Mi, 21. November 2018

Jobs-Tochter klagt an:

20.10.2018 06:01

„Es war furchtbar, mit diesem Mann allein zu sein“

„Anstatt mich großzuziehen, erfand er Maschinen, die die Welt veränderten.“ Das ist ein zentraler Satz über Steve Jobs von sehr privater Seite in den jetzt erschienenen Erinnerungen seiner ersten (unehelichen) Tochter Lisa Brennan-Jobs, deren Vaterschaft der langjährige Apple-Chef zunächst geleugnet hat. „Beifang“ ist im Berlin Verlag erschienen.

Es sind Kindheits- und Jugenderinnerungen voll Bitterkeit und Zärtlichkeit zugleich von einer offenbar wenig geliebten Tochter, die der Vater, selbst ein Adoptivkind, auf dem Sterbebett um Vergebung bat („Du hast etwas gut bei mir“). So steht es jedenfalls in diesen Erinnerungen mit dem deutschen Untertitel „Eine Kindheit wie ein Roman“, die auch in die frühe Atmosphäre des Silicon Valley der 80er Jahre mit ihrer Mischung von Künstlern, Hippies und Technik-Freaks führen.

„Für ihn war ich ein Makel in seiner Karriere“
Es sind zum Teil verstörende Erinnerungen einer heute 40-jährigen Frau, die mit neun Jahren bereits über einen längeren Zeitraum zum Therapeuten ging und die sich nach einem „wahren Vater“ voller Liebe und Zuneigung sehnte und gleichzeitig notiert: „Für ihn war ich ein Makel in seiner spektakulären Karriere.“ Aber hatte Jobs nicht seinen ersten Computer Lisa genannt? Andererseits: Warum gab er in der Öffentlichkeit (auch in seiner Firma) immer an, er habe drei Kinder (aus seiner Ehe), statt vier, wie Lisa in ihrem Buch bitter vermerkt. „Er war reich, berühmt und gutaussehend, aber nichts davon machte mich wirklich froh.“

Was nutzte der Tochter privat und emotional seine berufliche Genialität, fragte sie sich. War es nur bei ihr so, wie war es mit den anderen Familienmitgliedern? Das wird in dem Buch nicht weiter thematisiert. In einer Stellungnahme für die „New York Times“ betonte die Familie, sie habe das im Sommer erschienene Buch mit Traurigkeit gelesen, „weil es sich dramatisch von unseren Erinnerungen an diese Zeiten unterscheidet“. Der von Lisa geschilderte sei „nicht der Ehemann und Vater, den wir kennen“. Steve Jobs habe Lisa geliebt und er habe auch bedauert, dass er „nicht der Vater war, der er in ihrer frühen Kindheit hätte sein sollen“. Lisa Brennan-Jobs selbst wollte gegen den übergroßen Schatten eines berühmten Vaters anschreiben.

„Du hast keine vermarktbaren Fähigkeiten“
Als sich Jobs nach fast acht Jahren der „Abwesenheit“ in ihren ersten Lebensjahren seiner Tochter wieder annähert, erlebt die Heranwachsende ein Wechselbad der Gefühle, der Gehässigkeiten und ungelenken Liebesbeweise samt finanzieller Zuwendungen für Mutter und Tochter (ein Auto, 10 000 Dollar für eine Griechenlandreise oder Urlaub auf Hawaii hätte sich so mancher in ähnlicher Familienkonstellation auch gewünscht). Gleichzeitig verletzende Worte des Vaters, der nach den Worten der Tochter in der Schule „schüchtern und verklemmt“ war: „Du hast keine vermarktbaren Fähigkeiten“, was noch zu seinen „freundlichen“ Kritiken gehört. Als die Tochter einmal im Porsche-Wagen vom Vater mitgenommen wird und sie naiv fragt, ob sie den Wagen eines Tages haben könne, sagte Steve Jobs zu seiner Tochter, wie sie sich erinnert: „Du bekommst gar nichts. Verstehst du? Nichts. Du bekommst nichts.“

„Es war furchtbar, mit diesem Mann allein zu sein“
„Es war furchtbar, in diesem großen Haus mit diesem Mann allein zu sein“, erinnert sich die Tochter, die um die Vaterliebe eben dieses Mannes ringt. Wenn sie in dem Haus zusammen waren, guckten sie gemeinsam Filme wie „Casablanca“, „Der unsichtbare Dritte“, „Harald and Maude“ oder „Moderne Zeiten“. Bei seinem ersten Besuch im College, auf dessen Zulassung Lisa so stolz war, sagte er nur „Du musst abnehmen!“, wie die Autorin heute schreibt. „Er liebt mich nicht, deshalb benimmt er sich so. Die schlichte Wahrheit“, meint die damalige Jugendliche, die als heute erwachsene Frau diese „Kindheit wie ein Roman“ nacherzählt, wie der Untertitel der deutschen Ausgabe lautet, ein „Roman“ mal aus dem Blickwinkel des damaligen Kindes und der Heranwachsenden und dann wieder in der Rückschau der heute erwachsenen Frau erzählt. „Beifang“, wie der Titel des Buches lautet, nennen Angler die zu kleinen Fische, die sie wieder ins Wasser werfen. „Small Fry“ heißt das Buch im Original, übersetzt etwa mit „Kleine, unbedeutende Fische“

Diese wechselnden Blickwinkel machen es dem Leser nicht immer leicht, auseinanderzuhalten, wer sich wie erinnert. Auch verwundert, mit welcher Genauigkeit die damaligen Zwiegespräche zwischen Vater und Tochter im Wortlaut erinnert werden - vielleicht deshalb auch der deutsche „Roman“-Hinweis. Lisa erinnert sich auch an schöne und berührende Momente mit ihrem Vater, so, wenn er ihr zum Beispiel ein Bad bereitet mit schwimmenden Kerzen und Rosenblättern im Wasser. Und noch im Sterbebett sagt Jobs zu seiner Tochter, jedenfalls wie sie es hier aufschreibt: „Es tut mir leid, dass ich nicht mehr Zeit mit dir verbracht habe. Es tut mir so leid...Du hast etwas gut bei mir.“

Mutter „nicht gut im Sparen und Geldverdienen“
Aber da ist auch die Mutter, an der Lisa sehr hängt und doch mit der launischen bis jähzornigen Frau Kämpfe auszufechten hat. Die Künstlerin und „Hippie-Mutter“, die laut Lisa „nicht gut im Sparen und Geldverdienen“ ist, war sich nicht sicher, ob sie das Kind zur Welt bringen sollte, als sie mit Lisa schwanger war. „Ich hätte dich nicht bekommen sollen“ ist ein Satz einer Mutter, den ein Kind nie mehr vergessen wird. Aber: „Meine Mutter liebte mich schon“, was Lisa bei ihrem Vater bis zuletzt bezweifelte, selbst wenn er sich ihr wieder annähern wollte in seiner unbeholfenen und missverständlichen Art. „Selbst jetzt traute ich dem Frieden nicht“, erinnert sich die Tochter.

Doch: „Was wollte ich? Er brauchte mich nicht so, wie ich ihn brauchte.“ Und im Nachhinein ist die Tochter beinahe frustriert, wie sie der „New York Times“ sagte, dass Steve Jobs doch so viel Raum und Aufmerksamkeit in ihren Erinnerungen bekommen hat. Als ihr Vater schon Krebs hatte fragte er sie plötzlich: „Wirst du über mich schreiben?“ Die Tochter antwortete mit „Nein“ und mit der Bemerkung „Gut“ wandte sich Steve Jobs wieder dem Fernseher zu mit einer Folge der TV-Serie „Law & Order“. Steve Jobs starb 2011 mit 56 Jahren.

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