Di, 11. Dezember 2018

"Krone"-Interview

26.09.2017 17:00

Timber Timbre: Dunkle Melancholie wider Willen

Mit ihrem aktuellen Album "Sincerely, Future Pollution" wollte Timber-Timbre-Mastermind Taylor Kirk endlich aus der Melancholie flüchten - nur um sich dann wieder unfreiwillig in ihr zu suhlen. Am 27. September kommen die kanadischen Underground-Helden live in die Wiener Arena - und zelebrieren dort ihre bekannte Soundmelange für Alternative-Feinschmecker und Unangepasste.

So ganz mochte der Auftritt von Timber Timbre nicht in die gediegene Linzer Sommerhitze passen, zumal die Steaming Satellites davor und die instrumentalen US-Rocker Explosions In The Sky danach mit wesentlich mehr Schub für Stimmung sorgten. Hier ist übrigens die Rede vom allseits gefeierten "Ahoi! Full Hit Of Summer", das vergangenen Juli zum zweiten Mal an der Linzer Donaulände über die Bühne ging und nicht nur die Superstars von Arcade Fire mal wieder nach Österreich brachte, sondern eben auch so fein gestimmte, aber lieber in einer dunkleren Umgebung muszierende Stilverweigerer wie Timber Timbre, das Lebensprojekt des einstigen Filmstudenten Taylor Kirk. "Natürlich macht es etwas mehr Sinn, wenn wir in der Dunkelheit spielen, aber es ist nicht so, dass wir uns vor dem Licht fürchten würden", lachte er noch wenige Stunden davor entspannt beim Dosenbiertrinken während des "Krone"-Interviews.

Kreativ und vielseitig
Aber gut - das Musikbusiness ist nicht immer eine Kinderjause und wer sich vollständig den elegischen Klängen aus Toronto hingeben wollte, der schloss ohnehin die Augen und ließ sich von Kirks variabler Stimmfärbung in eine andere Dimension transferieren. Timber Timbre sind so etwas wie die ungreifbare Konstante einer ohnehin schon schwer greifbaren kanadischen Alternative-Szene, die sich zurecht gerne mit Innovationsreichtum brüstet und mit unzähligen Undergroundpreisen schmückt. Seit zwölf Jahren und sechs Alben changiert Kirk mit wechselnden Mitstreitern in all jenen musikalischen Heimsphären, die keinen kommerziellen Erfolg garantieren. Cowboy-Rock, Sumpf-Blues, Southern-Gothic oder Freak-Folk - die Fachpresse zeigte sich ob der Veröffentlichungen des Glatzkopfs liebevoll kreativ, tatsächlich fassen oder einordnen lässt sich das Mastermind natürlich nicht - dafür ist er in seiner Arbeitsweise zu wenig konstant und zu sehr abenteuerlustig.

So stieß er die vielen Fans mit dem neuesten Werk "Sincerely, Future Pollution" einmal mehr vor den Kopf. Anstatt zurückgelehnter Folk-Rhythmen hat Kirk plötzlich die Elektronik alter Tage entdeckt. Im altgedienten La Frette Studio, etwas außerhalb von Paris verortet, labte er sich mit den Bandkollegen an einer ganzen Armada an kultigen Synthesizern aus den 70er- und 80er-Jahren, um sich und seinen Sound einmal mehr neu zu erfinden. Die bekannte und erfolgsversprechende Melancholie vermischte sich darauf mit Ansätzen einer optimistischen Grundstimmung - Timber Timbre haben bei der Stadt der Liebe zumindest partiell die hörbare Freude am Sein gefunden. "Vielleicht wollten wir wirklich eine Art von Tanzmusik erschaffen", lacht Kirk mit dem Blick zurück, "aber so ganz ist uns das ohnehin nicht gelungen. Viele Fans, mit denen ich sprach, finden unseren Vorgänger 'Hot Dreams' etwas lebensbejahender - damit haben wir nicht gerechnet."

Europa wäre zu eng
Kirk gibt zu, dass er auf dem aktuellen Album aus seiner üblichen Melancholie ausbrechen wollte, ihm das aber nicht ganz gelungen sei - den Disco-lastigen Synthesizern zum Trotz. Der - in den Charts erfolgreichere - Vorgänger "Hot Dreams" (2015) entstand zu einer Zeit, als Kirk aufgrund veränderter Lebensumstände vom kühlen Kanada in die sonnige Scheinwelt Los Angeles' zog. "Ich war von allen Ecken inspiriert, entdeckte neue Klänge, Menschen und Landschaften. Es geht mir beim Songschreiben mehr um den Vibe als um die direkte Umgebung, aber Los Angeles hat etwas extrem Exotisches." Kirks Zugang zur Musik lässt sich aber nicht überall kreieren. Ein Album in Europa zu schreiben, könne sich der Sänger nicht vorstellen. "Die Städte dort sind mir zu angespannt. Wenn ich nach einer langen Europatour zurück nach Kanada komme ist es so, als ob niemand da wäre. Die Straßen sind weit und groß, alles ist grün und wirkt unendlich - ich fühle mich freier und weniger eingeengt. Ich liebe es, in Europa zu spielen, aber die Metropolen dort sind mir zu dicht besiedelt, das wäre nichts für mich."

Auch als wieder heimgekehrten Kanadier war es Kirk nicht möglich, die politischen Umbrüche in den USA völlig aus dem neuen Album rauszuhalten. "Ich war nicht direkt vom US-Präsidentschaftswahlkampf inspiriert, aber es war einfach unmöglich, nicht an dieses Thema zu denken. Immerhin war ich eine Zeit lang in diesem Land zuhause und derzeit herrscht dort eine gewaltige Osmose. Früher hätte ich mich geweigert, dazu Stellung zu beziehen, aber es kristallisierte sich für mich heraus, dass ich zumindest die Verantwortung dafür trage, meine eigenen Gedanken zu ordnen und kritisch zu hinterfragen. Ich war immer schon ein politischer Mensch, brauchte aber eine Weile, um zu realisieren, dass ich als Künstler das Privileg habe, meine Gedanken für andere hörbar zu machen."

Labor gegen Freiheit
Die Dystopie der Gegenwart und die Ängste über die Zukunft ziehen sich unweigerlich durch das Album, das sich mehr als je zuvor zwischen der Attitüde eines Bryan Ferry, der Schwere von Nick Cave und der Traurigkeit einer frühlingshaften Regenwoche einordnet. "Ich fühlte am letzten Album einfach, dass ich etwas Neues ausprobieren, die Instrumentierung ändern müsste. Ich war mir nicht sicher, was ich machen wollte, aber ich war mir sicher, dass ich etwas anders machen wollte. Am Ende sollte es etwas von Phil Collins, Tears For Fears und New Order haben. Das sind alles Künstler und Bands, die meine Bandkollegen nicht hören oder gar nicht mögen. Wir haben die Songs nach einem Reißbrettschema zusammengebaut. Es war meist klinisch wie in einem Labor und alles andere als spontan und organisch."

Dass die eigenen Fans mit "Sincerely, Future Pollution" extrem viel Anlaufzeit brauchten, verunsicherte anfangs sogar Kirk. "Als wir die ersten Soundsnippets veröffentlichten, mochte sie wirklich niemand", kann er in der Rückschau darüber lachen, "es gab nicht wirklich positive Rückmeldungen. Als das Album dann rauskam und die Leute sich in Ruhe damit befassten, begann das Verständnis dafür. Ich müsste lügen, wäre ich danach nicht extrem erleichtert gewesen." Am besten lässt sich die bunte Klangwelt von Timber Timbre aber noch immer live erforschen. Dort stellt Kirk mit seiner famosen Band auch die unterschiedlichen Karrierekapitel gegenüber, um sie zu einem Gesamterlebnis zu verbinden. Am 27. September geben die Kanadier einen ihrer seltenen Österreich-Auftritte in der Wiener Arena. Karten gibt es noch unter www.psimusic.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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