So, 19. August 2018

"Wie in Stalingrad"

21.02.2009 16:47

Brigadier zu Zuständen in den Kasernen

"Das schaut aus wie Stalingrad!" Mit diesen drastischen Worten beschreibt Brigadier Dieter Jocham, Kommandant der Heeresversorgungsschule, den Zustand der Wiener "Vega-Payer-Weyprecht"-Kaserne in Wien. Und sie ist nicht das einzige Soldatenheim, das mit diesen Problemen zu kämpfen hat: Undichte Fenster, fehlender Außenputz, Kohlenheizung, Schimmel sowie veraltete Küchen und ekelhafte Sanitärräume - einige Kasernen des österreichischen Bundesheers sind in desaströsem Zustand. Beim Bundesheer spricht man von "teilweise lebensbedrohlichen" Bauzuständen, Fotos der Österreichischen Offiziersgesellschaft belegen das. Verteidigungsminister Norbert Darabos konnte am Freitag lediglich mit der Ankündigung konkreter Baumaßnahmen kontern.

Die "vergessene Kaserne" nennt Jocham die "Vega-Payer-Weyprecht"-Kaserne. Er warte seit Jahren auf die dringende Sanierung, diese werde aber immer wieder aufgeschoben oder nur im "Schneckentempo" vorangetrieben. Den Grund dafür sieht Jocham darin, dass 80 Prozent des Baubudgets für Wien in die "Rossauer"-Kaserne und die "Stift"-Kaserne fließen. Dabei seien zehn Objekte der "Vega-Payer-Weyprecht"-Kaserne in einem "ganz katastrophalen Zustand".

Dabei werden in der sogenannten "Großen Breitenseer Kaserne" jährlich 4.000 Soldaten ausgebildet. Neben der Versorgungsschule sind dort auch die Zentralküche des Heeres und Teile des Heereslogistikzentrums untergebracht. Als sie um 1900 errichtet wurde, war die Kaserne eine der modernsten in der Monarchie. Seit ein paar Jahren steht sie unter Ensembleschutz.

Heute fehle es an einer Sporthalle, Ausbildungshallen und Studienräumen, erklärt Jocham. Nur die Hälfte des Areals verfüge über Zentralheizung, in den leerstehenden Gebäuden gebe es Wassereinbruch und die Nichtsanierung gehe an die Bausubstanz. Es bestehe die Gefahr des Zusammenbruchs, warnt Jocham. An den zehn sanierungsbedürftigen Gebäuden fehle fast komplett der Außenputz. Es gebe gebrochene Fenster, undichte Türen, verfaulte Fußböden und feuchte Wände.

Eine Milliarde fehlt
Das Problem ist nicht neu, sondern das Ergebnis des notorischen Geldmangels beim Heer. In Summe soll für Sanierung und Neubau der notwendigen Infrastruktur eine Milliarde Euro fehlen. Das entspricht der Hälfte des jährlichen Heeres-Budgets. Die baulichen Probleme sind deshalb zahlreich, reichen von verschimmelten Räumen über kaputte Fenster und Tore bis hin zu veralteten Küchen und Sanitärräumen. Nicht mehr zeitgemäß sind auch Heizungen, was nicht zuletzt mit unnötiger Energieverschwendung verbunden ist. Bei manchen Gebäuden ist der desolate Zustand mit freiem Auge von außen zu erkennen, wenn etwa der Außenputz fehlt. Zusätzlich mangelt es auch an Sporthallen, Freizeiträumen, Ausbildungshallen und Garagen, so dass teures Gerät im Freien stehen und verrosten muss.

"Teilweise lebensbedrohlich", "Dritte-Welt-Substandard"
Der Präsident der Offiziersgesellschaft (ÖOG), Eduard Paulus, warnt für etliche Kasernen am Bundesgebiet vor "teilweise lebensbedrohlichen" Bauzuständen. "Die Zustände schreien zum Himmel", kritisiert er die "Versäumnisse der letzten 30 Jahre aufgrund permanenter Unterdotierung des Verteidigungsbudgets". Kritik gab es auch an der Regierung für das Ignorieren von Kasernen-Sanierung und -Neubau im Konjunkturpaket. Deshalb fordert die ÖOG für die nächsten vier Jahre je 250 Millionen Euro zusätzlich, mit denen die Heeres-Gebäude wieder auf Vordermann gebracht werden sollen.

Paulus spricht wörtlich von einer "baulichen Schande der Nation mit Dritte-Welt-Substandard". Präsenzdiener seien zum Teil "schlechter untergebracht als Gefängnisinsassen und Asylwerber". Als Beispiel nennt er die "Vega-Payer-Weyprecht"-Kaserne in Wien, ein um 1900 errichtetes, denkmalgeschütztes Gebäude, das heute verfalle. Die Probleme dort: Wassereintritt, verschimmelte Lehrsäle, durchgerostete Abflüsse, kaputte Türen, Kohleöfen und stinkende Ölöfen. Trotzdem würden dort am Sitz der Heeresversorgungsschule jährlich mehr als 4.000 Soldaten ausgebildet. "Und das ist nur ein Beispiel für die baulichen Zustände im Bundesheer", so Paulus.

Zwölf Problem-Kasernen
Zu den zwölf derzeitigen Problem-Kasernen zählen neben der Wiener "Vega-Payer-Weyprecht" Kaserne auch die "Maria Theresien"- und die Schwenkgasse-Kaserne in Wien, die "Burstyn"-Kaserne (Niederösterreich), die "Montecuccoli"-Kaserne in Güssing, die "Gablenz"-Kaserne in Graz, die "Von der Groeben"-Kaserne in Feldbach und die "Schwarzenberg"-Kaserne in Salzburg.

Darabos: Bereits 230 Millionn Euro investiert
Verteidigungsminister Norbert Darabos kontert die Vorwürfe damit, dass er seit seinem Amtsantritt bereits 230 Millionen Euro in Erhalt und Neubau von Kasernen investiert habe. Darabos betont, auch weiterhin investieren zu wollen: Das Bundesheer sei mit seinen Investitionen "zweifelsohne ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für Österreich". Von den Baumaßnahmen würden sowohl die Truppe als auch die heimische Bauwirtschaft profitieren.

Die Wirtschaft werde angekurbelt und Arbeitsplätze gesichert. "Gerade vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise ist es daher zweckmäßig, diese Investitionen fortzusetzen." Auch heuer seien Bauprojekte in Planung. So soll mit Hilfe von 40 Millionen Euro aus der bemängelten Kaserne in Güssing die "Musterkaserne" Güssing werden. Auch die "Benedek"-Kaserne im Burgenland, die "Raab"-Kaserne in Niederösterreich und die "Jansa"-Kaserne sollen mit fast neun Millionen Euro renoviert werden.

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