31.08.2006 17:03 |

Natascha-Befragung

"Positives Klima" bei Gesprächen mit Natascha

Insgesamt eine Stunde ist Natascha Kampusch am Mittwoch vom Bundeskriminalamt befragt worden. Das Gespräch wurde in drei Einheiten geführt, dazwischen gab es längere Pausen, die man nach den Wünschen der jungen Frau gestaltete. Auch wenn es für Natascha sehr anstrengend gewesen sein muss, war sie geduldig mit den Beamten, scherzte sogar mit ihnen. Es soll ein „sehr positives“ Gesprächsklima gegeben haben. Indes meldete sich das psychologische Betreuerteam zu Wort. Sie mahnten Medien und Polizei zum Schutz von Nataschas Privatsphäre, gaben aber gleichzeitig Auskunft: Demnach hat Natascha derzeit keinen Kontakt zu ihrem Vater - ob und wann sie zu ihrer Familie zurückkehrt, soll erst in Wochen oder Monaten feststehen.

Zentrales Thema war die Frage, ob der Entführer Wolfgang Priklopil Komplizen bzw. Mitwisser hatte. Natascha Kampusch soll dies verneint haben, erfuhr man am Mittwochabend. Zudem soll es um am Tatort sichergestellte Spuren gegangen sein. Details über ihre Entführung und ihre Gefangenschaft wurden nicht angeschnitten.

Über weitere Inhalte der Gespräche will die Polizei unter Hinweis auf den Schutz der Privatsphäre nichts bekannt geben. Nur so viel: „Wir möchten die Informationen, die wir aus unseren Ermittlungen bekommen, mit ihr besprechen und vergleichen, ob sich ihre Erkenntnisse damit decken.“

„Wir werden schon noch
ein Mal z'sammkommen!“

Ihr bisheriger Anwalt Günter Harrich – ab sofort wird Natascha (siehe weiter unten) von einem anderen Anwalt vertreten - der bei der Befragung zugegen war, versicherte, dass die Polizisten sehr um das Wohl der 18-Jährigen bemüht waren.

Es hat ein „sehr positives Gesprächsklima“ gegeben. Natascha hat ein Mal sogar mit den Beamten gescherzt, als sie eine Frage nicht beantworten wollte. „Wir werden schon noch ein Mal z'sammkommen“, soll sie den betreffenden, in ihren Augen offenbar zu neugierigen Ermittler auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet haben.

Die SOKO Natascha geht davon aus, dass man heute die Gespräche mit Natascha Kampusch fortsetzen kann. „Das ist gestern vereinbart worden. Aber es hängt natürlich davon ab, ob Frau Kampusch das kann und möchte“, erklärte das Bundeskriminalamt. Natascha Kampusch sei am Schluss ziemlich erschöpft gewesen, sagte wiederum der Anwalt: „Sie war dem gerade noch gewachsen. Sie muss sich jetzt ganz sicher erholen.“

Intime Privatsphäre von Natascha muss geschützt werden
Indes meldete sich Nataschas Betreuerteam um den Psychiater Max Friedrich erneut zu Wort. Sie richteten einen weiteren Appell an Medien und Polizei, die Privatsphäre Nataschas nicht zu verletzen. Auch Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits mahnte: „Frau Kampusch wird irgendwann an die Öffentlichkeit treten!“ Es könne aber nicht sein, dass davor geheime Gesprächs-Protokolle in den Medien auftauchen. Zeitgleich gaben sie selbst Informationen preis.

Zu dem vor einigen Tagen verlesenen Brief des Entführungsopfers (siehe Infobox) bekräftigte Psychiater Max Friedrich, dass es sich bei dem im Fernsehen gezeigten Schriftstück um eine Abschrift jener „Ideen und Gedanken“ von Natascha Kampusch handelte - und nicht um das Original: „Das waren einzelne Zetteln, die ich in einem Tresor aufbewahre“, so der Psychiater. Er habe den Text eins zu eins übertragen, lediglich die Reihenfolge der Textpassagen sei - in Absprache mit Kampusch - verändert worden.

Nataschas Mutter hat sich am Donnerstag mit einem eindringlichen Appell an die Öffentlichkeit gewandt: "Der ganze Rummel wird mir und uns allen zu viel", stellte die Mutter fest. "Das große Medieninteresse und damit das Interesse der Österreicher und Österreicherinnen an unserem Schicksal hat geholfen, Missinterpretationen in der Vergangenheit klar zu stellen", räumte Sirny ein. Nun gehe aber eindeutig Natascha vor: "Ich möchte, dass der Wunsch meiner Tochter respektiert wird, den Zeitpunkt und die Form der Darstellung ihrer Geschichte selbst zu wählen. Ich werde deshalb bis zu dem von ihr gewählten Zeitpunkt keine Interviews mehr geben."

Natascha spricht nur mit ihrer Mutter – kein Kontakt zu Vater

Zu den Spekulationen über die Beziehung Nataschas zu ihren Verwandten äußerten sich die Betreuer der 18-Jährigen: Natascha Kampusch habe zu ihren Eltern derzeit eine „distanzierte Haltung“. Nur mit der Mutter gebe es regelmäßig Telefonate, zum Vater habe Natascha im Moment keinerlei Kontakt.

Ob und wann sie zu ihrer Familie zurückkehrt, werde sich laut Jugendanwältin Pinterits in den kommenden Wochen oder Monaten entscheiden. Friedrich ergänzte, dass Kampusch eine „sehr verantwortungsvolle und ernsthafte“ Person sei – „und das neben ihrer Traumatisierung“. Die acht Jahre im Haus von Wolfgang Priklopil in Strasshof bezeichnete Friedrich als „Isolationsfolter“.

Resultate von Spurensuche im Haus in den nächsten Tagen
Die Spurensuche im Haus in Strasshof, wo der Entführer Wolfgang Priklopil die junge Frau gefangen gehalten hatte, geht indessen weiter. Die Sicherung biologischer Spuren - Fingerabdrücke, DNA - könnte in ein oder zwei Tagen abgeschlossen werden, die Auswertung läuft bereits. Die zehn bis zwölf Ermittler der SOKO Natascha vom Landeskriminalamt Burgenland werden von Spezialisten in Sachen Spurensuche und Vermessung unterstützt.

Neuer Rechtsanwalt für Natascha
Einen Wechsel gab es kurz nach den Gesprächen in der Anwaltsbetreuung von Natascha Kampusch. Sie wird ab sofort von der renommierten Kanzlei „Lansky, Ganzger & Partner“ vertreten. Die Anwälte berieten unter anderem auch die Hinterbliebenen der Seilbahnkatastrophe von Kaprun und sind als Top-Profis in Sachen Schadensersatz und Schmerzensgeld bekannt. Der bisherige Anwalt, Günter Harrich, trat zurück, weil er nach eigenen Angaben „überlastet“ sei. Das Anwaltsteam hat sich bereits mit der neuen Mandantin getroffen.

Bei dem Foto handelt es sich um eine Computersimulation, wie Natascha heute aussehen könnte (c) anti-kinderporno.de

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