23.05.2014 12:00

Nach Gift-Pannen

USA: Die Rückkehr des elektrischen Stuhls

Er galt in den USA lange Zeit als zu grausam, jetzt kehrt er zurück: Die Rede ist vom elektrischen Stuhl, der aufgrund der Pannenserie in Zusammenhang mit Hinrichtungen per Gift-Injektion künftig wieder zum Einsatz kommen soll. Der Gouverneur von Tennessee hat am Donnerstag einen entsprechenden Gesetzesentwurf unterschrieben. Andere Bundesstaaten könnten dem Beispiel folgen.

"Old Smokey" steht derzeit in einem Museum in der Bundeshauptstadt Washington. Auf dem elektrischen Stuhl mit dem vielsagenden Namen waren zwischen 1916 und 1960 in Tennessee 125 Männer hingerichtet worden. Doch weil das todbringende Gerät schließlich als zu qualvoll erachtet wurde, stiegen die Bundesstaaten der USA nach und nach auf andere Methoden, überwiegend die Giftspritze, um.

Aufgeheizte Debatte nach Pannenserie mit Giftspritzen
Nun hat aber eine ganze Reihe von Pannen bei Hinrichtungen durch Gift-Injektion, bei der mehrere Todeskandidaten auf qualvolle, menschenunwürdige Weise sterben mussten, in den USA die Debatte um die Todesstrafe zum Kochen gebracht. Nachschubprobleme der USA bei den zur Tötung eingesetzten Mitteln - die europäischen Hersteller der Chemikalien weigern sich, diese für Hinrichtungen zur Verfügung zu stellen - hatte eine Reihe von Bundesstaaten auf neue Mischungen aus obskuren Quellen zurückgreifen lassen.

Damit Exekutionen trotz der Lieferengpässe und der anhaltenden Schwierigkeiten mit den neuen Giftmischungen weiter wie geplant durchgeführt werden können, haben die Gesetzgeber im US-Bundesstaat Tennessee jetzt einen drastischen Schritt gesetzt und kurzerhand den elektrischen Stuhl wieder eingeführt.

Der republikanische Gouverneur Bill Haslam unterschrieb am Donnerstag einen entsprechenden Gesetzesentwurf, der im April mit einer überwältigenden Mehrheit den Senat des Bundesstaates passiert hatte. Das neue Gesetz sieht den Einsatz des elektrischen Stuhls vor, wenn Wirkstoffe für die Giftspritze nicht vorrätig sind.

Experte: "Kein anderer Bundesstaat ist so weit gegangen"
Eine Wahl haben die Verurteilten demnach nicht. Ein drastischer Schritt, wie der Todesstrafen-Experte Richard Dieter vom Death Penalty Information Center gegenüber der Nachrichtenagentur AP erklärte. "Kein anderer Bundesstaat ist so weit gegangen". Zwar sei Dieter zufolge auch in anderen Bundesstaaten die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl möglich - aber es handelt sich dabei um eine Option, für die sich der Todeskandidat entscheiden kann.

Der Experte gibt zu bedenken, dass es durchaus denkbar sei, dass sich Gerichte einer tatsächlichen Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl entgegenstellen könnten. "Es gab in der Vergangenheit schon grausame Zwischenfälle mit der elektrischen Hinrichtung, das haben die Gerichte noch nicht vergessen", erklärte Dieter gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Umfrage: Mehrheit unterstützt neues Gesetz
"Es gibt uns eine andere Option. Wir hatten so viele Probleme mit der Giftspritze", verteidigt hingegen ein Regierungssprecher das neue Gesetz in Tennessee. Laut einer aktuellen Umfrage der Universität Vanderbilt unterstützt die Mehrheit der Bevölkerung die Maßnahme: 56 Prozent der registrierten Wähler in Tennessee sprachen sich demnach für den elektrischen Stuhl aus, 37 Prozent dagegen.

Und Tennessee steht mit dem "elektrischen" Vorstoß nicht alleine da. Auch in Virginia wird bereits seit einiger Zeit laut über die Wiedereinführung des elektrischen Stuhls nachgedacht, berichtete die "Washington Post". In manchen Bundesstaaten wurde gar die Hinrichtung durch ein Erschießungskommando (siehe Story in der Infobox) wieder aufs Tablett gebracht - die derzeit ebenso wie der elektrische Stuhl mancherorts vom Todeskandidaten als Option, aus dem Leben zu scheiden, gewählt, aber nicht vom Staat festgesetzt werden darf.

Einige der in den USA zum Tode Verurteilten sterben auf dem elektrischen Stuhl, andere in der Gaskammer, werden erschossen oder gehängt. Die allermeisten aber kommen durch eine Gift-Injektion ums Leben - jener Methode, die 1982 in Texas als "moderne" und "humane" Methode der Exekution eingeführt worden war, jedoch zunehmend umstritten ist.

Höchstrichter wollen sich (noch) nicht mit Gift-Streit befassen
So hatte der Oberste Gerichtshof der USA erst vor wenigen Tagen den Streit um die Hinrichtung des verurteilten Mörders Russell Bucklew in Missouri an ein Berufungsgericht verwiesen - und damit vorerst darauf verzichtet, sich selbst mit der Frage nach der Verfassungsmäßigkeit der Hinrichtung per Giftspritze zu befassen.

In dem Rechtsstreit geht es um die Grundsatzfrage, ob Exekutionen mit der Giftspritze zulässig sind, wenn sie möglicherweise einen besonders qualvollen Todeskampf auslösen. Im Bundesstaat Oklahoma war die Hinrichtung eines Todeskandidaten am 29. April abgebrochen worden, weil es Probleme mit der Gift-Injektion gab. Der Mann wand sich 43 Minuten lang im Todeskampf vor Schmerzen, bis er schließlich einen tödlichen Herzinfarkt erlitt.

Der achte Zusatz zur US-Verfassung verbietet jegliche "grausame und ungewöhnliche Bestrafung". Darauf beriefen sich Bucklews Anwälte. Sie hatten vor einem Berufungsgericht geltend gemacht, dass ihr Mandant wegen einer seltenen Erkrankung nach Verabreichung der Todesspritze qualvoll ersticken könnte. Ob eine Exekution auf dem elektrischen Stuhl weniger qualvoll ist, darf aber aufgrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit bezweifelt werden.

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