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30.05.2026

Sommer erleben

Die große Kraft des Grünen

Zwischen Waldluft, Thermalwasser und Almwiesen entdeckt die Steiermark eine alte Idee neu: Erholung nicht als Luxus, sondern als Rückkehr zum Wesentlichen.

Foto: Leika production - stock.adobe.com

Es gibt eine Müdigkeit, die sich nicht ausschlafen lässt. Sie entsteht nicht aus körperlicher Anstrengung, sondern aus Dauerpräsenz, Geschwindigkeit und jener stillen Überforderung, die sich im Alltag festsetzt. Vielleicht erklärt das, warum die Sehnsucht nach Natur heute wieder wächst - nicht als Kulisse, sondern als Gegenentwurf. 

Die Steiermark antwortet darauf mit einem Begriff, der beinahe altmodisch klingt: Grünkraft. Dahinter verbirgt sich weniger ein touristisches Produkt als eine Haltung. Die Idee, dass Erholung nicht im Rückzug von der Welt entsteht, sondern im bewussteren Erleben derselben. Der Begriff selbst geht auf Hildegard von Bingen zurück. Ihr Wort "Viriditas" beschreibt die Lebenskraft der Natur - jenes Grüne, das wachsen, heilen und erneuern kann. In der Steiermark ist daraus ein stimmiges Konzept geworden, das erstaunlich gut in die Gegenwart passt.

Der Wald als langsamer Raum

Die Steiermark ist das waldreichste Bundesland Österreichs. Millionen Bäume prägen nicht nur die Landschaft, sondern auch die Art, wie man sich in ihr bewegt. Wälder funktionieren anders als Städte: langsamer, leiser, weniger eindeutig. Vielleicht wirken sie deshalb wie ein Korrektiv.

Wer durch die Wälder rund um den Schöckl oder im Ausseerland geht, begegnet keiner spektakulären Naturinszenierung. Eher einer Form von Ruhe, die heute ungewohnt geworden ist. "Waldbaden“ nennt sich das bewusste Verweilen zwischen Bäumen inzwischen offiziell. Zugegeben: Es ist ein Begriff, der zunächst esoterisch klingt, aber erstaunlich nüchtern wirkt, sobald man sich darauf einlässt. Es geht um Luft, Gerüche, Temperatur, um Konzentration ohne Ziel. 

Auch Yoga wird hier weniger als Fitnessprogramm verstanden denn als Versuch, den eigenen Rhythmus wiederzufinden - auf Almen mit Blick auf den Dachstein oder zwischen Weingärten im Süden.

Wasser gegen die Beschleunigung

Vielleicht ist Wasser die eigentliche Konstante dieser Landschaft. Zwischen Bad Aussee und Bad Radkersburg zieht sich eine Linie aus Quellen, Seen, Bächen und Thermen durchs Land.
Kalte Gebirgsbäche, in denen gekneippt wird. Thermalwasser, das seit Jahrhunderten als heilsam gilt. Seen, deren Oberfläche morgens stiller wirkt als jeder Wellnessraum. Die neun Thermen des Landes haben daraus längst mehr gemacht als klassische Kurorte. Sie verbinden regionale Naturstoffe - Zirbe, Kräuter, Honig, Apfel oder Kürbiskernöl - mit modernen Wellnesskonzepten. 

Doch vielleicht liegt der Reiz weniger in den Anwendungen selbst als in ihrer Langsamkeit. In einer Zeit, in der selbst Erholung oft effizient organisiert wird, erlaubt die Steiermark etwas Unproduktives: das Verweilen.

Ganz nah am Puls der Natur: Nicht nur in der Steiermark erfreut sich das Waldbaden wachsender Beliebtheit.    Foto: giorgiomtb-stock.adobe.com
Ganz nah am Puls der Natur: Nicht nur in der Steiermark erfreut sich das Waldbaden wachsender Beliebtheit.    Foto: giorgiomtb-stock.adobe.com

Genuss ohne Eile

Das zeigt sich auch beim Essen. Die Region versteht Kulinarik nicht als Event, sondern als Fortsetzung der Landschaft. Auf den Almen riecht es frühmorgens nach frischem Brot und Käse, im Süden nach Wein, Holunder und Kürbis. Produkte erzählen hier noch von Herkunft.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Qualität der Grünkraft: Sie verspricht keine Verwandlung und keine schnelle Selbstoptimierung. Sie schlägt lediglich vor, dass man sich wieder Zeit nimmt - für Wege, Gespräche, Stille und den eigenen Atem. Und das wirkt heute beinahe ungewöhnlich genug. 


von Christian Seirer