Sa, 18. November 2017

„Jetzt ist Panik“

24.06.2016 08:54

Chaostage für weltweite Wirtschaft nach Brexit

Marktturbulenzen, Unsicherheit, Abschwung: Das Votum der Briten für einen EU-Abschied ihres Landes verheißt nach Einschätzung von Ökonomen nichts Gutes für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa. "Bis gestern hatte Europa ein Problem, jetzt ist erst mal Panik", sagte der Europa-Chefvolkswirt der Nordea Bank, Holger Sandte, am Freitag.

Der Brexit hat das britische Pfund auf den tiefsten Stand seit mehr als 30 Jahren gedrückt. Freitagfrüh fiel die britische Währung erstmals seit 1985 unter die Marke von 1,35 US-Dollar. Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU versetzt die Börsen weltweit in Aufruhr. Aus Angst vor einer Wirtschaftskrise auf der Insel und einer Beeinträchtigung der weltweiten Konjunktur warfen Anleger Pfund Sterling und Aktien in hohem Bogen aus ihren Depots.

"Phase der absoluten Unsicherheit"
"Die Finanzmärkte werden einige Tage brauchen, um den Schock zu verarbeiten", glaubt Sandte. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der deutschen Berenberg Bank, formuliert es drastischer: "Der Aufschwung in Großbritannien dürfte weitgehend zu Ende sein. Auch die Eurozone wird die Folgen spüren." Jetzt komme eine große Phase der absoluten Unsicherheit.

Experten befürchten Wirtschaftseinbruch
Ökonomen rechnen damit, dass in den kommenden Monaten massiv Kapital von der Insel abfließen und dies zu einem Wirtschaftseinbruch führen wird. Großbritannien ist wegen seines hohen Leistungsbilanz-Defizits auf ausländisches Geld angewiesen. Bereits in den Monaten vor der Abstimmung zog die Diskussion um den Brexit die britische Wirtschaft in Mitleidenschaft. Im ersten Quartal gingen die Investitionen erstmals seit drei Jahren zurück.

Massive Abstürze an den Börsen
Börsen weltweit reagierten dementsprechend schockiert auf den EU-Ausstieg. Der Leitindex der Eurozone, Euro-Stoxx-50, startete mit einem drastischen Einbruch von 7,22 Prozent, der Londoner Leitindex FTSE-100 rauschte um mehr als sieben Prozent in die Tiefe. Auch der deutsche Leitindex DAX büßte massiv Terrain ein und verlor in den ersten Handelsminuten satte 8,32 Prozent, der japanische Nikkei-225 stürzte um satte 7,92 Prozent ab.

Auf Talfahrt gingen auch die Ölpreise. Der Kurs für die Nordseesorte Brent knickte zum europäischen Handelsstart um rund fünf Prozent auf 48,30 Dollar ein, der US-Ölpreis WTI ging in gleichem Ausmaß zurück und notiert bei rund 47,5 Dollar.

"Aktiencrash hat fünf Billionen Dollar vernichtet"
Weltweit vernichtete der Crash an den Börsen laut Schätzung des Aktienstrategen Christian Kahler von der deutschen DZ Bank fünf Billionen Dollar (4,39 Billionen Euro) an Börsenwert. Das entspreche dem Doppelten der gesamten Wirtschaftsleistung Großbritanniens und 17 Prozent der Wirtschaftsleistung der G7-Staaten im vergangenen Jahr. Die Entscheidung für den Austritt aus der Union traf die Akteure an den Finanzmärkten völlig unerwartet. "Alle sind falsch positioniert", sagte ein Börsianer in der Früh. "Keiner hat damit gerechnet, dass die Briten wirklich austreten. Jetzt gibt es immensen Absicherungsbedarf."

Gold als "sicherer Hafen"
Gefragt waren deshalb bei Investoren vermeintlich sichere Anlagen wie Gold, Staatsanleihen oder der Schweizer Franken. Das Edelmetall verbuchte den größten Kurssprung seit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008. Der Goldpreis stieg um 4,4 Prozent auf mehr als 1300 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Begehrt als "sichere Häfen" waren auch der Schweizer Franken und der japanische Yen. Der Kurs des Euro fiel um 2,8 Prozent auf ein Elf-Monats-Tief von 1,0612 Franken. Der Dollar rutschte um bis zu 6,6 Prozent ab und markierte mit 99,11 Yen ein Zweieinhalb-Jahres-Tief. Das ist der größte Kurssturz seit 2008.

EU darf nicht "beleidigte Leberwurst spielen"
Laut Jörg Krämer, dem Chefvolkswirt bei der Commerzbank, geht es daher jetzt vor allem darum, ob Großbritannien nach einem Verlassen der EU den Zugang zum EU-Binnenmarkt behält: "Wichtig ist, dass die EU jetzt nicht die beleidigte Leberwurst spielt." Sie sollte ein starkes Interesse daran haben, mit den Briten in den kommenden zwei Jahren eine saubere Trennung zu vereinbaren. Das Land sei zweitwichtigster Handelspartner der EU, nach den USA und vor China. "Die EU hat ein großes wirtschaftliches Interesse daran, Zölle im Warenhandel zu vermeiden und das Land im Binnenmarkt zu behalten."

Auswirkungen für Österreich noch unklar
Welche Folgen der Brexit für Österreichs Wirtschaft haben wird, darüber sind sich die Experten noch uneins. Während Bank Austria, Erste Group und Raiffeisen ankündigten, ihre Wachstumsprognosen für 2017 um 0,5 bis 1,5 Prozentpunkte zu senken, erwarten Wifo und Industriellenvereinigung praktisch keine Auswirkungen für unser Land. Entscheidend sei nun, wie die Situation behandelt werde: Komme es zu zügigen und konstruktiven Verhandlungen, dann sei der Schaden gering. Sollten Schuldzuweisungen beginnen, Abspaltungsbewegungen in Großbritannien und der EU stärker und Stimmung gegen die EU geschürt werden, dann werde der Schaden größer werden, so das Wirtschaftsforschungsinstitut.

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