Der Wiener-Viktoria-Platz in der Oswaldgasse. In einer knappen Stunde beginnt das Training der Regionalliga-Mannschaft. Während sich die ersten Kicker via "Hösche" auf die Einheit am Kunstrasenplatz einstimmen, empfängt uns in der Vereinskantine ein merklich ausgeglichener Cheftrainer. "Grüß euch, Burschen", raunt uns Jubilar Toni Polster mit seinem markanten Timbre zu und nippt an seinem Cola light: "Was kann ich für euch tun?" Einiges! Etwa sein bewegtes bisheriges Leben revuepassieren lassen. Das tut er im Interview gewohnt fesselnd - und berührend.
krone.at: Bevor wir auf Ihren 50er zu sprechen kommen: 2014 ist auch aus einem anderen Grund für Fußball-Österreich sehr interessant. Vor 25 Jahren passierte ebenfalls Historisches. Wovon spreche ich?
Toni Polster: (überlegt) Vermutlich davon, dass wir mit der damaligen Nationalmannschaft ein Stück Fußballgeschichte geschrieben haben, indem wir uns für die WM 1990 qualifiziert und es unseren großen Vorbildern Prohaska, Jara, Kreuz, und wie sie alle hießen, nachgemacht haben. Damit ging ein Traum in Erfüllung.
krone.at: Richtig! Legendär das "Finale" mit dem 3:0 gegen die DDR im Prater-Stadion und einem gewissen Toni Polster als dreifachem Torschützen. Wie frisch sind die Erinnerungen daran?
Polster: Das war zum einen einer der hässlichsten Tage meines Lebens, dann ist er aber zu einem der schönsten geworden.
krone.at: Welche Erklärung haben Sie - 25 Jahre danach - für den Hass, der Ihnen im Vorfeld dieser Partie entgegengeschlagen ist?
Polster: Ich war damals praktisch der einzige Legionär in der Nationalmannschaft, habe im Ausland sehr gute Leistungen gebracht, diese aber im Team nicht so bestätigen können. Die Mannschaft war sehr jung. Und so wurde ich zur Zielscheibe der Kritik an der Mannschaft.
krone.at: Steine sind Ihnen im Laufe Ihrer Karriere immer wieder in den Weg gelegt worden. Zuletzt auch bei Ihrem Engagement als Cheftrainer bei der Admira. Liegt die Causa noch im Magen?
Polster: Die Voraussetzungen, um erfolgreich arbeiten zu können, waren einfach nicht gegeben. Wenn man sein vertrautes Team nicht um sich hat und noch bei jedem Sessel, auf den man sich setzt, Angst haben muss, dass er angesägt ist, dann hat das wenig Sinn und macht auch keinen Spaß.
krone.at: Werden wir Sie einmal als Cheftrainer der Wiener Viktoria in der Bundesliga erleben?
Polster: Das ist eher unwahrscheinlich, weil wir nicht die finanziellen Möglichkeiten haben. So ehrlich müssen wir sein.
krone.at: Abgesehen davon wären Sie mit 50 schon der zweitälteste Trainer in der Bundesliga. Warum dieser "Jugendwahn" unter den Coaches?
Polster: Zum einen war ich nach meiner aktiven Karriere ja bei Gladbach im Management tätig und konnte daher nicht die Trainerprüfung machen. Ich habe sie später nachgeholt. Und zum anderen wären ja sehr wohl noch Trainer am Markt, die vielleicht noch arbeiten möchten. Krankl und Prohaska werden wohl nicht mehr ins Trainergeschäft einsteigen. Aber ich denke zum Beispiel an Willi Kreuz, Kurt Jara, Walter Schachner, vielleicht auch Heribert Weber. Es gibt in Österreich halt nur sehr wenige Mannschaften für viele Trainer.
krone.at: Apropos Jugendwahn: Sie selbst waren in sehr jungen Jahren sehr erfolgreich - Teamdebüt mit 18 Jahren. Und zwar in einer Zeit, in der es noch keine Akademien oder Medienschulungen gab. Gab das Ihnen als junger Spieler die Möglichkeit, sich zu einer Persönlichkeit mit Ecken und Kanten zu entwickeln?
Polster: Ich glaube schon. Mein Weg war kein schlechter. Ich habe mich - fußballerisch gesehen - auf der Straße durchbeißen müssen. Auch damals habe ich schon vier-, fünfmal pro Woche trainiert. Ich bin auch Gott sei Dank nicht schon mit 13, 14 Jahren ins Ausland gegangen, sondern habe mich hier durchgebissen und bin dann als gereiftere Spielerpersönlichkeit ins Ausland gegangen. Das war sicher nicht schlecht, wenn man sieht, dass die Spieler heute schon sehr früh weggehen und dann einsam sind. In den Akademien gibt's sicher viele Vorteile für die Burschen - aber sie müssen sich oft nicht mehr durchbeißen, alles wird ihnen hinterhergetragen. Da war mein Weg sicher kein schlechter.
krone.at: Sie haben als junger Spieler dem damaligen Teamchef Branko Elsner vor laufenden TV-Kameras ausgerichtet, dass Sie "die Welt nicht mehr verstehen", wenn Sie beim nächsten Länderspiel nicht im Kader sind. Das würde sich heute kein Spieler trauen. Vermissen Sie in der heutigen Zeit "echte Typen"?
Polster: Da bin ich vorsichtig. Meistens werden jene Spieler zu den echten Typen erklärt, die aufgehört haben. Wahrscheinlich wird man in zehn Jahren sagen, dass ein Arnautovic oder ein Alaba echte Typen waren. Aber es ist schon so, dass heute ein Spieler mit Ecken und Kanten bei den Akademien gar nicht richtig durchkommt und man ihn gar nicht reifen lässt. Ich habe bei den LASK Juniors die Erfahrung gemacht, dass jeder Spieler jede Position spielen kann. Das ist der falsche Weg. Wir brauchen Spezialisten.
krone.at: Waren Sie eigentlich ein pflegeleichter Spieler? Und wünschen Sie sich als Trainer solche Spieler, wie Sie einer waren?
Polster: Ich war nicht pflegeleicht, aber ich wünsche mir auch keine pflegeleichten Spieler. Bei mir muss keiner jedesmal Ja und Amen sagen, jeder darf sich einbringen - mit dem nötigen Respekt, versteht sich.
krone.at: Wer war der beste Trainer, unter dem Sie je gearbeitet haben?
Polster: Da gab's drei, von denen ich heute noch schwärme: David Vidal bei Logrones, dann der berühmte Jose Antonio Camacho bei Rayo Vallecano und Morten Olsen bei Köln. Die haben mir sehr, sehr viel gegeben und beigebracht.
krone.at: Sie haben die Austria als Aktiver 1987 in Richtung Turin verlassen, also noch vor dem Bosman-Urteil. Welche Bedeutung hatte das damals für Sie?
Polster: Eine riesige, weil ja nur zwei Ausländer pro Mannschaft zugelassen waren. Es war nicht so leicht wie heute. Damals war es fast unmöglich, aus Österreich rauszukommen. Ich habe es trotzdem geschafft. Von 23 bis 36 war ich im Ausland tätig. Darauf bin ich resümierend schon stolz.
krone.at: Gehe ich recht in der Annahme, dass Köln Ihre schönste Station im Ausland war?
Polster: Auf jeden Fall! In Deutschland hat mir ja niemand etwas zugetraut, als ich dort hingekommen bin. Ich habe aber bewiesen, dass ich in der deutschen Bundesliga sehr wohl bestehen kann. In Köln bin ich dann zu einer richtigen Persönlichkeit und Figur geworden. Dort habe ich es wieder einmal vielen bewiesen.
krone.at: Warum hat man Sie in Ihrer Karriere eigentlich so oft unterschätzt?
Polster: Das scheint irgendwo mein Schicksal zu sein. Man hat mir sehr oft nichts zugetraut, und ich habe sehr oft meine eigenen Erwartungen übertroffen.
krone.at: Suchen Sie solche Herausforderungen?
Polster: Suchen tu ich sie nicht mehr. Ich bin weit davon entfernt, mich nach den Erwartungen anderer zu richten. Meine eigenen Erwartungen sind mir viel wichtiger.
krone.at: Welche sind das? Was erwarten Sie sich - beruflich und privat - von sich selbst?
Polster: Ein Ziel wäre es, vielleicht noch einmal als Bundesliga-Trainer im Ausland zu arbeiten. Aber das bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Mein Fokus liegt jetzt einmal darauf, die Viktoria in der Regionalliga zu halten. Ich will hier 1.000 Leute pro Spiele haben, 770 haben wir zuletzt schon gehabt. Sonst hoffe ich, dass ich gesund bleibe, dass es privat so bleibt, wie es jetzt ist, und dass meine Kinder anständige Menschen bleiben.
krone.at: Wie viele Punkte fallen Ihnen eiweiß man immer erst später. Natürlich würde ich mir heute Vereine wie Logrones oder Rayo Vallecano sparen. Aber ich konnte im Vorhinein ja nicht wissen, dass ich dort kein Geld bekomme. Sonst ist es müßig, darüber nachzudenken, ob ich etwas anders machen hätte können. Ich glaube, dass ich es unter dem Strich gut gemacht und aus meinen Fehlern auch gelernt habe.
krone.at: Wie sehr nervt Sie der Vorwurf, Ihr Fokus wäre bis vor Kurzem zu sehr auf dem Society-Parkett und weniger auf dem Fußball-Rasen gelegen?
Polster: Ich bin seit vier Jahren aus der Society verschwunden. Seither liegt mein Fokus auf dem Trainergeschäft. Wer's noch nicht bemerkt hat, dem sag ich's jetzt noch einmal.
krone.at: Wie zufrieden sind Sie mit 50 Jahren mit Ihrem Leben?
Polster: Ich bin sicher privilegiert und sehr dankbar. Es soll mir nie schlechter gehen als jetzt.
krone.at: Wie wird der 50er gefeiert?
Polster: Für Sonntag habe ich ein paar Freunde und Familienmitglieder eingeladen. Am Montag selbst stehe ich am Platz. Ich muss mit der Viktoria ja trainieren und mich auf das nächste Meisterschaftsspiel vorbereiten. Nach dem Training werde ich dann aber die Spieler und meine Tennistruppe rund um Herbert Prohaska, Gustl Starek, Pepi Hammerl, Werner Gregoritsch, Heri Weber und so weiter zum Essen einladen.
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