Vom Aussterben bedroht

Die Schleiereule kämpft um ihren Lebensraum

Österreich
24.08.2026 05:00

Die nachtaktive Schleiereule fasziniert mit dunklen Augen im herzförmigen Gesicht und lautlosem Flügelschlag. Sie ist seit Beginn der Sesshaftigkeit eng mit unserer Kulturlandschaft verbunden. Leider gibt es in Österreich nur noch ganz wenige Exemplare.

Unsere Schleiereule ist ein extravagantes Geschöpf. Selbst die Evolution hat für sie innerhalb der Ordnung der Eulen neben Kautz und Co. noch eine eigene Familie geschaffen: „Tyto alba“ aus dem Hause der Tytonidae. Tyto kommt aus dem Altgriechischen und ist ein lautmalerischer Name, abgeleitet von ihrem gruseligen, kreischenden Ruf. Alba ist lateinisch und bedeutet weiß. Das bezieht sich auf ihr helles Gefieder am Bauch und ihren Gesichtsschleier. Sie ist eine langbeinige Schönheit mit scharfen Krallen. Das hilft ihr, die Beute unter langen Grasbüscheln zu erreichen bzw. beim Kampf mit anderen Vögeln.

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Schleiereulen sind dringend auf künstliche Nesthilfen angewiesen.

Carolina Trcka-Rojas, Naturschutzbund

Diese Schöne der Nacht bringt auf lautlosen Schwingen den Tod. Auf ihrem Speiseplan stehen Mäuse, Ratten, Spitzmäuse und anderes Kleingetier. Kein Wunder, dass sie als biologischer Mäusefänger schon immer ein Liebling der Bauern war. Sie gaben ihr dafür den Ehrentitel „Katze der Lüfte“. Während eine Bauernhofkatze rund 2000 Mäuse im Jahr vertilgt, bringt es ein Schleiereulenpaar mit hungrigem Nachwuchs in nächtlicher Gemeinschaftsarbeit auf 7000 Stück. Diese Arbeitsteilung funktioniert flexibel: Wenn der Vater nicht genug Futter bringt, springt die Mutter ein. Ein Forschungsteam der Universität Lausanne und der Vogelwarte Sempach untersuchte 68 Brutpaare während der Aufzucht mittels GPS und Beschleunigungssensoren.

Wohnungsnot bedroht Bestände 
Die Arbeitsteilung fördert das Überleben auch der jüngsten Küken. Mama Schleiereule legt ihre Eier nämlich nicht auf einmal, sondern mit zeitlichem Abstand. Nach einer Brutzeit von rund 30 Tagen schlüpfen die Jungen dann in den entsprechenden Abständen. So kommt es, dass in einem Nest ältere und jüngere Geschwisterküken nebeneinander aufwachsen.

Dabei ist „Nest“ nicht im herkömmlichen Sinn zu verstehen. Schleiereulen bauen, im Gegensatz zu anderen Eulenarten, keine Nester, sondern besiedeln Nischen und Hohlräume, am liebsten in Kirchtürmen und Scheunen. In England nennt man sie daher Barn Owl, Scheuneneule. Durch Sanieren, Modernisieren und den Trend, alles dichtzumachen, verschließt man ihnen viele Einflugöffnungen. Deshalb sind Schleiereulen in Österreich vom Aussterben bedroht, obwohl sie im Rest von Europa nicht als gefährdet gelten. Bei uns finden sie sich nur in isolierten Restvorkommen. Carolina Trcka-Rojas vom Naturschutzbund: „Sie sind daher dringend auf künstliche Nesthilfen angewiesen. Diese müssen regelmäßig gesäubert werden, um Infektionen vorzubeugen. Auch ihre Jagdreviere gehen durch die Intensivierung der Landwirtschaft zunehmend verloren. Und leider gefährdet Mäusegift die Vögel. Eine ganze Population kann damit in kurzer Zeit vernichtet werden.“

Flauschige Geschwisterküken werden von Mutter und Vater in flexibler Arbeitsteilung versorgt.
Flauschige Geschwisterküken werden von Mutter und Vater in flexibler Arbeitsteilung versorgt.(Bild: Gerard Soury)
Die „Katze der Lüfte“ – eine begnadete Mäuse- und Rattenfängerin
Die „Katze der Lüfte“ – eine begnadete Mäuse- und Rattenfängerin(Bild: Steve Allen Travel & Wildlife Ph)

Flügel wie ein flauschiger Teppich 
Nun noch einmal zurück zum lautlosen Jagen. Wie schafft es diese fleißige Nachtarbeiterin, beim Fliegen kein Geräusch zu machen? Es kommt darauf an, möglichst wenig Luftverwirbelungen zu erzeugen. Dafür wurde unsere Nachtschwärmerin von der Natur dreifach begünstigt: Die Flügelvorderkante ist gezahnt wie ein Kamm und verringert damit Verwirbelungen. Die Oberfläche ihrer Flügel ist weich wie ein flauschiger Teppich, der Laute zusätzlich verschluckt. Und die Flugfedern sind an den Kanten leicht ausgefranst, auch das wirkt wie ein Schalldämpfer.

Für Wissenschafter auf dem Gebiet der Bionic (dem Nachahmen der Natur) ist das Gefieder der Schleiereule ein spannendes Forschungsfeld. Es dient als Vorbild dafür, wie Flugzeuge oder Windanlagen leiser betrieben werden können. Auch ist der Sehsinn im Vergleich zum menschlichen Auge zweimal so lichtempfindlich und überdies darauf spezialisiert, alles wahrzunehmen, was sich bewegt. Schleiereulen können grandios hören und finden sich daher auch in stockdunkler Nacht problemlos zurecht. Das hat mit ihren Ohren zu tun, von denen sich eines etwas höher am Kopf befindet als das andere. So können sie die Richtung, aus der die Geräusche kommen, gut zuordnen. Ein Ohr hört nach unten, eines nach oben. Dazu sammelt ihr einzigartiger Gesichtsschleier mit seinen feinen Federn Geräusche wie eine Satellitenschüssel und leitet sie zu den Innenohren.

Bionic – das Nachahmen der Natur
Von einer neuen Erkenntnis berichtet das Wissenschaftsteam der Uni Lausanne im Fachblatt „Current Biology“. Schleiereulen gibt es in zwei Farbvarianten, helle und dunkle. Wozu das helle Federkleid bei der fast weißen Art dient, war bis dato unbekannt. Es widerspricht dem Tarnungskodex eines nächtlichen Jägers. Das Ergebnis der Studie war paradox: Die weißen Schleiereulen erbeuteten, vor allem in hellen Mondnächten, auffällig mehr als ihre dunklen Artgenossen. Sie jagten ganz bewusst im Licht! Die Erklärung lautet: Schreckreaktion-Hypothese. Mit ihrem plötzlichen, leuchtenden Erscheinen lassen die Eulen ihre Opfer vor Schreck erstarren. Es ist diese eine Zehntelsekunde des Innehaltens, die der Maus den Tod bringt – und der Schleiereule und ihrer Familie einen gedeckten Tisch.

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