Sa, 25. November 2017

Mega-Abrissprojekt

11.05.2017 14:21

Moskau siedelt eine Million Einwohner um

In Moskau kündigt sich ein bauliches Mammutprojekt an: Weil Tausende Wohnblöcke in der russischen Hauptstadt völlig desolat sind, will sie der Bürgermeister abreißen und durch neue ersetzen lassen. Dafür muss zuvor jedoch rund eine Million Bewohner umgesiedelt werden. Unterstützung für sein Vorhaben erhält der Stadtchef von Präsident Wladimir Putin. Doch viele weigern sich, aus ihrem alten Plattenbau auszuziehen.

Der Sowjetführer Nikita Chruschtschow ist schon seit mehr als vier Jahrzehnten tot, aber die unter ihm hochgezogenen und nach ihm benannten Plattenbauten stehen noch zu Tausenden in der russischen Hauptstadt.

Billig-Mietskasernen aus den 50er- und 60er-Jahren
Nicht alle sogenannten Chruschtschowkas sind Plattenbauten, es gibt auch welche aus Ziegelstein. In jedem Fall handelt es sich um Billig-Mietskasernen der poststalinistischen Zeit, die in Moskau und vielen anderen russischen Städten in kürzester Zeit errichtet wurden, um der Wohnungsnot der 1950er- und 1960er-Jahre zu begegnen. "Chruschtschowkas" sind vier oder fünf Etagen hoch, Lifte gibt es nicht. Die Wohnungen haben extrem kleine Küchen. In Moskau machen die Wohnblöcke rund ein Zehntel des Wohnraums in der Stadt aus.

57 Milliarden Euro für Bauprojekt vorgesehen
Wie der "Spiegel" am Donnerstag berichtete, sind die meisten "Chruschtschowkas" marode. Ende Februar hatte Bürgermeister Sergei Sobjanin seinen Plan zur Beseitigung der Plattenbauten bekannt gegeben. Damals bezog er sich auf rund 8000 Gebäude mit etwa 1,6 Millionen Einwohnern. Inzwischen wurde das Projekt zusammengestrichen, trotzdem ist noch immer eine Million Menschen davon betroffen - selbst für eine Metropole wie Moskau eine gewaltige Zahl. Für den Umbau, der im September beginnen soll, sind umgerechnet 57 Milliarden Euro vorgesehen.

Verzweifelte Mieterin spricht von "Deportation"
Doch viele wollen nicht weg und laufen Sturm gegen die Pläne. Wie zum Beispiel Walerija Jewsejewa, die gegenüber dem "Spiegel" von einer "Deportation" sprach. "Den Abrissplan finde ich schockierend. Mein Mann und ich haben vor einem Jahr eine 'Chruschtschowka' gekauft, die in der Nähe eines Parks liegt. Es ist ein Ziegelbau - und Ziegelbauten können 150 Jahre halten!", meinte sie.

Zeitung: "Zählen zum kollektiven Lebensgefühl"
Ein weiterer Kritikpunkt vieler Bewohner: Bei einer Einwohnerversammlung wurde von der Stadtverwaltung kein konkreter Plan vorgelegt, wo die Bewohner in Zukunft leben sollen. In der Verwaltung mangle es an "Respekt" vor dem Privateigentum, kritisierte die Zeitung "Wedomosti". Es werde nicht leicht werden, die Moskauer Bevölkerung aus den lieb gewonnenen "Chruschtschowkas" herauszuholen. "Diese Bauten sind zum Teil des kollektiven Lebensgefühls geworden, mit Dmitri Schostakowitschs Operette 'Tscherjomuschki' sind sie sogar in die Musikgeschichte eingegangen", schrieb die Zeitung weiter.

Putin: "Einige Gebäude drohen einzustürzen"
Doch die Politiker halten stur an ihrem Vorhaben fest. "Das Ziel ist, die Wohnbedingungen für diejenigen zu verbessern, deren Gebäude einzustürzen drohen", sagte Präsident Putin unlängst bei einer Kabinettssitzung. "Selbstverständlich muss dies in einer Weise geschehen, die die Rechte der Bürger nicht verletzt."

"Seit den 50er-Jahren keine so große Veränderung in Moskau"
Der Abschied von den "Chruschtschowkas" sei eine "historische Etappe", räumte der Abgeordnete Pjotr Tolstoj von der Regierungspartei Einiges Russland ein. "Es hat wahrscheinlich seit den 50er-Jahren keine so wichtige Veränderung in Moskau gegeben." Die alten Gebäude hält Tolstoj jedenfalls für "obsolet", die Einwohner leben seiner Ansicht nach unter "schrecklichen Bedingungen". Der Abgeordnete Michail Degtjarew von der Liberal-Demokratischen Partei warnte hingegen vor der Gefahr, dass Geschäftsleute von dem Projekt am meisten profitieren.

Zwei Drittel der Bewohner müssen mit Abriss einverstanden sein
Die Umsiedlungspläne sind jedoch noch sehr unpräzise. Was laut Bürgermeister Sobjanin den Einwohnern jedenfalls garantiert werden soll, ist eine Wohnung in "entsprechender Größe" und im angestammten Wohnviertel. Der Wert der Wohnungen wird in den Planungen nicht thematisiert. Nach den geltenden Bestimmungen muss vor der Zerstörung eines Gebäudes das Einverständnis von zwei Dritteln der Bewohner vorliegen. "Sobald die Zustimmung eingeholt wurde, kann eine Pflicht zum Auszug innerhalb von zwei Monaten angeordnet werden", sagte Sobjanin.

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Redaktion
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