Sa, 16. Dezember 2017

Unglück in Tianjin

16.08.2015 11:38

Hunderte Tonnen hochgiftiges Zyanid gelagert

In dem am Mittwoch explodierten Gefahrgutlager im chinesischen Tianjin sind nach Angaben des Militärs "Hunderte Tonnen" hochgiftiges Zyanid eingelagert gewesen. Ein ranghoher Militärvertreter bestätigte am Sonntag erstmals die Präsenz der gefährlichen Chemikalie in dem Lager. Die Zahl der Todesopfer stieg unterdessen auf 112. 95 Menschen werden noch vermisst, darunter 85 Feuerwehrleute.

An der Unglücksstelle sei an zwei Orten Zyanid nachgewiesen worden, sagte General Shi Luze, der Generalstabschef der Region Peking, am Sonntag. Nach vorläufigen Schätzungen hätten sich in dem Gefahrgutlager "mehrere Hundert Tonnen" des hochgiftigen Stoffes befunden. In chinesischen Medienberichten war zuvor von 700 Tonnen Natriumcyanid die Rede gewesen. Kontakt mit der Chemikalie kann innerhalb kurzer Zeit tödlich sein.

Angst vor Giftgaswolke unbegründet?
Die chinesischen Behörden versuchen seit dem Unglück, Angst vor einer Giftgaswolke oder Gift im Grundwasser zu zerstreuen. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete, der Zyanid-Gehalt im Abwasser in der Region sei am Tag nach dem Unglück zehnfach überhöht gewesen. Inzwischen sei er noch doppelt so hoch wie normal. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace maß bei Tests des Oberflächenwassers nach eigenen Angaben an vier Stellen in der Millionenstadt keine erhöhten Zyanidwerte.

Behörden werden mit Vorwürfen überhäuft
Aufgebrachte Angehörige von Opfern und Nachbar protestierten am Rande einer Pressekonferenz. Sie warfen den Behörden mangelnde Transparenz und fehlende Informationen vor. "Niemand hat uns etwas gesagt", schrie eine Frau, bevor sie von Sicherheitskräften weggebracht wurde. Mehr als 360 Konten von Nutzern sozialer Netzwerke wurden laut Xinhua geschlossen, weil sie "Gerüchte" über das Unglück verbreitet hätten. Rund 50 Websites wurden laut der chinesischen Cyberspace-Verwaltung wegen "Erzeugens von Panik durch die Verbreitung ungeprüfter Informationen" bestraft.

Durch die gewaltigen Explosionen, die sich am späten Mittwochabend in einem Lagerhaus für gefährliche Stoffe ereignet hatten, kamen nach jüngsten Angaben 112 Menschen ums Leben. Bisher seien 24 Leichen identifiziert worden, bei 88 weiteren sei die Identität noch unklar, sagte ein Sprecher der Stadtverwaltung. Unter den Toten sind den Behörden zufolge 21 Feuerwehrleute. Mehr als 700 Menschen wurden verletzt. Bei den Explosionen wurde das Industriegebiet am Hafen der 15-Millionen-Einwohner-Stadt rund 140 Kilometer südöstlich von Peking in weiten Teilen verwüstet.

Machte Löschwasser die Situation noch verheerender?
Es war weiterhin unklar, ob die Feuerwehr beim Löschen mit Wasser eine chemische Reaktion auslöste, die zu den verheerenden Explosionen führte. Der Feuerwehrchef von Tianjin, Lei Jinde, versicherte, seine Leute seien richtig vorgegangen. "Wir wussten, dass Kalziumkarbid dort war, aber wir wissen nicht, ob das Kalziumkarbid explodierte und Feuer fing", sagte er Xinhua. Demnach waren in dem Lager auch Ammoniumnitrat und Kaliumnitrat.

Gefahrgutlager verstieß gegen Sicherheitsauflagen
Nach Angaben der Zeitung "People's Daily" verstieß das Gefahrgutlager klar gegen Sicherheitsauflagen, vor allem gegen die Regelung, wonach gefährliche Materialien mindestens einen Kilometer von anderen Gebäuden und Straßen entfernt untergebracht werden müssen. Staatspräsident Xi Jinping rief am Samstag die Behörden auf, die "extrem wichtigen" Sicherheitslehren aus der Tragödie zu ziehen.

Eine junge Frau wurde unterdessen in Südchina weit entfernt vom Unglücksort festgenommen, weil sie durch eine falsche Meldung über den angeblichen Tod ihres Vaters bei dem Unglück Spenden ergaunert haben soll. Die 19-Jährige soll über das Internet umgerechnet rund 12.500 Euro eingesammelt haben, wie die Polizei am Sonntag mitteilte. Sie kam allerdings nicht an das Geld, weil ihr Internet-Konto gesperrt wurde, nachdem andere Nutzer sie als verdächtig gemeldet hatten.

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