„Krone“-Interview

Mirjam Unger: „Wir sind wie ein Sportfrauen-Team“

Unterhaltung
03.02.2026 06:00

Mit „Tod in Tirol“ hat die Wiener Regisseurin Mirjam Unger ihren bereits dritten Tiroler Landkrimi inszeniert, der seit geraumer Zeit auf Frauenpower setzt und äußerst gut damit fährt. Im großen Interview erklärt sie uns, warum der neue Film eher ein Thriller ist, wieso Patricia Aulitzky hier die perfekte Rolle spielt und welche Bedeutung Agatha Christie in ihrem Leben spielt.

Düster, brutal, unvorhersehbar – so kennt man die Landkrimis aus Tirol, die im Gegensatz zu ihren beliebten Kollegen aus der Steiermark vornehmlich auf Humor verzichten, dafür aber nicht den Vergleich mit internationalen Produktionen scheuen müssen. Dafür verantwortlich ist nicht nur das hervorragende Ermittlerduo Lisa Kuen (Patricia Aulitzky) und Alex Yüsüf-Demir (Dominik Raneburger), sondern auch die Wiener Regisseurin Mirjam Unger, die mit inszenatorischem Geschick auch ihren dritten Fall, „Tod in Tirol“ (20.15 Uhr, ORF 1) zum Ereignis macht.

Die Handlung im Schnelldurchlauf: Kuen ist semifreiwillig aus dem Polizeidienst ausgestiegen und arbeitet nun als Fitnesstrainerin, die als Nebentätigkeit einige Sicherheitsdienste macht. Zumindest ist das die Legende, die sie als verdeckte Ermittlerin ungemein intensiv und glaubhaft aufgebaut hat. Der Grund dafür? Sie untersucht einen Drogen-Ring, der mit italienischer Ware in der Tiroler Gastro- und Hotelszene großes Geld macht. Je tiefer sie in die Welt des Kriminals vorrückt, umso suspekter kommt ihr die andere Welt vor. Wem kann sie vertrauen? Und was ist noch richtig oder falsch? Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel beginnt.

„Krone“: Frau Unger, „Tod in Tirol“ ist der bereits dritte Tiroler Landkrimi, den sie inszeniert haben. Wie eingespielt ist das ganze Team da bereits und laufen die Dinge mittlerweile schon automatisch ab?
Mirjam Unger:
 Wir sind eingespielt. Trotzdem stehen wir jedes Mal vor neuen Herausforderungen. „Tod in Tirol“ erzählt von der Drogenroute aus Italien nach Innsbruck und von mafiösen Verstrickungen in Tirol. Die Story ist entlang der Brenner Autobahn angesiedelt, ein hartes Pflaster. Wir haben auch erstmals in der kalten Jahreszeit gedreht, weil Tirol rau und kalt rüberkommen sollte. Und wir hatten wirklich viele Schauplätze, das war eine ziemliche Dreh-Rallye.

Auch dieser Teil setzt vor und hinter der Kamera wieder vornehmlich auf Frauenpower. Abseits davon, dass das ein wichtiges Zeichen im Business ist – ist die Arbeit in dieser Umgebung ganz anders als in anderen Produktionen?
Dieses Landkrimi-Frauenteam funktioniert einfach gut. Wir verstehen uns, wir können miteinander, treffen künstlerisch, finanziell und menschlich gute Entscheidungen und ziehen an einem Strang. Man kann uns mit einem Sportfrauenteam vergleichen, glaube ich. Wir werfen uns die Bälle zu, versuchen sie ins Tor zu bringen und respektieren uns dabei. Für mich persönlich ist die Arbeit am Landkrimi was Besonderes. Ich ziehe jedes Mal für drei Monate nach Tirol, arbeite mit vielen Menschen aus Tirol, die ich mittlerweile unglaublich schätze.

Undercover befindet sich Lisa Kuen (Patricia Aulitzky, l.) in städiger Alarmbereitschaft – hier ...
Undercover befindet sich Lisa Kuen (Patricia Aulitzky, l.) in städiger Alarmbereitschaft – hier ihre neue „Familie“.(Bild: Heinz Laab)

Ihre Tiroler Landkrimis sind extrem düster und brauchen nicht den Vergleich mit großen internationalen Produktionen zu scheuen. Die Steirerkrimis sind etwa mit viel Humor durchzogen – warum machen Sie es anders?
Was uns auszeichnet: Wir drehen als Filmsprache in Tiroler Dialekten und versuchen das Bundesland jenseits gängiger Klischees einzufangen, wir zeigen die Rückseite der Tourismuskulisse. Die Tirolerin Eva Testor schreibt die Bücher. Sie möchte hinter die Postkartenidylle blicken und ich gehe da gerne mit. Ich lese und schaue auch selber gerne Thriller oder Mafiageschichten und interessiere mich für verborgene Machtverhältnisse. Eva schickt beim Schreiben die KommissarInnen in gefährliche Situationen, da überwiegt dann der Suspense. Das mag ich. Außerdem besticht die Landkrimi-Reihe dadurch, dass viele Genre-Zugänge möglich sind.

Ganz im Gegenteil weist „Tod in Tirol“ in vielen Szenen eine für Landkrimis so gar nicht bekannte Brutalität auf. Gibt es für Sie dahingehend Vorbilder? Inszenatorische Stile, von denen Sie sich da was abschauen?
Meine Vorbilder für „Tod in Tirol“ waren Filme und Serien, die sich dem Thema Mafia nähern und da kommt man um Gewalt und Brutalität nicht herum. Begonnen bei Martin Scorsese oder „Eastern Promises“ von David Cronenberg bis hin zu Serien wie „Queen Of The South“ oder „Narcos“. Dagegen sind wir fast harmlos und deuten nur an. Außerdem wird Frauen beim Regie führen oft das Familiengenre und die Komödie zugeschrieben. Die Erwartungen zu brechen und hart zu inszenieren war auch befreiend.

Was fasziniert sie an der Welt der Krimis so? Und ist „Tod in Tirol“ nicht schon fast mehr ein Suspense-Thriller als ein herkömmlicher Landkrimi?
Ja, wir begeben uns diesmal auf die Spur des Thriller-Genres. Mich fasziniert Suspense. Ich interessiere mich für Netzwerke, für Systeme, ich möchte verstehen, wie dunkle Machenschaften funktionieren und ablaufen. Unsere Kommissarin Lisa wird diesmal undercover in eine gefährliche Drogenmafiastruktur eingeschleust. Wir erleben in Österreich gerade einen signifikanten Anstieg von illegalem Kokainvertrieb, -verkauf und -konsum. Zu erzählen, wie diese Drogen derzeit nach Österreich kommen und wie die Mafiastrukturen dahinter funktionieren, das finde ich relevant und spannend.

Wie haben Sie sich auf dieses Projekt vorbereitet? Auch in Hinblick auf die Drogenthematik?
Ich habe mir viele wahre Fälle angeschaut, Statistiken gelesen, Polizeiberichte angesehen. Unsere Autorin hat Verbindungsleute bei der Tiroler Polizei. Sie bespricht sich während der Drehbucharbeit auch mit einem pensionierten Drogenfahnder, der auf der Route Italien, Tirol, Europa tätig war und immer noch viel Insiderwissen hat. Ich habe Dokus, Filme, Serien zum Thema geschaut und viel dazu gelesen.

Die Tiroler Landkrimis leben von ihren starken Figuren. Was war Ihnen etwa beim Casting für diese Produktion besonders wichtig? Hatten Sie schon vorab im Kopf, wer sich gut wofür eignet?
Ich drehe immer mit SchauspielerInnen aus der Region, aus Tirol und Südtirol, weil mir die authentische Sprache so wichtig ist. Dabei finden die Casterin Nicole Schmied und ich immer wieder tolle SchauspielerInnen, die das Publikum nicht jeden Tag sieht. Das ist erfrischend und interessant, vor allem, wenn sie in ihrer Muttersprache, ihrem Dialekt spielen. Diesmal sind als Gäste Tommy Fischnaller-Wachtler, Noah L. Perktold und Katja Lechthaler in großen Rollen mit dabei. Den „Deutschen“, wie er im Drehbuch heißt, habe ich bei den Dreharbeiten zu der Serie „Biester“ kennengelernt, Golo Euler, da habe ich ihn gefragt, ob er Lust hat auf einen Tirol-Ausflug als Mafiosi.

Es geht um verdeckte Ermittlungen und auch darum, dass man in dieser Rolle sehr schnell auch privat mit der sogenannten bösen Welt verschmilzt – wollten Sie bei Patricia Aulitzky gerade diese Zerrissenheit in den Vordergrund rücken?
Patricia Aulitzky ist die ideale Besetzung für Figuren, die sich ihrer inneren Zerrissenheit und ihren Ängsten stellen. Sie kann ihren Rollen, wie wenig andere, Ecken und Kanten geben. Sie traut sich Grenzen auszuloten. Sie stellt eine mutige Heldin dar, die man bewundert, weil sie sich kein Blatt vor den Mund nimmt und in jede auch noch so gefährliche Situation direkt hinein geht. Sie mag Action und setzt ihre Sportlichkeit ein. Für „Tod in Tirol“ musste sie Boxen lernen. Sie hat für den Dreh hart trainiert mit einem Boxmeister in Innsbruck.

Die Hotel- und Gastroszene ist der Dreh- und Angelpunkt für die internationalen Drogengeschäfte.
Die Hotel- und Gastroszene ist der Dreh- und Angelpunkt für die internationalen Drogengeschäfte.(Bild: Heinz Laab)

Die Handlung changiert clever hin und her, man weiß oft nicht, wer jetzt wo auf welcher Seite steht. Kommt da eine Art „Agatha Christie-Liebe“ durch, wenn man einen Film so erzählt?
Sie haben mich durchschaut. Ich verehre Agatha Christie, ihr Leben und ihr Schreiben.

Was waren bei diesem Projekt die größten Herausforderungen? Gab es ein paar besonders memorable oder schwierige Momente im Zuge des Drehs dieses Films?
Die Dreharbeiten außen bei Minusgraden im Wipptal haben sich zeitweise nach einer Expedition angefühlt. Das war herausfordernd aber auch belebend, weil ich mich dabei gespürt habe. Ich denke gern daran zurück, obwohl ich manchmal vor lauter Kälte Hemmungen hatte, das Team um noch einen weiteren, wiederholenden Take zu bitten, weil es so eisig war. Vor allem unter der Brenner Autobahn, auf den Baustellen unter den großen Betonpfeilern weht ein eiskalter Wind. Und dann war da noch die Verantwortung etwas zu erzählen, das so nahe an der Realität ist. Hier authentisch zu sein und im Landkrimi-Format zu bleiben, das war eine Challenge. Aber ich liebe Herausforderungen und ziehe mir gern große Schuhe an, in die ich hineinwachsen kann.

Wird es mit zunehmender Landkrimi-Erfahrung eigentlich einfacher oder vielleicht sogar schwieriger, neue Filme zu inszenieren? Vor allem, wenn die Vorlagen bereits so gut gelungen sind.
Es wird von Mal zu Mal eher einfacher. Die Tiroler Landkrimi-Figuren sind etabliert und entwickeln ein spannendes Eigenleben. Es ist vielleicht so, wie wenn man eine Sportart gelernt hat und dann genießt, dass man sie jetzt ziemlich gut kann. Die Reise, die jeder Landkrimi bereithält, ist für mich persönlich jedes Mal ein unvergessliches Abenteuer. Ich lerne viel über Menschen und Orte in Österreich.

Messen Sie sich bei diesen Inszenierungen eigentlich mit anderen Landkrimis? Weil gerade beim Quotendruck bleibt das wohl nicht ganz aus…
Es ist eine Ehre im Landkrimiteam zu sein. Ich habe viel Respekt vor all meinen KollegInnen, die so gute Arbeiten machen. Der Landkrimi ist das Format im ORF, das dem Filmemachen für Kino am nächsten kommt. Deswegen ist es auch so reizvoll für uns alle dafür zu arbeiten, weil eine authentische Filmsprache dezidiert erwünscht ist. Die Quoten stimmen. Das Publikum liebt dieses Format. Die ZuschauerInnen schätzen das Lokale, das Eintauchen in Dorfstrukturen, in spezifische Landkreise und auch die persönliche Handschrift der Filmemachenden, sonst wären die Quoten nicht permanent hoch.

Kuen und Raneburger in Pose – kann man sich gegenseitig vertrauen und den Fall lösen?
Kuen und Raneburger in Pose – kann man sich gegenseitig vertrauen und den Fall lösen?(Bild: Heinz Laab)

Wird es auch einen vierten gemeinsamen Landkrimi geben bzw. wurde schon gedreht oder ist dahingehend schon was fixiert?
Wir wünschen uns einen weiteren Tiroler Landkrimi zu erzählen. Das Tiroler Team möchte gern wieder zusammenkommen. Das Publikum steht auf Patricia Aulitzky und Dominik Raneburger als KommissarInnen Lisa und Alex. Wir haben auch schon einen spannenden Plot, der wieder heikle Themen aufgreift.

Was macht denn für sie den besonderen Reiz aus, die Tiroler Krimis zu inszenieren? Inwiefern passt die Kombination Mirjam Unger und Tiroler Landkrimi so gut zusammen?
Ich bin immer noch überrascht, dass es matcht, denn ich komme als Gast, eingeladen von meiner Tiroler Freundin, Autorin und Kamerafrau Eva Testor, mit der ich schon gemeinsam studiert habe. Wir machen seit langem Filme miteinander und als ich sie gefragt habe, ob sie glaubt, dass ich die Richtige bin für ihre Tiroler Landkrimi-Bücher, meinte sie zu mir: „Erstens ist ein Blick von außen immer gut, zweitens wird dich deine Musikalität durch die Tiroler Sprache und den Dialekt leiten und drittens findest du als ehemalige Journalistin deinen Zugang.“ Mittlerweile fühle ich mich Tirol und den KollegInnen, mit denen ich dort zusammenarbeiten darf, stark verbunden. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres als mit dem Filmemachen Land und Menschen kennen zu lernen.

Sie haben unter anderem auch fünf Episoden der letzten Staffel der „Biester“ inszeniert – thematisch ist das natürlich eine ganz andere Welt. Wo fühlen Sie sich beim Inszenieren wohler oder mehr Zuhause und warum?
Bei der Serie „Biester“ war ich bei Staffel eins und zwei dabei. Bei der dritten Staffel bin ich ausgestiegen, weil ich das Gefühl hatte, es ist Zeit für was Neues. Staffel eins hatte ich aufsetzen dürfen, die Serie mit dem „Biester“-Team gemeinsam besetzt und etabliert. Das hat großen Spaß gemacht. Eine Welt und ihre Figuren zu erschaffen ist das, was mich am meisten reizt. Ich lasse mich dann ganz auf diese Welt, die es zu kreieren gibt, ein und erlebe die Kreation als die beglückendste Aufgabe. Einmal ist es die glamourös, witzig-pointierte „Biester“-Welt, dann ist es wiederum die düstere, hart-realistische Landkrimiwelt. Es ist wie unterschiedliche Musikstücke hören. Mal ist es Pop, mal ist es Techno oder Rock. Ich habe einen breit gefächerten Musikgeschmack. Der geht bis Klassik. Da ist also noch viel möglich.

Wie sieht es bei Ihnen mit weiteren Projekten aus? Was ist schon spruchreif und wo geht es in der näheren Zukunft überall noch hin?
Wenn ich wüsste, worüber ich jetzt sprechen darf… 2026 soll auf jeden Fall eine Perle erscheinen, eine von Adele Neuhauser und Axel Milberg brillant gespielte, charmante Komödie namens „Mit und ohne Simone“. Auf den Release warte ich gespannt, weil der Film, glaube ich, vielen Menschen Freude machen wird. Nach Ostern drehe ich einen Film mit Iris Berben in der Hauptrolle, sie ist eine fantastische Frau und Schauspielerin und ich lerne mit ihr gerade wieder viel Neues dazu. Das ist schön und bereichernd.

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