Mi, 22. November 2017

Live im Gasometer

20.11.2013 08:31

Biffy Clyro feierten die rhythmische Dissonanz

Am Dienstagabend ist der Wiener Gasometer gleichermaßen von harten Alternative-Rock-Klängen wie auch von sanften Pop-Melodien heimgesucht worden. Biffy Clyro, die schottischen Meister des Stilvermischens, machten dem Oval ihre Aufwartung und konnten ein fast ausverkauftes Haus begeistern.

Bevor das schottische Hype-Kollektiv Biffy Clyro die Bühne eines nahezu ausverkauften Wiener Gasometer entert, dürfen sich hierzulande zum wiederholten Male die britischen Jungspunde von Dry The River beweisen. Der Bandname ist Programm, denn im Gegensatz zu den kernigen Riffs der Hauptband, wirkt der beruhigende Indie-Folk aus London fast wie ein Entschlackungsprogramm. Das ist aber beileibe nichts schlechtes, denn bekannte Songs wie "No Rest" oder "Demons" mischen sich passend mit neuem Material und sind durch den ungewöhnlichen Einsatz einer Geige und memorablen Melodien mehr als nur einleitende Berieselungsmusik.

Eine große Familie
Vor den ersten Takten des nahenden Biffy-Clyro-Konzerts sorgen die Schotten schon früh für gute Stimmung. Mit dem vom Band gespielten Sister-Sledge-Hit "We Are Family" vermittelt das Trio auf einfache Art und Weise, wie bodenständig und eben familiär man den Fans auch in Erfolgszeiten begegnen kann. Wer Frontmann Simon Neil und die Johnston-Zwillinge Ben (Schlagzeug) und James (Bass) schon länger kennt weiß, dass der große Durchbruch mit dem aktuellen Album "Opposites" keine Verhaltensveränderung bei den Musikern ausgelöst hat.

So startet das Trio, oberkörperfrei und mit durchaus gelungenen deutschen Einleitungsworten, in ein üppiges 100-Minuten-Set und sammelt dabei stetig Sympathiepunkte. Einerseits liegt das am hervorragenden und abwechslungsreichen Songmaterial, andererseits aber auch an der hemdsärmelig vorgetragenen Präsentation der Lieder. Für die ganz großen Gesten und schwindelerregende Effekte ist im Kosmos der Schotten nur wenig Platz, denn intensiv exerzierte Songs wie "Biblical", "Sounds Like Balloons" oder "Bubbles" sprechen für sich selbst.

Allumspannendes Netz
Wer in den musikalischen Wahnsinn von Biffy Clyro eintaucht, muss selbst viel Toleranz aufbringen. Kaum eine Band vermag kantigen Alternative Rock, staubige Stoner-Riffs, Progressive-Einschübe und eingängige Pop-Melodien so gut zu verquicken, ohne dabei die Hörer zu überfordern oder gar zu verschrecken. Simon Neil versteht es mit seinen Kompositionen vielmehr, im Laufe eines Konzerts eine Art Netz zu spinnen, in dem sich ein Faden hervorragend mit dem nächsten verwebt. Das mag manchmal harscher und manchmal entspannter klingen, fühlt sich aber trotzdem niemals falsch an.

Die tragende Säule dieses intensiven Hörerlebnisses bleibt Neils Gitarre, die zwischen kompromisslos ("57"), exotisch ("Spanish Radio"), eindringlich ("Living Is A Problem Because Everyone Dies") und sanft (im zwei Songs umfassenden Akustikteil) pendelt, während die Rhythmusfraktion für diesen ureigenen Alternative/Progressive-Touch sorgt, den sonst kaum eine Band so glaubhaft wiederzugeben weiß.

Tourfinale
Verstärkt wird die von einer hervorragenden Publikumsstimmung getragene Show durch intensive Lichteffekte und einem gewissen Gefühl der Exklusivität, da Biffy Clyro an diesem Abend in Wien ihre letzte Show des ersten Teils ihrer langen Europatournee spielen. Je weiter das Konzert voranschreitet, umso größer die Hits. Spätestens beim Top-Hit "Black Chandelier" und dem hervorragenden "The Captain" erweitern sich die Chöre aus dem Publikum über das ganze Oval.

Das sanfte "Opposite" und der Ohrwurm "Mountains" sind schließlich nur mehr die Zacken auf einer nahezu makellosen Konzert-Krone. Einwandfrei gelingt es dem Trio, unrhythmisch-dissonante Gitarrenläufe mit eingängigen Gesangsmelodien zu verknüpfen. Zur großen Stadionrock-Band fehlen Biffy Clyro nicht die Hits, sondern nur mehr das Bekenntnis zum Pop. Dass sie dazu nicht bereit sind, gefällt den Musikern und ihren Hörern aber glücklicherweise gleichermaßen.

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