Wenn wir singenden Vögeln in der Natur lauschen, werden wir Ohrenzeugen einer bemerkenswerten verhaltensbiologischen Leistung. Mit ihrem Gesang kommunizieren die Tiere untereinander, locken Partnerinnen an oder markieren ihr Revier. Seit Jahrhunderten dient Vogelgesang dem Menschen als Vorbild für Instrumente und Tondichtungen aller Art.
Die talentiertesten Sänger der Tierwelt sind, der Name verrät es, die Singvögel. Ihr Gesang ist hochkomplex, oft strophenartig aufgebaut und überaus variationsreich. Schon Mozart soll sich von den musikalischen Ausführungen seines Haustiers - einem Star! inspiriert haben lassen. Auch der französische Komponist Olivier Messiaen (1908-1992) war zeitlebens fasziniert von dieser unerschöpflichen Klangquelle der Natur. Schon mit 18 durchstreifte Messiaen die Wälder mit Papier und Bleistift, um die Melodien der tirilierenden Vögel niederzuschreiben. Er selbst bezeichnete sich auf seiner Visitenkarte als „Komponist, Ornithologe und Rhythmiker“. Seine Studenten sollen es gehasst haben, wenn sie um drei Uhr Früh ausrücken mussten, um bei Regen und Kälte in den Bois de Boulogne zu fahren und unter Anleitung ihres Professors Vogelstimmen zu analysieren.

Während Zeitgenossen der Nachkriegsavantgarde streng entlang serieller Vorgaben komponierten, schuf Messiaen eine ganze Reihe bedeutender Werke, deren Material sich explizit aus dem reichen Fundus des von ihm akribisch notierten Vogelgesangs speiste. Darunter etwa der „Catalogue d'Oiseaux“ (dt. „Vogelkatalog“) für Klavier solo, der bei den Festspielen im Rahmen der vierteiligen Konzertreihe „Visions de Messiaen“ zu hören sein wird.
Es mag verwundern, dass Messiaen die meisten der transkribierten Vogelgesänge nicht in die Partituren der Blasinstrumente übertrug, sondern sie im Wesentlichen dem Klavier anvertraute, dessen klangfarbliche Möglichkeiten ja eher beschränkt sind. Aber das Klavier war eben jenes Instrument, an dem der Meister selbst die meiste Zeit zu Werke ging. Zudem verstand es Messiaens spätere Ehefrau, die Konzertpianistin Yvonne Loriod, die komplexe Rhythmik und Struktur des Ausgangsmaterials auf meisterhafte Weise auf das Klavier zu übertragen. Ihr ist übrigens der „Catalogue d'Oiseaux“ gewidmet.
Natur und Religion
Messiaen war aber nicht nur ein Vogelfreund, sondern auch ein tiefgläubiger Mensch. Schon als Kind fühlte er sich dem Katholizismus stark verbunden, jahrzehntelang begleitete er in der Pariser Kirche La Trinité die Gottesdienste auf der Orgel. (Auch von diesem Aspekt seines Schaffens kann man sich beim Orgelabend „Méditations“ mit Olivier Latry in der Franziskanerkirche ein Bild machen.)
Die Doppelidentität als begnadeter Komponist und vom Glauben durchdrungener Christ war für Messiaen zeitlebens charakteristisch. Seinen Traum, eine Oper über die Passion und Auferstehung Christi zu schreiben, verwarf der Künstler noch in der Überzeugung, dass es unmöglich sei, „Christus singen zu lassen“. Im heiligen Franz von Assisi jedoch fand er die geeignete Titelfigur für seine einzige Oper „Saint François d'Assise“. Franziskus lebte nach dem Vorbild Jesu und gilt bekanntlich als Schutzpatron der Tiere und Vögel. Im 800. Todesjahr des berühmten Heiligen kommt dieses Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts nun in einer Neuinszenierung von Romeo Castellucci unter der musikalischen Leitung von Maxime Pascal zur Aufführung. Wir dürfen eine spirituelle, metaphysische Entdeckungsreise von allerhöchster Musikalität erwarten.
Olivier Messiaen bei den diesjährigen Festspielen.
Saint François d'Assise
Oper in drei Akten und acht Bildern; Neuinszenierung in der Felsenreitschule. Maxime Pascal (Musikalische Leitung), Romeo Castellucci (Regie), Lauranne Oliva (L'Ange), Philippe Sly (Saint François), Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Wiener Philharmoniker.
Di 4.8. (Premiere), So 9.8., Mi 12.8., Sa 15.8., Mi 19.8., So 23.8.
Visions de MESSIAEN
4-teilige Konzertreihe.
„Catalogue d'oiseaux“
Pierre-Laurent Aimard (Klavier)
So 2.8., 22.00 Uhr
Stiftung Mozarteum - Großer Saal
„Méditations“ - div. Orgelwerke
Olivier Latry (Orgel)
Fr 7.8., 22.00 Uhr
Franziskanerkirche
„Visions de l'Amen“ für zwei Klaviere Igor Levit (Klavier) & Markus Hinterhäuser (Klavier)
Di 11.8., 22.00 Uhr
Stiftung Mozarteum - Großer Saal
„Quatuor pour la fin du temps“ für Violine, Klarinette, Violoncello und Klavier
Do 20.8., 22.00 Uhr
Stiftung Mozarteum - Großer Saal
Operncamp - Saint François d'Assise
für Jugendliche von 15 bis 17 Jahren
Öffentl. Abschlussaufführung am Sa 25.7., 16.00 Uhr
Univ. Mozarteum - Max Schlereth Saal (Eintritt frei)