Mo, 20. August 2018

Wiens Esoterik-Skandal

16.03.2018 19:34

Spitäler-Chef spricht auch über „Flussgeister“

Der „Energie-Schutzschild“ rund um das KH Nord, der Wiens Steuerzahler 95.000 Euro kostet, hat vielleicht auch etwas Gutes: Die teure Esoterik-Verrücktheit (wir berichteten) zeigt, wie eine Magistrats-Abteilungsleiterin trotz Pannen, Kostenüberschreitungen und Polizeiermittlungen immer weiter im Wiener Rathaus aufsteigt – bis zur Projektleiterin einer Milliarden-Baustelle. Und: Wiens Spitäler-Chef sprach jetzt mit krone.at auch noch über eine „Flussgeister-Beschwörung“ an seinem früheren Arbeitsplatz. Für die Opposition ist SPÖ-Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger endgültig rücktrittsreif.

Keinesfalls freiwillig hatte die Gesundheitsstadträtin auf den Esoterik-Skandal im KH Nord reagiert: Erst nach dem ersten Bericht in der „Krone“ über den Ex-Autohändler Christoph F., der als „Bewusstseins-Forscher“ die Spitals-Baustelle für viel Geld mit einem „Energie-Schutzring“ umgeben wollte und am Grundstück angeblich auch die „Schwingungen erhöht“ habe, zog die SPÖ-Politikerin ihre Projektleiterin ab, die den Esoterik-Coach angeheuert hat.

Korruptionskrimi nach Telefonüberwachung
Eine nur etwas intensivere Recherche über die Vergangenheit dieser Spitzenbeamtin hätte gezeigt, dass Susanne L. vielleicht besser nicht die Programmleitung bei einem 1,6-Milliarden-Projekt übernehmen hätte sollen: L. war bereits 2012 im Visier des Bundeskriminalamts. Telefonüberwachungen in einer anderen Causa brachten die frühere Leiterin der MA 33 („Wien leuchtet“) unter Korruptionsverdacht – es ging um eine massive Kostenüberschreitung bei der Erneuerung der Beleuchtung der Ringstraße.

Trotz dieser Verdachtsmomente und trotz einer ersten Suspendierung war die Karriere von L. im Rathaus nicht beendet – im Gegenteil: Sie wurde 2009 zur Chefin der Gruppe Tiefbau hochgelobt. Und weil das Ermittlungsverfahren gegen sie eingestellt wurde, durfte sie nun das größte Prestigeprojekt der Stadtregierung leiten, den Bau des Krankenhauses Nord ...

Flussgeister beschworen, aber „ohne Auftrag“
Dass Susanne L. ganz allein von sich aus beschlossen haben soll, den „Bewusstseins-Forscher“ zu engagieren, halten Rathaus-Insider für „ziemlich unwahrscheinlich“. Die Esoterik-Posse könnte von „weiter oben“ abgesegnet gewesen sei, dafür sprechen mehrere Indizien: So bestätigte der Direktor der Wiener Spitäler, Herwig Wetzlinger, dass an seinem früheren Arbeitsplatz im Klinikum Klagenfurt eine „Beschwörung der Flussgeister“ der Glan im Jahr 2004 stattgefunden habe – Mitarbeiter streuten Rosenblätter in das Wasser. Im Gespräch mit der „Krone“ ist sofort klar, dass er davon gewusst hat. Wetzlinger: „Dafür gab es aber keinen Auftrag.“ Offiziell stellt die KAV-Presseabteilung dazu klar, dass Direktor Wetzlinger zum Zeitpunkt der Geisterbeschwörung „möglicherweise auch auf dem Spitals-Areal war“.

Durchstich der Glan im Beisein von Jörg Haider
Laut Wetzlinger habe es sich damals um einen Durchstich der Glan gehandelt. „Dabei wurde die Glan anlässlich des Baus des Landesklinikums Klagenfurt umgeleitet und in ihr ursprüngliches Flussbett zurückgeleitet. Bei diesem Termin waren offenbar auch Anrainer anwesend, die anlässlich der Rückführung des Flusses in sein ursprüngliches Flussbett Rosen in den Fluss streuten“, so Wetzlinger. „Von der Beauftragung eines ‚Energetikers‘ für das KH Nord habe ich vorab nichts gewusst und hätte es auch nicht befürwortet. Alles Weitere werden die beauftragten Kommissionen klären“, so Wetzlinger.

Gudenus: „Nur ein Beispiel von vielen“
Viel positive Energie zusätzlich werden der Spitäler-Chef und seine Gesundheitsstadträtin in nächster Zeit sicher nötig haben: Die FPÖ wird nun ebenfalls den Staatsanwalt informieren. Klubobmann Johann Gudenus: „Dieser Esoterik-Auftrag war ja nur ein Beispiel von vielen, wie das Geld der Steuerzahler in Wien verpulvert wird.“ Eine Untersuchungskommission werde ebenfalls diese freihändige Auftragsvergabe beim KH Nord aufarbeiten. Und: „Stadträtin Frauenberger muss natürlich unverzüglich zurücktreten.“

Erzdiözese Wien besorgt über Esoterik-Auftrag
Der „bedauerliche Vertrauensverlust“ in die Kirche bereitet übrigens auch namhaften Vertretern der Erzdiözese Wien Sorgen. In einer Social-Media-Nachricht richtete die Diözese der rot-grünen Stadtregierung am Donnerstag aus: „Ein einfacher Segen wäre günstiger gewesen.“

Richard Schmitt
Richard Schmitt

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