28.09.2018 06:00 |

Wird zur Belastung

Neue Führung der SPÖ im Dilemma: Was tun mit Kern?

Noch ist Christian Kern SPÖ-Chef. Noch hat der Kurzzeit-Kanzler seine in der Vorwoche überraschend geäußerte Absicht, Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei den EU-Wahlen im Mai 2019 werden zu wollen, nicht widerrufen. Aber in seinem Umfeld macht sich jetzt Skepsis breit, ob der 52-jährige Ex-Manager an seinem Entschluss überhaupt festhält. Die neue Parteiführung mit Pamela Rendi-Wagner und Thomas Drozda bringt das in ein Dilemma.

Rendi-Wagner und Drozda bläst parteiintern ein ziemlich scharfer Wind entgegen. Aus der von Bürgermeister Michael Ludwig geführten Wiener Rathaus-SPÖ kommen oberflächlich als freundliche Ratschläge verpackte Warnungen an die neue Spitze. Dem abtretenden Parteichef Kern, dem in den Rücktritt gedrängten Klubchef Andreas Schieder und dem kühl verabschiedeten Bundesgeschäftsführer Max Lercher werden Krokodilstränen nachgeweint. So viel Sympathie wie jetzt hatten die Wiener Sozialdemokraten für Kern, Schieder und Lercher früher nicht übrig.

Beschimpfung aus der Steiermark
Ganz anders, deutlich härter als der klebrig-süße Wiener Ton, hört sich die Kritik aus der Steiermark an der künftigen Parteichefin Rendi-Wagner und ihrem Bundesgeschäftsführer Drozda an. Vor allem Drozda wird arg hergebeutelt. Ein „Bobo“ sei er, schimpft eine steirische SPÖ-Abgeordnete öffentlich. „Bobo“, die jugendsprachliche Abkürzung für bourgeois und bohémien, gilt unter Linken als Schimpfwort für Menschen, die sich gerne mit dem Luxus der Oberschicht schmücken.

Angelastet werden Rendi-Wagner und Drozda vor allem, dass sie als Vertraute von Kern gelten. Der ehemalige Bahn-Manager ist nach seinem seltsamen Rückzug auf Raten bei vielen Funktionären unten durch.

Schwere Hypothek für neues Führungsduo
Für das neue Führungsduo der SPÖ bedeutet das eine schwere Hypothek. Zumal sie sich schwer von Kern distanzieren können. Er war es schließlich, der Rendi-Wagner und Drozda nach dem Sturz von Werner Faymann in die Regierung geholt hatte. Ihr jetziger Aufstieg ist eng mit Kerns Abstieg verbunden.

Berater in der SPÖ meinen, es wäre wichtig, dass Rendi-Wagner und Drozda nicht länger als Vertraute von Kern wahrgenommen werden. Problematisch ist aber, dass die beiden demnächst mit dem Ex-Kanzler als EU-Spitzenkandidat durch Österreich tingeln müssen. Jeder öffentliche Auftritt wird an die Verbundenheit mit dem gescheiterten SPÖ-Chef erinnern. Dazu kommen in der Parteizentrale zunehmend Zweifel, ob Kern überhaupt bis zu den Europa-Wahlen im kommenden Mai durchhalten wird.

Am Mittwoch hat das Gerücht die Runde gemacht, dass er alles hinschmeißen wolle. Kerns merkwürdiger Auftritt in der „ZiB 2“ am Dienstag war zusätzliche Nahrung für das Gerede um seine Zukunft. Im ORF hatte der scheidende SPÖ-Chef auf die Frage, ob er das Amt des EU-Spitzenkandidaten der Sozialdemokraten überhaupt anstrebe, gesagt: „Das steht am Ende eines Prozesses. Es ist nicht unbedingt mein Ziel, Spitzenkandidat zu sein.“

SPÖ plötzlich ohne EU-Spitzenkandidat?
Aussagen, die in der SPÖ-Zentrale Ratlosigkeit hinterlassen haben. Es wird befürchtet, dass Kern in den kommenden Monaten wie ein Klotz am Bein mitgeschleppt werden muss. Und sollte der Ex-Kanzler dann doch ganz von der politischen Bühne abtreten, stehen Rendi-Wagner und Drozda ohne Spitzenkandidat für die EU-Wahl da.

Claus Pándi, Kronen Zeitung

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