Sa, 26. Mai 2018

"Ich will leben"

15.10.2008 16:29

Anti-Mafia-Autor Saviano will Italien verlassen

Der neapolitanische Schriftsteller und Mafia-Experte Roberto Saviano, der wegen seines Romans "Gomorrah" ins Visier der organisierten Kriminalität geraten ist, will Italien verlassen. Er fühle sich als Gefangener der Camorra, dem neapolitanischen Arm der Mafia, die ihn zwinge, aus Sicherheitsgründen unter Polizeieskorte zu leben. Diese plante noch vor Weihnachten, einen Anschlag auf den Schriftsteller und auf die Polizisten zu verüben, die ihn bewachen, berichteten italienische Medien am Dienstag. Saviano lebt seit zwei Jahren unter Polizeischutz.

"Ich will mein Leben zurück. Ich will eine Wohnung, in der ich leben kann, ich will mich verlieben, frei ein Bier trinken können (...) Ich will Freunde um mich haben, lachen und nicht immer über mich sprechen müssen, als wäre ich ein Kranker im letzten Stadium. Ich bin erst 29 Jahre alt", sagte der Autor. Er wolle wieder schreiben, weil Literatur seine Leidenschaft sei. "Um zu schreiben, muss ich die Wirklichkeit erleben und nicht steril in einer Polizeikaserne wohnen, heute hier, morgen woanders, ohne zu wissen, was geschehen kann", so Saviano.

Der Fall Saviano beeindruckte auch den italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano. Der Staat wache über das Leben des neapolitanischen Autors, versicherte der Präsident. Der Vizepolizeichef Nicola Kavaliere betonte, dass der Autor gefährdet sei. "Savianos Leben ist bestimmt bedroht, er muss geschützt werden", so Kavaliere.

Mordplan enthüllt
Von dem Plan erfuhr die Polizei durch ein abtrünniges Camorra-Mitglied, das mit der Justiz kooperiert. Saviano, der in seinem auch verfilmten Roman (siehe Infobox) Einblicke in die Wirtschaftspraktiken der neapolitanischen Mafia gibt, sei für die organisierte Kriminalität zu einem Feind geworden. Die Justizbehörden halten die Aussagen des abtrünnigen Camorra-Mitglieds für glaubwürdig.

Jeder Tag in Angst
Mit seinem heiklen Werk über die Herrschaft der Camorra in Neapel ist Saviano schon längst in die Schusslinie der Mafia-Clans geraten. Morddrohungen und anonyme Anrufe sind an der Tagesordnung, der Schriftsteller wechselt aus Sicherheitsgründen immer wieder seinen Wohnort. In seinem Buch hat Saviano die Namen mehrerer Camorra-Clans genannt und im Detail über ihre Verstrickungen in den Handel mit Drogen und Waffen in der Vesuvstadt berichtet. Der Film "Gomorrah" war im Mai beim Filmfestival in Cannes erfolgreich.

Hohen Preis bezahlt: "Ich lebe in totaler Einsamkeit"
"Nicht ich, sondern die Leser, die 'Gomorrah' zum Erfolg gemacht haben, haben der Camorra Angst eingeflößt. Noch nie hat ein Buch über die Camorra einen so großen internationalen Erfolg geerntet, vor der die Mafia Angst hat", meinte der 29-jährige Schriftsteller. Für seinen Erfolg hat Saviano einen hohen Preis gezahlt. "Ich lebe in totaler Einsamkeit, seit zwei Jahren lebe ich isoliert, nur die Polizisten sind mir nahe. Ich habe Freundschaften und Beziehungen verloren", sagte der Autor.

Neues brisantes Buch kommt
Saviano arbeitet derzeit an einem neuen Buch. Thema des Romans, das bei Mondadori erscheinen soll, sind die Gesundheitsschäden durch Giftmüll im Großraum Neapel. Das Thema ist angesichts der Müllkrise der vergangenen Monate besonders aktuell.

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