Eine halbe Ewigkeit lang ist er eine der prägenden Figuren von Österreichs Cup-Sieger von 2025 gewesen, nach 216 Pflichtspielen für den Wolfsberger AC hält Dominik Baumgartner seit wenigen Wochen seine Knochen aber für Cracovia Krakau hin. Wieso es den Bruder von Leipzig-Star Christoph Baumgartner mit 30 Jahren noch in die Ferne verschlagen hat, welche Niveau-Unterschiede er zwischen dem rot-weiß-roten sowie dem rot-weißen Fußball sieht, wie ihm seine fehlenden Sprachkenntnisse bereits nach kurzer Zeit die Augen fürs Leben geöffnet haben und was er zur Krise seines Ex-Klubs zu sagen hat, das können Sie im 1.Teil des krone.at-Interviews nachlesen ODER im Video anschauen!
krone.at: Deutschland, Italien, Spanien oder England, das sind früher klassische Sehnsuchts-Länder für rot-weiß-rote Fußballer gewesen – Polen hat lange Zeit eher nicht dazu gehört. Was hat Dich dazu gebracht, das Abenteuer Polen, das Abenteuer Cracovia Krakau zu wagen?
Dominik Baumgartner: Am Ende der letzten Saison ist es so gewesen, dass bei mir und wahrscheinlich auch beim WAC der Wunsch aufgekommen ist, dass man eine Veränderung vornimmt. Da hört man sich im Austausch mit dem Management natürlich um: Was gibt es denn für Möglichkeiten? So ist es dann zum Gespräch mit Cracovia gekommen, auch wenn ich ehrlicherweise sagen muss, dass ich die polnische Liga im ersten Moment eigentlich überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt habe. Aber ja, ich habe mir gedacht, dass ich mir das einmal anhöre, ohne ernsthafte Hintergedanken daran, ob der Wechsel wirklich zustande kommen wird ...
krone.at: Also noch nicht konkret …
Baumgartner: Genau, wirklich einfach zum Anhören. Aber ich habe mich dann schon vom ersten Gespräch an erstens wertgeschätzt gefühlt und zweitens habe ich einfach gesehen, wie professionell und wie akribisch selbst die Gespräche vorbereitet worden sind. Es hat dann einige wirklich sehr gute Gespräche gegeben und so ist es irgendwann zum Entschluss gekommen: „Okay, ich mag‘ das gerne probieren.“ Auch die familiäre Situation hat in dem Moment dazu gepasst und dementsprechend haben wir dann als Familie dieses Abenteuer gestartet.
krone.at: „Familiäre Situation“ – das heißt dabei was?
Baumgartner: Dass meine Freundin schwanger war und noch immer ist, demnächst kommt unser zweites Kind. Von dem her hat das mit der Karenz gut gepasst. Abgesehen davon ist mein älterer Sohn mit drei Jahren in einem Alter, in dem das auch noch möglich ist, ohne dass man irgendwelche schulischen Pflichten vernachlässigt – weil das wollen wir ihm schon in Österreich ermöglichen.
krone.at: Von Krakau werden wohl die allermeisten Fußball-Fans in Österreich wissen, dass das eine Stadt in Polen ist – aber ob Dein neuer Arbeitgeber Cracovia bei uns daheim allzu vielen ein Begriff ist, wage ich zu bezweifeln. Hast Du den Klub vorab gekannt?
Baumgartner: Grundsätzlich schon, aber nur vom Durchschauen der Tabelle hin und wieder einmal. Wenn österreichische Vereine gegen polnische spielen, dann schaut man sich die Liga natürlich auch an. Man kennt den Namen von dem her ...
krone.at: Was hat‘s generell mit Krakau auf sich, dass sich allein hier gleich sechs österreichische Fußballer wiederfinden? Wie lebt es sich in der 800.000 Einwohner zählenden Metropole, die früher übrigens einmal zu Österreich-Ungarn gehört hat?
Baumgartner: Ich muss ganz ehrlich sagen, Krakau ist eine wunderschöne Stadt! Ich kann sie jedem, der einmal einen Städtetrip machen will, wirklich empfehlen. Krakau läuft zwar komplett unter dem Radar, ist aber wirklich traumhaft. Ich habe inzwischen einige Bekannte hier zu Besuch gehabt, die sich im Zuge eines Spiels die Stadt angeschaut haben – und alle sind sehr begeistert gewesen. Ich glaube, Krakau ist wirklich eine richtig coole Stadt, um hier zu leben, es gibt viel zu sehen und sie haben sehr viele Angebote für Kinder.
krone.at: Was muss man als Tourist aus Österreich hier in Krakau denn unbedingt gesehen haben?
Baumgartner: Natürlich den Stadtplatz, der richtig schön ist, mit tollen Restaurants direkt dort oder im Umkreis. Dann kann man sich natürlich das Wawel-Schloss anschauen, wunderschön gelegen an der Wisla. Dann gibt‘s auch noch einen Drachen, der Feuer spuckt – auch wenn das vielleicht eher etwas Lustiges für kleinere Kinder ist. Es gibt einiges zu sehen ...
krone.at: Du bist zwar noch nicht lange hier in Polen, aber dennoch: Wie steht‘s eigentlich um Deine Polnisch-Kenntnisse, wie viel verstehst Du?
Baumgartner: Sehr wenig! Polnisch ist eine sehr schwierige Sprache, die mit der österreichischen gar nichts zu tun hat. Von dem her, wie soll ich sagen ... [überlegt kurz] ... das Nötigste, oder was heißt das Nötigste? Eigentlich ist es gar nichts ...
krone.at: Ein bisschen grüßen?
Baumgartner: [lacht] Ein bisschen grüßen, genau! Der „easieste“ Smalltalk ist vielleicht möglich, aber zu mehr reicht es nicht ...
krone.at: Also bei „Dzień dobry“ („Guten Tag“, Anm.) zum Beispiel weißt Du, was das heißt?
Baumgartner: [grinst] Das geht sich aus, ja! Oder „Jak się masz?“ für „Wie geht es dir?“, das kriege ich noch zusammen, aber dann hört es sich auch schon wieder auf ...
krone.at: Daran anknüpfend, ein bisschen ernsthafter: Wie wird bei euch eigentlich innerhalb der Mannschaft und mit dem Trainer kommuniziert? Es ist ja doch eine gewisse Internationalität gegeben in eurer Mannschaft …
Baumgartner: Bei uns werden grundsätzlich das gesamte Training und alle Besprechungen auf Englisch abgehalten ... [überlegt kurz] ... Natürlich, polnische Spieler reden untereinander Polnisch, aber sonst ist die Kabinensprache Englisch. Wir haben natürlich auch einzelne Gruppen wie uns Österreicher und den Schweizer Sayfallah (Ltaief, Anm.), der in Deutschland aufgewachsen ist – wir sprechen dann Deutsch ...
krone.at: Und Dein Ex-WAC-Mitspieler Gustav Henriksson?
Baumgartner: Nein, der kann kein Deutsch – der war ja auch nur ein Jahr in Österreich. Allerdings hat er mit dem Lasse (Nordås, Anm.) und mit dem Amir (Al-Ammari, Anm.) eine nordische Connection, in der dann Schwedisch geredet wird.
krone.at: Wie schätzt Du nach deinen ersten Wochen hier im Lande das Niveau in der Beletage des polnischen Fußballs ein, vor allem im Vergleich mit jener in Österreich, die Du ja doch noch immer sehr gut kennen dürftest?
Baumgartner: Das Niveau ist sehr, sehr hoch – die polnische Liga hat sich in den letzten Jahren brutal weiterentwickelt! Gerade auch in die Infrastruktur ist extrem viel investiert worden. Ich habe inzwischen doch schon einige Auswärtsspiele zumindest miterleben dürfen und die Stadien, in denen wir gespielt haben, sind alle unglaublich gewesen, mit richtig coolen Fans. Ein großer Unterschied zu Österreich besteht sicher in der Hinsicht, dass in Polen das ganze Stadion mit „dabei“ ist: In Österreich hast du sehr oft nur die Ultras, die richtig coole Stimmung machen, die Atmosphäre, dass ein ganzes Stadion mitsingt, ist doch noch einmal etwas anderes. Und das ist hier bei fast allen Vereinen so ... [überlegt kurz] Abgesehen davon ist die Liga sehr physisch, es wird sehr viel Wert auf das Körperliche gelegt, da ist Polen einen Schritt vor Österreich. Mannschaftstaktisch ist zwar wahrscheinlich die österreichische Liga ein Stück weit besser aufgestellt, aber alles in allem ist das Niveau schon ähnlich, zumindest was die Topklubs angeht. Die Dichte in Polen ist noch einmal größer als in Österreich.
krone.at: In der Fünfjahres-Wertung sind die Polen inzwischen auch schon vor uns …
Baumgartner: Ja, weit vor uns, Elfter sind sie (Österreich lag vor Beginn der neuen Saison auf Platz 16, Anm.). Sie haben jetzt zum ersten Mal überhaupt fünf Startplätze im Europacup, weil sie in den letzten Jahren sehr viele Punkte gesammelt haben. Es ist wie in Österreich, dass die Champions League eine Spur zu hoch ist vom Niveau her, aber in den anderen beiden Ligen ist man durchaus wettbewerbsfähig.
krone.at: Wie schaut’s ganz persönlich mit Deinen Auftritten auf dem Rasen aus? Wie gut kannst Du mit Deinen Leistungen in den vergangenen Wochen und Monaten leben?
Baumgartner: Ich bin grundsätzlich sehr gut reingestartet, die Vorbereitung ist richtig gut gewesen und ich bin eigentlich auch fix eingeplant gewesen fürs erste Spiel. Leider habe ich mir dann zwei Trainings vor dem ersten Match einen Muskelfaserriss zuzogen, durch den ich vier Wochen ausgefallen bin. Direkt nach einer Verletzung zurückzukommen, ist dann immer ein bisschen schwierig und eine unglückliche Situation. Trotzdem habe ich dann im Cup gespielt, bin aber wegen einer leichten Gehirnerschütterung wiederum nach 60 Minuten ausgewechselt worden. Und beim ersten Startelf-Einsatz in der Liga habe ich dann leider Gelb-Rot gekriegt. Von dem her würde ich meine momentane Situation als sehr unglücklich bezeichnen. Ich habe zwar inzwischen einige Kurzeinsätze gehabt, aber gerade als Innenverteidiger ist es schwer, so großartig irgendetwas zu bewegen ... [schüttelt kurz den Kopf] ... Aber so ist Fußball, im Moment sind andere vor mir und die machen ihre Sache auch sehr gut, das muss man ganz ehrlich sagen. Da muss man sich dann hinten anstellen, trotzdem weiter Gas geben und auf die Chance warten. Und wenn sie sich dann ergibt, muss man sie halt dann auch ergreifen ...
krone.at: Im polnischen Cup seid ihr gleich zum Auftakt gegen einen Drittligisten ausgeschieden, in der Ekstraklasa hat sich der Saisonstart auch generell zäh entwickelt und von den Einsatzzeiten her ist es bei Dir jetzt auch noch nicht optimal. Bereust Du Deinen Wechsel zu Cracovia schon?
Baumgartner: Nein, überhaupt nicht! Natürlich hätte ich es mir anders vorgestellt, so ehrlich bin ich. Aber generell, von der Erfahrung her, ist mein Engagement hier in Polen schon etwas, was mir für meine Zukunft sehr viel bringen wird, egal ob im oder abseits vom Fußball. Ich erlebe das erste Mal, wie es ist als wirklicher Ausländer. Ich habe zwar auch schon in Deutschland gespielt, aber dort gibt‘s dieselbe Sprache und alles ist sehr ähnlich wie daheim. Hier ist es doch ganz anders und ich glaube, das habe ich bei meinen vorigen Stationen immer ein Stück weit unterschätzt, wie sich Ausländer fühlen, wenn sie die Sprache nicht verstehen und in der Kabine nicht so einfach mitreden können. Das ist eine sehr wertvolle Erfahrung für mich.
krone.at: Wer hat Dir eigentlich mehr bei der Eingewöhnung bei Cracovia helfen können – unser beider Landsmann Dijon Kameri oder der Schwede Gustav Henriksson, mit dem Du von Februar 2021 bis Jänner 2022 beim WAC zusammengespielt hast? Oder hat der Dich gar nicht mehr gekannt?
Baumgartner: [lacht] Doch, natürlich haben wir uns gekannt! [überlegt kurz] Es ist mir grundsätzlich sehr leicht gefallen, mich hier einzugewöhnen. Im Trainingszentrum sitzen der Dijon und ich direkt nebeneinander und ich habe mich dann auch gleich in seinen Freundeskreis eingeklinkt – so etwas hilft natürlich immer. Gustav hat mich am Anfang, als ich noch im Hotel gewesen bin und kein Auto gehabt habe, teilweise zum Training mitgenommen. Und dann kommt natürlich, wie wir vorher schon gesagt haben, diese eine Person dazu, die bei Wieczysta spielt, mein Cousin Stefan, der hier in Krakau lebt, was die Situation natürlich auch vereinfacht hat.
krone.at: Da wir gerade Deinen Ex-Klub WAC angesprochen haben. Auch wenn der Abstand noch nicht allzu groß ist, wie blickst Du inzwischen auf Deine Zeit im Lavanttal zurück?
Baumgartner: Natürlich sehr positiv, wenn man die sieben Jahre Revue passieren lässt. Auch wenn es am Anfang ein schwieriger Start gewesen ist, mit einer großen Verletzung, wegen der ich nicht 100-prozentig gewusst habe, ob es noch einmal funktionieren wird ...
krone.at: Ein Kreuzbandriss ist das gewesen, oder?
Baumgartner: Nein, kein Kreuzbandriss, sondern ein Meniskusriss mit einem Knorpelschaden, der eigentlich das viel größere Problem gewesen ist. Mir ist dann, so ehrlich muss ich sein, die Corona-Zeit sehr entgegengekommen. Denn mit den damaligen No-Touch-Regeln ist für mich ein sehr softer Einstieg ins Training möglich gewesen, was in meiner Situation natürlich Gold wert war. Und dann hat es sich einfach unglaublich entwickelt: Erst diese zwei Europa-League-Phasen mit dem Highlight-Spiel in London gegen Tottenham, das werde ich nie vergessen. Nachher der krönende Abschluss mit dem Cup-Sieg und generell die Saison mit dem Fast-Meistertitel, das war natürlich unglaublich. Mein Ziel war es immer gewesen, das habe ich sehr oft zum Präsidenten gesagt, einen Titel mit dem WAC zu gewinnen – und das habe ich geschafft. Die letzte Saison ist sehr schwierig gewesen, für mich persönlich die anstrengendste Zeit, die ich in meiner Karriere bis jetzt gehabt habe. Ich habe schlecht geschlafen, weil mir der WAC über die Zeit ans Herz gewachsen ist und ich den Klub auf keinen Fall mit einem Abstieg verlassen wollte. Von dem her bin ich dann sehr glücklich gewesen, als wir es doch noch geschafft haben.
krone.at: Klingt nicht so, als ob Dich ein Blick auf die aktuelle Tabelle von Österreichs Bundesliga kalt lassen würde …
Baumgartner: Kalt lassen tut es mich natürlich nicht, aber ich bin jetzt auch nicht mehr so emotional daran gebunden. Ich habe bis jetzt trotzdem bis auf das erste Spiel gegen die Austria so gut wie jedes Spiel geschaut. Die Situation ist momentan sehr schwierig, so ehrlich muss man sein. Ich glaube, dass bei der Kaderplanung im Sommer einige Fehler gemacht worden sind. Jetzt hoffe ich, dass der Trainerwechsel noch etwas bewirken kann ...
krone.at: Du hast unter dem Manfred Schmid schon einmal gespielt. Würdest Du sagen, das ist ein Mann, der das schaffen kann?
Baumgartner: Ich glaube, dass er in der Vergangenheit gezeigt hat, dass er Mannschaften stabilisieren kann und dass er auch Abstiegskampf kann – von dem her ist es ihm sicher zuzutrauen. Es ist aber so, dass die Mannschaft spielt und nicht der Trainer – und der Trainer muss jetzt bis Winter mit diesem Kader arbeiten und Punkte sammeln, um möglichst nahe dran zu bleiben. Damit man im Wintertransferfenster noch einmal nachlegen kann, um im Frühjahr die nötigen Punkte zu holen.
krone.at: Wie würden österreichische Teams hier in Polen abschneiden, etwa Dein Ex-Klub WAC?
Baumgartner: [schnauft kurz durch] Das ist natürlich sehr, sehr schwierig. Grundsätzlich habe ich die Liga bis jetzt als brutal eng kennengelernt, da entscheiden in jedem Spiel ganz kleine Nuancen. Das ist noch einmal extremer als in Österreich, jede Mannschaft kann jede andere schlagen. Du hast natürlich auch hier die drei, vier Top-Klubs, die auf einem ähnlichen Niveau sind wie die Top-Klubs in Österreich. Aber die kleineren Vereine aus Österreich hätten hier Probleme und würden auf jeden Fall eher im hinteren Drittel mitspielen – ob sie dann absteigen könnten, würden Kleinigkeiten entscheiden. Ich schätze die Dichte hier größer ein als in Österreich ...
krone.at: Und andersherum: Was für eine Figur würden die polnischen Klubs in Österreich abgeben, etwa die von Dir angesprochenen Spitzenklubs? Ich vermute einmal, Du redest von Klubs wie Górnik Zabrze, Legia Warschau, Lech Poznań …
Baumgartner: Ich glaube, dass die auch in Österreich, um den Meistertitel mitspielen würden. Natürlich: Wenn die Salzburger die Power und das Kapital, das sie haben, anders als in den vergangenen Jahren auf den Platz bringen, dann sehe ich sie in Österreich über allen anderen – und dann würden sie auch in Polen über allen Vereinen stehen. Aber dahinter wäre es zwischen dem LASK, Sturm oder Rapid und den Top-Klubs hier sehr eng, sie wären auf einem ähnlichen Niveau ...
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