Mo, 23. Juli 2018

"Krone"-Interview

22.12.2016 16:09

Saxon: "Was wir machen, ist purer Spaß"

Wenn von britischem Heavy Metal die Rede ist, dreht sich meist alles um Iron Maiden oder Judas Priest. Knapp dahinter lauern seit nahezu vierzig Jahren die englischen Working-Class-Heros von Saxon, denen trotz hervorragender Alben nie der große Durchbruch gelang. Vor einer gut besuchten und souveränen Show in der Wiener Simm City nahm sich der 65-jährige Frontmann Biff Byford etwas Zeit, um mit uns im Tourbus über die lange Karriere, immer besser werdende Alben, fehlende Heavy-Metal-Leidenschaft in Österreich und die Möglichkeit einer Tour der "Big 3" zu sprechen.

"Krone": Biff, wenn man das Vorgängerprojekt Son Of A Bitch mitrechnet, feierst du 2016 mit dem Gitarrist und Gründungsmitglied Paul Quinn 40 Jahre Saxon.
Biff Byford: Nein, so rechnen wir nicht. Saxon an sich hat laut unserer Rechnung 1979 das Licht der Welt erblickt. Die großen Feiern zum 40er müssen also noch etwas warten.

Nichtsdestotrotz wird es ein riesiger Meilenstein in eurer Karriere, denn so viele Bands gibt es nicht, die eine derart große Zeitspanne überleben.
Das ist richtig, aber wir denken nicht wirklich oft daran. Es ist eine nette Sache, für so lange Zeit zusammen in der Band zu spielen, aber es ist nicht so, dass wir uns von Jubiläum zu Jubiläum damit abfeiern würden. Es ist natürlich nicht so leicht, für so lange Zeit gut befreundet zu sein - das ist das Hauptproblem an der Geschichte. (lacht)

Hast du dich selbst über die Jahre fundamental verändert?
Nicht wirklich. Ich habe immer noch die gleiche Mentalität und versuche, fit zu bleiben, um immer noch energetische Liveshows spielen zu können.

Macht dir das Touren noch so viel Spaß wie früher?
Die Konzerte selbst schon. Gerade diese Tour macht sehr viel Spaß. Das Reisen an sich ist natürlich ermüdend, aber das war in den 80er-Jahren nicht anders. (lacht)

Ihr spielt aber auch keine kurzen Konzerte, sondern immer mindestens 100 Minuten aufwärts.
Jede Show ist anders, aber tendieren dazu, sehr lange Gigs zu spielen. Ich finde, wir sind das den Fans auch schuldig, die uns schon so lange die Treue halten. Manchmal fühle ich mich auf der Bühne wie ein 45-Jähriger, das ist natürlich gut. Solange das Adrenalin da ist, ist alles gut.

Zudem werden eure Alben in den letzten Jahren immer besser. Was ist für dich am Wichtigsten, um ein gutes Saxon-Album zu erschaffen?
Es geht immer um die Songs. Sie sind dafür verantwortlich, dass diese Band schon eine so lange Reise hinter sich bringen konnte. Wenn du so viele große Hits hattest wie Saxon, Motörhead oder Iron Maiden, dann ist es deine lebenslange Aufgabe alles dafür zu geben, dieses Level zu halten. Wir haben viel Glück, dass wir in der ersten Hälfte der 80er-Jahre so viele Klassiker geschrieben haben und wissen, dass die Band nur dadurch noch immer so gut dasteht. Wir haben es aber auch geschafft, mit den letzten Alben ein jüngeres Publikum anzuziehen, dass uns quasi von der anderen Seite her entdeckt. Ich sehe das bei uns so ähnlich, wie es bei Motörhead war: Weil es uns schon so lange gibt, haben wir eine verdiente Selbstverständlichkeit in diesem Geschäft.

Euer letztes Album "Battering Ram" war wieder sehr schnell und aggressiv. Kanalisierst du heute mehr Wut als früher?
Die Songs sind wesentlich komplexer als früher, wir haben keine Boogie-Woogie-Riffs mehr am Album. Auch der Gesang ist schwieriger zu bewerkstelligen. Wir wollen uns aber nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen. Klar spiele ich gerne "Good-Times-Songs", aber über die volle Konzertdauer würde ich das nicht aushalten. Wir wollen uns nicht dauernd wiederholen und diese Vorgehensweise hält uns auch jung.

Ihr wollt keinesfalls als Greatest-Hits-Band enden.
Jedenfalls nicht so wie Twisted Sister, die mit dem Flugzeug von Stadt zu Stadt fliegen, um ein paar Hits zu spielen. Ich habe an sich kein Problem damit, aber das sind nicht wir.

Sich nach fast 40 Jahren und gut 20 Alben nicht permanent selbst zu wiederholen, muss schwierig genug sein.
Heute schreibe ich die meisten Songs mit unserem Bassist Nibbs, weil wir beide am aktivsten sind. Wir sind die Grundpfeiler, die Saxon weiterbringen. Textlich war und ist es mir wichtig, etwas mit Inhalt und Sinnhaftigkeit zu bieten und die Musik muss gute Melodien beinhalten. Wir suchen immer nach dem Hymnischen. "Battering Ram" ist so eine Art Hymne. Zudem hat der Song zwei verschiedene Bedeutungen. Einerseits geht es um eine Horde Wikinger oder Sachsen, die ein Schloss erobern und keine Gnade walten lassen. Andererseits kann man das Thema auf die Gegenwart projizieren. Je älter ich werde, umso mehr schätze ich unterschiedliche Interpretierbarkeit.

Über all die Jahre bist du zu einem Vorbild, einem Role-Model für viele junge Musiker geworden. Wie geht es dir damit?
Wohl eher zu einem Haarmodel, weil ich das Glück habe, dass sie immer noch voll da sind. (lacht) Ich denke schon, dass das eine sehr gute Sache für junge Musiker ist, wenn sie ein paar Vorbilder haben. Wichtig ist nur, dass es die richtigen sind. Ich hatte solche Vorbilder nicht, was auch daran liegt, dass ich den Stars in meiner Jugend nicht so nahekommen konnte, wie andere Jungmusiker heute mir. Vor Facebook und Twitter gab es noch viel mehr Mystisches. Bands wie Led Zeppelin haben nicht viele Interviews gegeben. Sie hatten einen eigenen Flieger und sind einfach von Gig zu Gig gereist. Die brauchten keine Presse. Die Kinks oder die Rolling Stones haben auch kaum über sich selbst gesprochen.

Wärst du glücklich darüber, wenn Saxon aus dieser Epoche stammen und ebenso mysteriös sein würden?
Ich finde die Gegenwart wesentlich besser. Ich selbst verwende Twitter sehr oft und poste gerne Sachen und trete immer wieder mit Leuten in Interaktion. Auf Facebook ist mir zu viel los. Das habe ich einmal probiert und da war so viel Getümmel, dass ich gleich wieder den Spaß daran verloren habe. Wir können den Fans ein paar Einblicken in unsere Tour und unser Bandleben geben - das finde ich großartig.

2010 hast du eine Kampagne ins Leben gerufen, die den Heavy Metal in Großbritannien als Religion darstellen soll…
Das war eine Initiative des "Metal Hammer" und es hat funktioniert. Heavy Metal wurde direkt hinter den Jedi-Rittern zur Religion erklärt. (lacht)

Du warst bei dieser Kampagne an der Front zu finden. Was bedeutet dir der Heavy Metal, nachdem du dich dort so stark eingesetzt hast?
Ein fantastisches Gitarrenriff, das hart und schnell vorgetragen wird. Ich denke nicht, dass unsere Songs "Wheels Of Steel" und "747 (Strangers In The Night)" wirklich Heavy Metal sind. "Motorcylce Man" und "Heavy Metal Thunder" hingegen schon. Wir haben immer die Grenzen zwischen Hard Rock und Heavy Metal gestreift und uns niemals in einem Genre festnageln lassen. Darüber bin ich noch heute sehr froh.

Gab es in den bisherigen knapp 40 Jahren einmal eine Phase bei Saxon, wo ihr aus dem eingeschlagenen Pfad ausgeschert seid?
Das war definitiv so Ende der 80er-Jahre, aber wir waren nicht die einzigen. Wenn man - so wie wir - fünf Jahre lang die allergrößten Erfolge feiert und das Leben nur mehr in Hochgeschwindigkeit an einem vorbeizieht, dann gibt es diesen inneren Drang, etwas ganz anderes versuchen zu wollen. Die Band und die ganze Crew dahinter muss immer ein gemeinsames Ziel haben und das haben wir damals deutlich aus den Augen verloren. Musikalisch und auch vom Image her. Ich habe zwar über ähnliche Themen wie sonst gesungen, aber musikalisch waren wir stärker am US-Rock dran. So war das damals eben. Bei Iron Maiden oder Motörhead war es auch nicht anders. Judas Priest haben den Sänger getauscht und besonders bei den britischen Bands blieb damals kein Stein auf dem anderen. Wir alle hatten eine veritable Schwächephase, aber wir haben weiter Songs geschrieben und vor unserem Publikum gespielt. In den 80er-Jahren wurden wir stark von den Medien gesponsert, als dann 1991 der Grunge kam, war das vorbei. Anfang der 80er-Jahre haben wir das Tempo vorgegeben. Da gab es entweder die New-Romantic-Welle mit Duran Duran, oder eben auf voll auf die Zwölf von uns oder Iron Maiden. Die einen sahen gut aus, die anderen waren Rock-'n'-Roll-Rebellen. Das ist die ganze Geschichte.

Dass der Grunge Anfang der 90er-Jahre den Heavy Metal tötete, ist das nicht auch ein bisschen eine Ausflucht? Lag es nicht auch am schlechten Songwriting der Metalbands?
Die Zeitungen haben nicht mehr über uns geschrieben und die Radiostationen haben unsere Songs nicht mehr gespielt. Wir haben aufgrund dessen versucht, radiofreundlichere Musik zu machen, wodurch wir natürlich einen kurzfristigen Imageschaden davontragen. Was soll's, wir haben daraus gelernt.

Gab es einen ganz speziellen Moment, in dem ihr wieder in die Spur zurückgefunden habt?
"Solid Ball Of Rock" hat uns bereits 1990 wieder in die richtige Spur geführt. Unsere Musik war zwar damals out, aber wir haben uns selbst wiedergefunden und diesen Geist bis heute weitergetragen.

Was bringt die Zukunft von Saxon - wie sieht es mittelfristig mit eurer weiteren Planung aus?
Wir haben angefangen, an einem neuen Album zu schreiben und es wird irgendwann 2017 erscheinen. Ansonsten werden wir wieder einige Festivals spielen, ich weiß aber nicht, ob auch in Österreich oder nicht. Österreich ist aber nicht unser stärkster Markt. Wir könnten die Konzerte hier tatsächlich auslassen, aber für unsere treuen Fans kommen wir gerne wieder zurück. Es gibt aber schon Bands, die hier vorbeifahren. Ich finde das nicht fair.

Euer stärkster Markt war ohnehin immer Deutschland. Was aber auch für die meisten klassischeren Heavy-Metal-Bands gilt.
Deutschland und Großbritannien. Das sind unsere bestbesuchten Shows und auf die Leute dort können wir uns seit Jahrzehnten verlassen.

Die meisten Fans von britischem Heavy Metal würden am liebsten eine große Tour mit euch, Iron Maiden und Judas Priest sehen. Kann so etwas je passieren?
Aus meiner Perspektive sofort. Was die anderen darüber denken, weiß ich nicht. (lacht) Mit Steve Harris von Iron Maiden habe ich erst unlängst bei einem Festival gequatscht. Maiden und Priest touren lieber mit jüngeren Bands wie Shinedown. Sollte so eine Tour jemals stattfinden, dann eher mit uns und Judas Priest. Ich glaube nicht, dass Priest und Maiden nach ihrer US-Tour in den frühen 80er-Jahren jemals wieder zusammen unterwegs gewesen sind. Ich weiß nicht, was damals passierte, aber seitdem haben sie niemals mehr zusammen gespielt. Für die Fans wäre dieses Package natürlich grandios und mir persönlich sind bei Saxon auch die Fans am Wichtigsten. Aber da müssen dann eben alle mitspielen, damit das Realität werden kann. Wir wären auf jeden Fall an Bord.

Es ist derzeit auch sehr populär, dass Bands ihre Klassikeralben als Gesamtes auf die Bühne bringen.
Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Eigentlich ist das ja ein eigener Nostalgietrip. Ich finde, die Bands sollten eher darauf schauen, bessere neue Alben zu schreiben. Aber gut, in Japan haben wir das auch schon gemacht, ebenso beim Sweden Rock. Die ganz großen Hits spielen wir sowieso jeden Abend - ich sehe also keinen Sinn, solche Shows auf ein ganzes Album rauszuziehen. Selbst bei unseren treuesten Fans in Deutschland ist es so, dass die großen Hits sowieso jeder kennt, aber bei anderen Songs die Fragezeichen über den Köpfen auftauchen. Das liegt natürlich an den Rock-Radios, die seit mehr als 30 Jahren ohnehin immer die gleichen Klassiker von uns spielen. Ich kenne keinen Sender, der auch mal weniger erfolgreiche Songs von uns spielt.

Könntest du alle Songs aus der Saxon-Geschichte spontan vortragen?
Ich? Alle. Aber ich weiß nicht, ob die Jungs noch alle Riffs auf die Reihe kriegen. (lacht)

Die Leute sehen in deiner Band und noch viel mehr in dir selbst einen Working Class Hero. Bist du das denn wirklich?
Das ist ja nicht mal Arbeit, was ich mache, sondern purer Spaß. (lacht) Nein - ohne Scherz jetzt. 51 Tage auf Tour zu sein ist mit Mitte 60 auch nicht mehr das Einfachste. Ich sehe mich schon als harten Arbeiter, zudem ist für mich - wie eingangs erwähnt - die größte Sensation, dass wir immer noch so gute Freunde sind.

Wie geht es eigentlich mit The Scintilla Project, deiner Nebenspielweise, weiter? Gibt es da noch ein zweites Album?
Die Jungs wollen noch ein zweites Album machen, aber derzeit habe ich überhaupt keine Zeit dafür. Zum Glück muss ich nichts überstürzen. (lacht)

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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