Mo, 18. Juni 2018

"Knock on the roof"

16.07.2014 12:45

So "warnt" Israels Armee vor ihren Luftangriffen

"Knock on the roof": So wird die höchst umstrittene Vorgehensweise der israelischen Armee bei den Luftangriffen im Gazastreifen bezeichnet. Videoaufnahmen zeigen, wie zunächst ein "Warnschuss" auf ein zum Ziel auserkorenes Gebäude abgegeben wird, bevor es von Raketen dem Erdboden gleichgemacht wird. Eine weltweit einzigartige Vorgehensweise, lobt sich Israel selbst für das Warnsystem. Menschenrechtler sehen hingegen in der Methode keine legitime Warnung und werfen Israel vor, mit tödlichen Angriffen auf zivile Ziele das Völkerrecht zu brechen.

Bereits rund 200 Menschen sollen laut palästinensischen Angaben bei den jüngsten Luftangriffen der israelischen Streitkräfte im Gazastreifen ums Leben gekommen sein. Mehr als 1.000 weitere Menschen seien durch Raketenbeschuss verletzt worden. Israels Militär betont jedoch stets, es tue alles, um den Tod von Zivilisten zu verhindern. Doch in vielen Fällen würden die Hamas-Mitglieder ihre Wohnhäuser zum Beispiel als Waffenlager oder Kommandozentralen benutzen, wird der Beschuss von zivilen Zielen begründet.

Anrufe und "Warnschüsse" sollen zivile Opfer vermeiden
Um zivile Opfer zu vermeiden, kündigt die Armee die Angriffe gewöhnlich telefonisch an oder gibt einen "Warnschuss" auf das Ziel ab. "Knock on the roof" (Aufs Dach klopfen) nennt sich diese höchst kontroversielle Vorgehensweise. Konkret werden dabei zunächst kleine Raketen auf ausgewählte Ziele abgefeuert - was als Warnung für die Bewohner dienen soll. Erst mit einem entsprechenden Zeitabstand wird das Gebäude dann von durchschlagskräftigeren Raketen zerstört.

Ein vor Kurzem auch auf YouTube veröffentlichtes Video der Gaza-Nachrichtenagentur Watania zeigt, wie ein Haus im Gazastreifen zunächst von einem solchen Warnschuss getroffen wird. Dem Bericht zufolge wurde der Besitzer des Hauses zudem telefonisch über den bevorstehenden Angriff in Kenntnis gesetzt. Etwa 15 Minuten nach dem "Knock on the roof" nehmen israelische Kampfjets das Gebäude dann erneut ins Visier und legen es mit Raketen in Schutt und Asche.

"Einzige Armee der Welt", die vor Angriffen warnt
Israel wäre die "einzige" Armee der Welt, die vor Luftangriffen warnt und dadurch den Menschen die Möglichkeit gebe, noch aus dem Haus zu fliehen, verteidigte der israelische Armeesprecher Peter Lerner die Vorgehensweise zuletzt in einem Interview mit dem Nachrichtensender Al Jazeera. Die PR-Abteilung der Streitkräfte veröffentlichte zudem Luftaufnahmen eines Angriffs im Gazastreifen - unterlegt mit dem Telefonmitschnitt eines Warnanrufs der israelischen Verteidigungskräfte (IDF).

Auf dem Video ist das Ziel bereits anvisiert, als der IDF-Mitarbeiter den Bewohner eines Hauses in überaus höflichem Ton vor einem Luftangriff auf ein benachbartes Gebäude warnt. "Wie geht es Ihnen. Ist alles in Ordnung?", fragt der Anrufer. "Die IDF haben ein Ziel in ihrer unmittelbaren Nähe zum Abschuss ausgewählt. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, um keine anderen Gebäude zu zerstören", betont der Soldat weiter. Fünf Minuten Zeit wird dem Bewohner dann zur Flucht eingeräumt, er solle auch alle anderen Personen im Gebäude warnen, so die Bitte des Telefonisten. Auf der Luftaufnahme ist dann noch der Warnschuss zu sehen, bevor das Angriffsziel von Raketen gesprengt wird.

Amnesty: "Auf keinen Fall effektive Warnung"
Doch während sich Israels Streitkräfte für ihr Warnsystem selbst loben, verurteilen Menschenrechtsorganisationen die "Knock on the roof"-Praxis. So würden laut Angaben von Amnesty International in vielen Fällen bereits die "Warnschüsse" Menschenleben fordern. "Auf keinen Fall stellt der Abschuss einer Rakete auf ein ziviles Gebäude eine effektive 'Warnung' dar", kritisierte Peter Luther, Amnesty-Chef für den Nahen Osten und Nordafrika.

Die Organisation habe demnach bereits in der Vergangenheit immer wieder Tote und Verletzte beim "Knock on the roof" im Gazastreifen dokumentiert. Andere Kritiker sprechen von "psychologischer Kriegsführung". Die Bevölkerung werde durch die Warnanrufe eingeschüchtert, oftmals folge zudem gar kein Raketenbeschuss. Belege für diese Angaben gibt es allerdings vorerst keine.

Human Rights Watch ortet Verstoß gegen Völkerrecht
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wirft Israel - aber auch den militanten Palästinensern - angesichts der massiven Luftangriffe jedenfalls Völkerrechtsbruch vor. In mindestens vier Fällen habe die israelische Armee Ziele attackiert, obwohl es kein legitimes militärisches Ziel für den Angriff gegeben habe oder unverhältnismäßig viele Zivilisten gefährdet wurden. Jeder Angriff werde vorab juristisch geprüft, erklärte wiederum der israelische Armeesprecher Arye Shalicar. Demnach seien auch die vier von HRW kritisierten Angriffe völkerrechtlich abgesichert.

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