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27.09.2016 - 19:20
Foto: Christian Jauschowetz, Gerald Hartwig/zeichenstrich.de

Grazer Amok- Prozess: Alen R. tötete absichtlich

22.09.2016, 16:40

Die Aussagen der Zeugen im Prozess gegen den Grazer Amoklenker bringen eine erschütternde Erkenntnis: Auf der mehr als zwei Kilometer langen Fahrt durch die Grazer Altstadt hätte Alen R. (27) mit seinem zwei Tonnen schweren SUV einen anderen Weg nehmen können. Viele Opfer hätte es gar nicht geben müssen. Aber der Amoklenker wich den unzähligen Passanten, Moped- oder Radfahrern nicht aus - ganz im Gegenteil.

Der 27- Jährige fuhr absichtlich auf die Menschen los, tötete drei und verletzte mehr als 50. Am dritten Tag im Verfahren gegen den Amoklenker sind wieder die Opfer am Wort, jene Menschen, die von einer Sekunde auf die andere aus ihrem Leben gerissen wurden. Ein Mann, der an diesem sonnigen Samstag im Juni 2015 mit Frau und Kind unterwegs war, berichtet: "Ich sah, wie ein Passant von dem dunklen SUV erfasst wurde. Der Mann flog durch die Luft. Dann habe ich einen Mopedfahrer gesehen, der auf die Seite gefahren ist und dem Auto ausweichen wollte. Aber der Wagen hat ihn weiter anvisiert und zur Seite geschleudert."

"Habe den Windhauch des Autos gespürt"

Dramatisch sind auch die Schilderungen eines Mannes, der unter Tränen erzählt: "Der dunkle SUV ist direkt auf uns zugefahren, ich habe meine Mutter schnell weggerissen, als er kam. Ich habe den Windhauch vom Auto gespürt. Hinter uns war ein junges Pärchen. Er hat das Mädchen, das mit dem Rücken zur Wand stand, voll erwischt. Sie hatte keine Chance. Ich bin seither in einer Angsttherapie."

Der Vorsitzende des Geschworenengerichtes, Andreas Rom, hat schon bei der Einvernahme des Amoklenkers am ersten Prozesstag diesen Umstand hervorgehoben. Vor allem in der breiten Herrengasse hätte Alen R. mit seinem SUV in der Mitte fahren können. Da wäre er auch schneller weitergekommen. Glaubt man seine Verantwortung, er habe damals vor einer Bedrohung flüchten wollen, hätte das auch mehr Sinn ergeben. Aber er fuhr mit mehr als 50 Stundenkilometern direkt an der Hausmauer entlang.

Vor der Polizeistation in der Schmiedgasse hielt Alen R. an und ließ sich festnehmen.
Foto: Christian Jauschowetz

Opfer musste seinen Beruf aufgeben

Ein junger Mann berichtet dann, er habe seine Freundin im letzten Moment vor dem SUV gerettet. Kurz danach erzählt die Frau: "Das Auto hat mich am Fuß erwischt. Ich hatte einen komplizierten Knöchelbruch." Ihren Beruf als Reinigungskraft kann die Grazerin nicht mehr ausüben. Ganz ähnlich ergeht es einer Lehrerin, die damals kurz vor der Hochzeit stand. Dann sah sie den fünfjährigen Valentin tot auf der Straße liegen. "Jetzt kann ich keine Kinder mehr unterrichten", sagt sie und fragt sich: "Wie kann ein Vater von zwei Kindern so was machen?"

Verärgerung über Aussagen des Täters

Dass Alen R. Probleme gehabt habe, sein Fahrzeug unter Kontrolle zu halten, bestreiten alle Zeugen. Im Gegenteil, sie attestieren ihm gute Fahrkenntnisse. Er raste mit mehr als 50 Stundenkilometern durch die engen Gassen der Altstadt. In einer Sackgasse reversierte er schnell und kontrolliert.

Der Angeklagte Alen R. im weißen Anzug vor Gericht
Foto: APA/Erwin Scheriau/APA-Pool

Und was sagt der Amoklenker selbst dazu? Er lässt nur sein stereotypes "Ich kann mich nicht erinnern, ich war selbst ein Opfer" hören. Doch bei den Fragen der Verteidigerin werden die Antworten durchaus konkreter. Das fällt dem Richter auf und er stellt verärgert fest: "Sie können sich immer nur dann erinnern, wenn die Verteidigerin fragt."

"Habe nicht mehr klar denken können"

Die Anwältin will dann von ihm wissen: "Haben Sie gesehen, dass Sie in einer Fußgängerzone unterwegs sind?" Alen R.: "Ja, aber erst, als es zu spät war. Ich habe zu diesem Zeitpunkt nicht mehr klar denken können." Diesen Umstand betont Alen R. mit Hingabe. Die Angst, unter der er litt, die Panik, wegen der er flüchten musste, seine Rolle als Opfer, bedroht von Schüssen, die nur er hörte. Akustische Halluzinationen, wie zwei Gutachter meinen. Andere halten die Behauptung einfach für Schwindel.

Auch seine Aussage, er habe sich in der Stadt nicht gut ausgekannt, glaubt niemand. Alen R. arbeitete drei Monate ganz in der Nähe jener Polizeistation in der Schmiedgasse, in der er angeblich Schutz suchen wollte.

Der Richter betont seine Zweifel und zählt auf, was der Mann am Vormittag vor der Amokfahrt gemacht hat: "Sie haben gefrühstückt, haben 20 Euro vom Bankomat abgehoben, da wussten Sie den PIN- Code genau. Dann gingen Sie um zehn Euro tanken und fuhren in die Stadt. Am Griesplatz blieben Sie sogar bei einer roten Ampel stehen und blinkten links." Als das grüne Licht kam, stieg Alen R. aufs Gas. Und Tod und Verderben rasten auf die Altstadt zu.

22.09.2016, 16:40
Peter Grotter und Christoph Hartner, Kronen Zeitung
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