Di, 21. August 2018

Kühl, kein Gefühl

30.03.2017 12:50

Generation Supercool: Was ist los mit der Jugend?

Abgeklärt, unaufgeregt. Cool. Supercool. Wie empathielos ist unsere Jugend wirklich und wieviel soziale Kälte versteckt sich hinter der Fassade? Eine aktuelle Studie zum Thema bringt alarmierend "coole" Fakten.

"Und je cooler der junge Türke die Straße entlangspaziert, desto verzweifelter, orientierungsloser und ungeliebt fühlt er sich. Je weniger er weiß, warum er eigentlich auf der Welt ist, desto mehr sucht er Halt und investiert umso mehr in seinem Style", erklärt Prof. Bernhard Heinzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung in seinem jüngsten Vortag und schickt hinzu: "Der junge Held ist keiner mehr, sondern bloß ein Heldendarsteller. In einer Zeit der Dekadenz ist nichts mehr echt!"

Hasspostings, Shitstorm, Mobbing und ins Netz gestellte Gewaltvideos

Was ist los mit unserer Jugend? Über Monate hinweg hat sich der Jugendforscher mit den Problemen, Werten und Gefühlen der jungen Generation beschäftigt. Seine aktuelle Studie ist alarmieren:

#1 "Die Jungen haben keinen Zukunftsblick mehr"

Die Unsicherheit ist zu groß: Über 75 Prozent der unter 30 Jährigen suchen vermehrt Halt in ihrem Leben. "Alte" Werte, wie Sparsamkeit, Sauberkeit und Ordnung haben eine zunehmende Bedeutung (plus 15 Prozent). "Unsere Jugend sucht Stabilität und Sicherheit!" Und: "Alle Politikkonzepte gehen völlig an den Bedürfnissen vorbei!" Um ganz 20 Prozent stieg die Zustimmung zu Tracht und Volksmusik. "Der Blick ist verzweifelt nach hinten gerichtet, Tradition ist hier immer wichtiger, man klammer sich fest." Das Ideal sei die Vergangenheit, die Jungen haben aber keinen Zukunftsblick mehr: "Unsere Jugendlichen suchen keine Abenteuer mehr!"

Ausdruck findet dies auch in den folgenden Zahlen: "Europäisierung und Globalisierung interessiert nicht mehr. Die Jungen können sich nicht mehr vorstellen, im Ausland zu leben!" Konkret gingen hier die Zahlen um 20 Prozent zurück - ein massiver Absturz! Bernhard Heinzlmaier: "Der coole, junge Mensch bringt das Wesen der Gesellschaft zum Ausdruck!"

#2 Angst vor dem sozialen Absturz

Veranschaulichen lässt sich das Gefühl der heutigen Generation anhand der Rolltreppenmetapher (vom deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler Oliver Nachtwey): Um seine Position zu halten, muss man ständig gegen die Fahrtrichtung der Rolltreppe anlaufen. Sonst droht der sichere Abstieg. "Die größte Angst in unserer Zeit!"

#3 "Da bleib ich kühl, kein Gefühl"

Der super-coole junge Mensch scheint die logische Konsequenz. "Da bleib ich kühl, kein Gefühl", scheint  - nach  dem Jugendforscher - die Antwort der Jugend auf die aktuelle Lage unserer Gesellschaft zu sein. Statt Gemeinschaften sucht er Netzwerke, sie sind distanzierter und gehen weniger in die Tiefe. Man gibt sich neutral, um nicht in Bindungen und Beziehungen zu geraten, die am Ende nachteilig für die eigenen Interessen sein könnten. Statt sich mit sich selbst auseinanderzusetzten, perfektioniert er seinen Stil, dem normierten Look. Er sucht sich ein Image, als würde er sich eine Maske überstülpen. Bernhard Heinzlmaier: "Es geht um die Pseudoindividualität, dem Wesen nach ist er von der Masse gesteuert, nur die Oberfläche ist cool, doch dahinter ist keine Substanz!"

#4 Lookismus als neue Form der Gesellschaft

"In Angelegenheiten von großer Wichtigkeit kommt es nicht mehr auf den Ernst, sondern auf den Stil an". Das Zitat aus Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" könnte aktueller nicht sein. Nachdem die Welt als völlig sinnentleert empfunden wird, sucht der junge Mensch einen letzten verzweifelten Sinn: nach der Perfektionierung des eigenen Stils. Wer schön ist, ist erfolgreicher. Das Äußere zählt. Das Innere? Keinen. "Es ist, als verstecke der verzweifelte Mensch sein Gesicht hinter einer Maske, damit er sich selbst nicht preisgeben muss. Ich sehe das auch bei muslimischen Frauen ähnlich: Sie verhüllen sich zum Schutz vor einer für sie als obszön empfundenen Gesellschaft. Die Jugend hingegen setzt sich die Maske der Coolness auf - um sich vor Verletzungen zu schützen."

#5 Der junge Mensch umgibt sich mit einem Panzer der Gelassenheit

Das größte Problem unserer Zeit? Bernhard Heinzlmaier: "Man fühlt sich sinnentleert. Denn das herrschende Grundgefühl ist: Man wird nur noch "beschissen". Nichts ist mehr echt. Alles hat keinen Sinn mehr. Auch im Beruf geht es nicht mehr um Leistung, sondern nur mehr darum, wer sich bestmöglich verkauft." Alles Schein statt Sein; Die logische Konsequenz in einer Welt, in der nicht mehr die Leistungserbringung sondern nur mehr das "Sich-selbst-gut-verkaufen" zählt, ist laut dem Sozialwissenschaftler eine tiefe, innere Leere. "Heute entscheidet ein cooler Auftritt über Erfolg und Niederlage. Doch hinter der ästhetischen Erscheinung herrscht Verzweiflung."

#6 Empathielosigkeit als unsere Zukunft?

Befürchtungen gibt es viele. Eine der wahrscheinlichsten des Jugendkulturforschers: Irgendwann wird die demonstrative Coolness zur realen, zur tatsächlichen Coolness. Aus der gespielten Empathielosigkeit wird echte: "Der Mensch, der lange so getan hat, als wäre er cool, kühlt wirklich ab!" Dass dies bereits Realität ist, beweist ein Blick auf diverse Social Media: Cybermobbing, Shitstorms, Hasskommentare, Posts, um Mitschüler, Kollegen, Ex-Freunde zu verunglimpfen, hämisch, hinterfotzig, nie direkt, stets hinterrücks - das gilt als cool. Ausrichten und Ablästern, aber niemals ins Gesicht sagen, Schlechtmachen in Foren, zu dem der Betroffene keinen Zugang hat; Nicht zu vergessen die zahlreichen Gewaltvideos, die von den Tätern noch online gestellt werden - um ihre Tat zu zelebrieren, in ihrem krankhaften Selbstdarstellungswahn, gleichsam selbstherrlich, in Wahrheit nur feige. Die Zukunft der Berfürchtungen  -  ist sie nicht schon längst da?

Gegenstrategien

Bleibt die schwierige, aber zuletzt wichtigste Frage: Wie können wir unsere Gesellschaft wieder empfindsamer und mitfühlender machen? Hier sind Familien, Bildung und Schulen gefordert:

Bernhard Heinzlmaier: "Jetzt haben wir eine Schule, die vor allem in Richtung "Ausbildung" für den Beruf geht. Es gibt aber eine zweite wichtige Komponente und dies ist die "Allgemeinbildung", in der es vor allem um "Menschenbildung" geht. Etwa auch im Rahmen von musischen Fächern, mehr Orientierungswissen, mehr Medienbildung und wir brauchen zudem auch einen fundierten Ethikunterricht."

Das Ziel sollte sein, nicht nur angepasste Menschen zu erziehen, sondern eine kritische Jugend, die auch in der Lage ist, Fehlentwicklungen zu erkennen und die den Mut hat, diesen entgegenzutreten.

Was meint ihr dazu? Postet uns in den Kommentaren oder schreibt uns mit Hashtag #City4U auf Facebook, Twitter oder Instagram!

Anna Richter-Trummer
Anna Richter-Trummer

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