So, 19. August 2018

Papst verärgert

05.02.2009 12:40

Rom: Williamson soll sich "eindeutig distanzieren"

Dem Streit um die Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Richard Williamson versucht der Vatikan jetzt mit einer öffentlichen Erklärung des ultrakonservativen Bischofs zu entkommen. Aus Rom hieß es am Mittwoch, man fordere Williamson auf, sich "eindeutig und öffentlich" von seinen Äußerungen distanzieren, bevor er "wieder voll in die Kirche aufgenommen werden kann". Unabhängig davon, ob der Hirte der Piusbruderschaft Gesagtes und wohl auch Gemeintes nun widerrufen sollte - vonseiten der jüdischen Gemeinschaft und der Politik im Papst-Heimatland Deutschland wird der erneute Kirchenrauswurf Williamsons gefordert - was Papst Benedikt XVI. angeblich sehr verärgert. Er sei "geradezu entsetzt" über die Kritik, hieß es.

Papst Benedikt XVI. hatte kürzlich die seit 1988 bestehende Exkommunikation der vier Bischöfe der ultrakonservativen Piusbruderschaft aufgehoben. Zu diesen gehört auch der Brite Williamson, der in einem Interview mit einem schwedischen Privatsender in Deutschland (der Screenshot oben zeigt das Interview in der Fassung eines argentinischen Senders) die Existenz von Gaskammern im Dritten Reich leugnete.

Auszüge aus der Distanzierungs-Aufforderung des Vatikans an Williamson im Wortlaut findest du in der Infobox!

Laut dem Vatikan soll der Papst nichts von Williamsons Aussagen gewusst haben, als er die Aufhebungspapiere unterzeichnete. Wohl aber dürften Mitarbeiter aus seinem näheren Umfeld darüber Bescheid gewusst haben. Die vier selbst ernannten Bischöfe dürfen in der katholischen Kirche übrigens keine priesterlichen Tätigkeiten ausüben. Die Aufhebung macht sie lediglich wieder zu ordentlichen Kirchenmitgliedern.

Massive Kritik aus Papst-Heimat Deutschland
Die heftige Kritik aus Politik und Kirche in Deutschland am Papst riss unterdessen auch am Mittwoch nicht ab. Nach CDU-Chefin und Kanzlerin Merkel forderte auch SPD-Chef Franz Müntefering den Vatikan auf, die Aufhebung der Exkommunikation Williamsons rückgängig zu machen. "Ich halte die Rehabilitierung eines Bischofs, der den Holocaust leugnet, für inakzeptabel. Das ist ein schwerer, historischer Fehler, den die Kirche so schnell wie möglich korrigieren muss", sagte Müntefering der "Berliner Zeitung.

Auch der Berliner Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky forderte den Papst zu einer Rücknahme der umstrittenen Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Williamson auf. "Den Holocaust zu leugnen ist ungeheuerlich und eine große Belastung für die Beziehungen zum Judentum", sagte Sterzinsky der "Bild". Die Exkommunikation von Williamson aufzuheben sei ein Vorgang, den er nicht für richtig halte. "Das muss in Ordnung gebracht werden", erklärte der Erzbischof.

Papst "geradezu entsetzt" über Kritik
Der Papst selbst ist offenbar sehr verärgert über die offene Kritik aus seinem Heimatland Deutschland. "Im Vatikan ist man über die Diskussion in Deutschland geradezu entsetzt", sagte der CDU-Politiker Georg Brunnhuber der "Financial Times Deutschland" nach einem persönlichen Gespräch mit Benedikt XVI. in Rom. "Es herrscht der Eindruck, dass alle antikatholischen Ressentiments, die in Deutschland schlummern, jetzt an die Oberfläche kommen."

Merkel hatte den Papst am Dienstag zu einer Klarstellung aufgefordert, dass eine Leugnung des Holocaust nicht geduldet werde. Im Vatikan sei man verwundert über die Debatte, sagte Brunnhuber, der im Rahmen einer Generalaudienz mit dem Papst gesprochen hatte. "Hier unterstellt niemand dem Papst, dass er antisemitische Äußerungen duldet."

Auch Papst-Bruder kritisierte Merkel
Merkel - sie selbst ist Protestantin - wurde für ihre Forderung an den Papst bereits am Mittwoch aus Kirche und CSU scharf kritisiert. Es sei "unbegreiflich und empörend", wie die Integrität Benedikts XVI. derzeit sogar von staatlicher und politischer Seite infrage gestellt werde, sagte der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke. Er sei darüber bestürzt. Auch Papst-Bruder Georg Ratzinger zeigte sich von Merkel persönlich enttäuscht: "Ich habe sie immer als vernünftige Frau gesehen. Aber vielleicht steht sie momentan auch unter Druck, dass sie sich jetzt so äußert, wie sie es vernünftigerweise nicht machen würde", sagte der frühere Regensburger Domkapellmeister der "Leipziger Volkszeitung".

Williamson hält Aussagen für "nicht strafbar"
Richard Williamson, gegen den Ermittlungen in Deutschland laufen, hat indes durch seinen Anwalt ausrichten lassen, er halte seine in dem Fernsehinterview verbreiteten Aussagen nicht für strafbar. Wie der Leitenden Regensburger Oberstaatsanwalt Günther Ruckdäschel am Mittwoch der "Financial Times Deutschland" berichtet, versucht sich der Brite der Strafverfolgung in Deutschland mit dem Argument zu entziehen, der habe von dem schwedischen Interviewer-Team die Zusage bekommen habe, dass das Interview ausschließlich in Schweden ausgestrahlt werde - wo es derartige Verbotsgesetze wie in Deutschland natürlich nicht gibt.

Einer der beteiligten Journalisten hat sich bereits bei der Staatsanwaltschaft gemeldet. Unter Umständen würden er und seine Kollegen über ein Rechtshilfeverfahren vernommen, sagte Ruckdäschel der "FTD". Die bayerische Justiz ermittelt seit dem 23. Jänner wegen des Verdachts auf Volksverhetzung gegen Williamson.  Wegen seiner Aussagen drohen Williamson nach deutschem Recht eine Geld- oder Haftstrafe. Da Williamson offenbar nicht vorbestraft sei, sei eine Geldstrafe wahrscheinlich, so Ruckdäschel.

"Papst muss entscheiden, auf welcher Hochzeit er tanzt"
Der Zentralrat der Juden in Deutschland zeigte sich angesichts des Vatikan-Appells an Williamson bisher unbeeindruckt und fordert weiterhin eine vollständige Abkehr des Vatikan von der Pius-Bruderschaft. Mit einer Kirche, der auch die Priesterbruderschaft angehöre, könne es keinen partnerschaftlichen Dialog geben, sagte der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer.

"Der Papst muss sich entscheiden, auf welcher Hochzeit er tanzen will." Entweder, er stehe für die Kirche der Aufklärung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, oder für die Kirche des Traditionalismus mit den Pius-Brüdern. "Beides geht nicht", sagte Kramer. Die Aufforderung des Vatikan an den traditionalistischen Bischof Richard Williamson, die Leugnung des Holocaust zu widerrufen, geht Kramer nicht weit genug. "Williamson gehört seit 1989 zu den Hardcore-Antisemiten in der Pius-Bruderschaft, und die geforderte Abschwörung ist völlig unglaubwürdig", sagte der Zentralrats-Generalsekretär. Dass der Vatikan seine Widerrufs-Forderung als Lösung des Konflikts anbiete, sei "eine Beleidigung an alle gutwilligen intelligenten Menschen, die zur Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche bereit sind". Die Nachricht aus Rom sei daher "allenfalls ein erstes Zeichen der Bewegung", sagte Kramer.

Jüdischer Weltkongress begrüßt Papst-Appell
Der Jüdische Weltkongress hat das Vorgehen des Vatikans gegen Williamson indes begrüßt. Kongress-Präsident Ronald S. Lauder sagte am Mittwoch: "Dies war das Signal, auf das die jüdische Welt gewartet hat." Der Vatikan sei schlecht beraten gewesen, die Exkommunikation der vier Bischöfe aufzuheben. Es gebe Anzeichen dafür, dass der unverhohlene Antisemitismus in der Pius-Bruderschaft kein Einzelfall sei, heißt es weiter. Papst Benedikt XVI. müsse dafür sorgen, dass nicht vier Jahrzehnte katholisch-jüdischen Dialogs von einer Minderheit beschädigt werden, sagte Lauder. Antisemiten dürften in der Kirche nichts zu sagen haben.

Der Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg zeigte sich enttäuscht über den Papst und misstrauisch gegenüber der katholischen Kirche. Gleichzeitig räumte er in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" ein, dass Benedikt "bestimmt kein antisemitisches Zeichen setzen" wollte. "Der Papst ist zunächst das Problem der Katholiken und nicht der Juden."

"Illegale Bischöfe" rehabilitiert
Williamson hatte in einem Interview mit dem schwedischen Fernsehen die Ermordung von sechs Millionen Juden in den Gaskammern der Nazis bestritten. Er ist einer von vier Bischöfen der vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre 1970 gegründeten Priesterbruderschaft St. Pius X., deren 20 Jahre zurückliegende Exkommunikation der deutsche Papst kürzlich aufhob. Lefebvre (1905-1991), der die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Glaubensfreiheit sowie die 1969/70 eingeführte Liturgiereform ablehnte, hatte 1988 entgegen der Weisung des Heiligen Stuhls vier Männer zu Bischöfen geweiht. Ein derartiger Akt zieht nach Kirchenrecht (can. 1382) die automatische Exkommunikation (excommunicatio latae sententiae) der Beteiligten mit sich.

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