Mi, 18. Juli 2018

Nachgefragt

03.10.2006 17:02

Gusenbauer: "Was ich anders machen werde"

Nicht einmal seine Mutter Gertrud hat noch an einen Sieg bei den Nationalratswahlen 06 geglaubt. Alfred Gusenbauer hat trotz BAWAG-Affäre die SPÖ zur stimmenstärksten Partei geführt.

Herr Dr. Gusenbauer, welche Staatsmänner und Parteichefs haben Ihnen bereits zum ersten Platz bei den Nationalratswahlen gratuliert?
Bereits am Wahlabend haben mich der italienische Ministerpräsident Romano Prodi sowie der Vorsitzende der deutschen Sozialdemokraten Kurt Beck angerufen. Und natürlich auch mein Freund Jens Stoltenberg aus Norwegen, dann der Präsident der Sozialistischen Internationalen George Papandreou, mein Freund Poul Rasmussen, der Präsident unserer europäischen Partei. Und heute habe ich meinen Freund Jose Zapatero aus Spanien am Telefon.

Sie haben jetzt aber viele Freunde und viele Gratulanten. War das nach der Wahl 2002 auch so?
(lacht schallend) Wirklich nicht. Der Misserfolg ist ein Waisenkind! Ich halte es mit einem Ausspruch des Bundespräsidenten Heinz Fischer: "Ich verachte das Pathos der Niederlage nicht, aber gewinnen ist schöner!"

Ihre Mutter hat mir im August verraten, dass Sie bereits im Sandkasten Bundeskanzler werden wollten. Haben Sie noch an die Erfüllung dieses Kindheitstraumes geglaubt?
Na ja, ich muss sagen, mein Eindruck war wirklich immer, dass die Stimmung für uns in den letzten Wochen besser wird. Man weiß natürlich nie, ob es sich am Ende ausgeht oder nicht.

Ausgegangen ist es sich, weil die ÖVP massiv eingebrochen ist. Warum?
Natürlich ist es ein klares Signal gegen die Regierungspolitik. Die ÖVP hat, glaube ich, zwei Dinge nicht verstanden. Nämlich erstens dass die Menschen in Österreich eine Kurskorrektur wollen. Zu sagen, es ist alles toll, geht nicht, wenn es gleichzeitig im Winter Rekordarbeitslosigkeit gibt und manche Menschen mit jedem Euro genau rechnen müssen. Österreich ist ein tolles Land, Probleme und Besserungsbedarf gibt es trotzdem.

Und zweitens?
Viele Leute haben Wolfgang Schüssel respektiert und akzeptiert, aber sie haben seine Art als "von oben herab" empfunden. Die Abgehobenheit den Sorgen der Bevölkerung gegenüber war deutlich zu spüren.

Wie werden Sie dafür sorgen, dass die SPÖ nun am Boden bleibt? Ich bin anders und ich will einen anderen Stil pflegen. Ich verstehe mich als Volkskanzler. Meinen Kontakt zur Bevölkerung möchte ich so wie bisher pflegen. Das heißt, möglichst unkompliziert, möglichst viel unterwegs sein, möglichst viel zuhören, wo die Probleme der Leute sind.

Hören Sie auch auf stimmenschwächere Parteien?
Dies ist der zweite wesentliche Unterschied zu Wolfgang Schüssel. Ich möchte ein anderes Verhältnis zum Parlament herstellen. Das hat mich auch schon gestört, wie die SPÖ in der Regierung war. Es kann nicht sein, dass jeder Vorschlag der Opposition abgewürgt wird, auch wenn er noch so gut und gescheit ist. Glauben Sie mir, das habe ich oft genug erlebt.

Gilt das offene Ohr auch für H.-C. Strache?
Jeder hat eine Chance. Ich habe das bereits in seinem Beisein gesagt und auch ernst gemeint.

Bei Ihrem gemeinsamen Anliegen, dem Ausstieg aus dem Eurofighter-Vertrag, haben Sie aber nach der Wahl etwas zögerlich gewirkt?
Ich kann jetzt nicht die Regierungsverhandlungen vorwegnehmen. Hoffentlich sehe ich den Vertrag bald. Vor allem interessiert mich der Ablauf, der zum Abschluss geführt hat. Uns ist ja einiges an Gerüchten zugetragen worden. Wenn ein paar krumme Dinge gelaufen sind, haben wir eine sehr gute Möglichkeit auszusteigen.

Halten Sie es für möglich, dass manche Politiker in diesem Zusammenhang straffällig geworden sind?
Ich stelle keine Behauptungen auf, die ich nicht beweisen kann. Es gehört jedenfalls überprüft.

Haben Sie ein Schattenkabinett?
Natürlich habe ich gewisse Vorstellungen, wer welche Funktionen bekleiden könnte. Es ist halt die Frage, welche Ressorts die Sozialdemokratie besetzen wird. Das ist der letzte Schritt. Ich verhandle nicht um maßgeschneiderte Positionen. Es geht um das Programm.

Gibt es Ressorts, um die Sie kompromisslos kämpfen?
Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich auf gewisse Dinge besonderen Wert lege. Dazu gehört die Bildungspolitik. Dort muss es eine Änderung der Politik und der Person an der Spitze geben. Alles, was wir in der Bildungspolitik versäumen, können wir mit einer auch noch so guten Sozialpolitik nicht mehr auffangen.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat bei der ORF-Elefantenrunde nach der Wahl sofort die Verdienste von Justizministerin Karin Gastinger gelobt. Würden Sie mit ihr können?
Es hat schon parteifreie Justizminister gegeben. Aber ehrlich gesagt, nur weil jemand aus einer Partei austritt, ist er noch kein unabhängiger Justizminister. Und ich hab gegen die Frau Gastinger persönlich gar nichts. Nur, ein paar Tage vor der Wahl draufzukommen, wie der wahre Charakter der Partei ist, die ich auf der Kandidatenliste vertrete, erscheint mir sonderbar.

In unserem Gespräch setzen wir beide eigentlich voraus, dass nur um eine große Koalition verhandelt wird. Fühlen Sie sich in der Geiselhaft der ÖVP?
Na ja, ist es umgekehrt anders?

Wäre Ihnen eine andere Möglichkeit lieber?
Der Punkt ist, die Leute haben sich etwas gedacht, wie sie gewählt haben. Am Wahltag hat die Bevölkerung das Sagen. Wenn das Ergebnis mehrere Möglichkeiten offen lässt, dann gut. Wenn nicht, ist es genau so zu akzeptieren.

Wird sich Ihr Privatleben ändern, wenn Sie Bundeskanzler werden?
Ich möchte nichts ändern! Aus meiner Wohnung werde ich nie ausziehen. Sicherheitskräfte sind notwendig, ich möchte sie aber auf ein Minimum beschränken, um keine unnötigen Barrieren zur Bevölkerung aufzubauen. Ansonsten hat mich meine Tochter jetzt nach dem Wahlkampf darauf aufmerksam gemacht, dass sie noch zwei Kinobesuche mit mir gut hat.

Ihre Tochter ist 14. Wie geht sie damit um, dass Papa Bundeskanzler wird?
Am Morgen nach der Wahl hat sie zunächst vergebens darauf gehofft, nicht zur Schule gehen zu müssen. Das war ihr aber ohnehin klar. Sie hat mir außerdem verraten, dass mich ihre Freundinnen cool finden.

Das Interview führte Nadia Weiss

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