Mo, 20. November 2017

Wirbel um Nacktfotos

23.04.2016 10:29

Berlin: Rathaus entfernt Bilder - Empörung im Web

In einem Berliner Rathaus wurden zwei Nacktbilder aus einer Kunstausstellung entfernt, nachdem sich mehrere Frauen, darunter Mitarbeiterinnen des Rathauses, beschwert hatten. Doch weil das Rathaus die Entfernung der Aktfotos auch damit begründete, dass man "die religiösen Gefühle von Menschen mit Migrationshintergrund verletzten könnte", erntet die Ortsführung nun heftige Kritik. Beschwert hatten sich übrigens deutsche Mitarbeiterinnen.

Kunst ist Geschmackssache, so viel steht fest. Allerdings handelt es sich bei einem Amtsgebäude wie einem Rathaus nun einmal um einen öffentlichen Raum, der von den verschiedensten Menschen frequentiert wird. Im Rathaus von Berlin-Köpenick wird den Mitgliedern lokaler Fotografieklubs die Möglichkeit gegeben, ihre Werke zu präsentieren.

Doch weil die zuständige Kulturamtsleiterin Annette Indetzki zwei der Fotos abhängen ließ, gehen nun die emotionalen Wogen - besonders im Internet - wieder einmal hoch. Denn das Rathaus begründete die Entfernung der Fotos so: "Grund ist, dass es sich beim Rathaus um ein öffentliches Dienstgebäude handelt, das von den Bürgern in erster Linie wegen der Erledigung von Amtsgeschäften und selten gezielt zum Besuch einer Ausstellung aufgesucht wird. Darüber hinaus kommen viele Menschen mit Migrationshintergrund in das Rathaus, deren religiöse Gefühle nicht durch Aktfotos verletzt werden sollen."

Künstler wittern nun Zensur, andere eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Fakt ist allerdings: Die Bilder zeigen nackte Frauen. Über den künstlerischen Wert der Arbeiten lässt sich streiten, dass die Aufnahmen in einem Amtsgebäude wohl unpassend sind, ist allerdings kaum bestreitbar.

Mitarbeiterinnen beschwerten sich
Zumal es laut einem Bericht der "Berliner Zeitung" bereits Beschwerden gegeben hatte: Und zwar nicht durch muslimischen Mitbürger, sondern durch deutsche Mitarbeiterinnen des Rathauses, die jeden Tag an den "Kunstwerken" vorbeigehen mussten, und eine deutsche Besucherin.

Die Fotografen selbst wittern hingegen Zensur. Jan Gießmann, von dem eines der Fotos stammt, sagte zur "Berliner Zeitung": "Es sind sehr kunstvolle Bilder, die weder sexistisch noch frauenfeindlich sind. Sie zeigen zunächst nur vordergründig den äußeren Schein. Der ist jedoch nicht von Wichtigkeit, sondern das Innere - die Seele." Auf Twitter fanden die Fotografen bereits einige Unterstützer:

"Aktfotografie wird in Schmuddelecke gestellt"
Als Reaktion auf die Zensur ziehen nun andere Fotografen ihre ausgestellten Werke ebenfalls zurück. Gerhard Metzschker, der Leiter des an der Ausstellung beteiligten Colorclubs Treptow: "Wir haben alle 32 Fotos unserer Klubmitglieder aus Solidarität selbst abgehängt. Es ist völlig inakzeptabel, dass Aktfotografie vom Bezirk in die Schmuddelecke gestellt wird."

Die Aktion des Rathauses kommt zu einer ungünstigen Zeit, denn die Satireaffäre mit der Türkei rund um den TV-Comedian Jan Böhmermann ist noch in aller Munde. "Ich finde das schon interessant nach Böhmermann", sagt eine Besucherin gegenüber der "Welt". "Ich habe das Gefühl, dass wir hier so bald gar nichts mehr dürfen. Wo bleibt die Meinungsfreiheit?"

"Müssen Regeln finden"
Klubchef Metzschker will dennoch das Gespräch mit dem Rathaus suchen, keinesfalls sieht er einen Bruch mit der Ortsleitung. Denn die Fotografen möchten auch weiter im öffentlichen Raum ausstellen. "Ich hoffe, dass wir für die Zukunft einvernehmliche Regeln finden", sagt Metzschker. "Für uns muss von vornherein klar sein was erlaubt ist und was nicht."

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