können. Und glauben Sie mir, Sie werden es einmal sagen.

Zu ihrer Person
Geboren als Joy Pamela Wagner am 7. Mai 1971 in Wien. Medizinstudium, Facharztausbildung in Wien und London, wissenschaftliche Arbeit und Habilitation am Institut für Tropenmedizin der Med-Uni Wien, Gastprofessur an der Universität von Tel Aviv. 2017 folgt die damalige Generaldirektorin für die öffentliche Gesundheit Sabine Oberhauser als Gesundheits- und Frauenministerin nach. Am Samstag zur ersten weiblichen SPÖ-Vorsitzenden in 130 Jahren gewählt. Verheiratet mit Michael Rendi, Beamter im Außenministerium. Das Paar hat zwei Töchter, neun und 13 Jahre alt.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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