Exoskelette unterstützen jeden Schritt, erleichtert Aufstiege und eröffnet neue Möglichkeiten für Naturgenuss. Doch wie viel Technik ist am Berg noch erlaubt und wer kann davon profitieren?
Ein sanftes Surren, dann ein spürbarer Schub: Das Hypershell sieht aus wie ein futuristischer Hüftgurt, fühlt sich aber an wie ein kräftiger Rückenwind für die Beine. Das elektrische Exoskelett, das derzeit in Asien und den USA für Aufsehen sorgt, könnte bald auch bei uns den Bergsport verändern – so wie das E-Bike einst das Radfahren revolutionierte.
Wer das Gerät zum ersten Mal anlegt, merkt schnell: Da steckt ordentlich Technik drin. Ein kleiner Motor unterstützt jeden Schritt, Sensoren analysieren Bewegung, Neigung und Geschwindigkeit in Echtzeit.
Das Ziel: längere Touren mit weniger Anstrengung – und vielleicht ein Stück Freiheit mehr für jene, die früher an steilen Hängen kapituliert hätten.
Die „Bergkrone“ hat das Gerät – rund zwei Kilogramm leicht, akkubetrieben und KI-gesteuert – dort ausprobiert, wo es wirklich zählt: beim Bergwandern in den Karnischen Alpen und beim Skitourengehen am Stubaier Gletscher.
Ein Aufstieg mit Rückenwind
Beim Anlegen fällt auf: Das Hypershell wirkt nicht wie High-Tech, sondern eher wie funktionale Sportausrüstung. Die geschwungene Form schmiegt sich an die Hüfte, das Hauptmodul sitzt wie eine kleine Bauchtasche am Rücken, die beiden Mini-Motoren auf Beckenhöhe.
Und nach wenigen Minuten merkt man es kaum mehr. „Witzigerweise steht man sogar ein bisschen aufrechter – fast, als ob dich das Teil in Balance bringt“, findet Christoph, einer der Tester, die das Exoskelett für die „Bergkrone“ ausprobiert haben.
Dann der Moment, der alles verändert: „Hypermodus an.“
Ein leises, surrendes Geräusch, ein leichter Zug nach vorn. Besonders beeindruckend: Beim Aufstieg über den steilen Berghang, spürt man, wie der Motor die Schritte rhythmisch unterstützt. Die Software erkennt, wenn das Tempo wechselt, und passt die Unterstützung automatisch an. Nur auf dem verblockten Gipfelgrat kommt das System kurz ins Nachdenken – dann reagiert es minimal verzögert.
Skitourentest am Stubaier Gletscher
Auch auf Skitour mit Fellen zeigt sich das Potenzial – aber auch die Grenzen. Beim Aufsteigen funktioniert die Unterstützung hervorragend, doch sobald es technischer wird, etwa in Spitzkehren, hilft es, den Motor kurz zu deaktivieren.
Hannes Gütler, der Landesleiter der Kärntner Bergrettung, zeigt sich vom Outdoor-Exoskelett beeindruckt: „Das könnte unsere Einsatzkräfte unterstützen, die im Einsatzfall oft schwere Ausrüstung schleppen müssen. Wenn man damit schneller und mit weniger Kraftaufwand zum Patienten auf den Berg kommt, ist das eine echte Hilfe.“
Das Hypershell X Pro wiegt rund 2 Kilogramm und liefert bis zu 800 Watt Schubkraft. Die Akkulaufzeit beträgt je nach Terrain vier bis sechs Stunden oder eine Reichweite von bis 17,5 Kilometern. Der Preis liegt aktuell bei 1099 Euro.
Zusätzlich gibt es noch das Hypershell X Carbon mit einem Gewicht von 1,8 Kilogramm und das ebenso leichte Hypershell X Ultra, das jedoch 1000 Watt Schubkraft und eine Reichweite von 30 Kilometern bietet.
Neue Freiheit – und neue Fragen
Exoskelette, wie das Hypershell könnten somit das Wandern verändern – so wie einst das E-Bike die Berge für eine neue Generation öffnete. Plötzlich kamen Menschen mit dem Fahrrad auf in die Berge, die früher nie dorthin geradelt wären.
Diese neuen Möglichkeiten bietet auch das Hypershell und wirft zugleich Fragen auf. Einerseits könnten dank dieser Unterstützung mehr Menschen die Natur erleben, auch jene, die früher wegen Alter oder fehlender Kondition vor steilen Wegen zurückschreckten. Gelenke und Muskeln werden entlastet, längere Touren werden möglich, und der alpine Tourismus könnte dadurch neue Zielgruppen gewinnen.
Andererseits steht die Entwicklung nicht ohne Kritik: Wenn Aufsteigen keine Anstrengung mehr erfordert, verliert die Bergtour für viele wohl ihren symbolischen Wert.
Zudem birgt der technische Schub ein trügerisches Sicherheitsgefühl – wer sich zu weit hinauswagt, unterschätzt oft Rückweg, Wetter oder Erschöpfung.
Und schließlich bleibt die ethische Frage:
Ist motorisiertes Wandern überhaupt noch ein echtes Naturerlebnis – oder bereits ein technisches Spiel mit der Idee von Freiheit?
Eines steht jedenfalls nach unserem „Bergkrone“-Test fest: Das Hypershell ist noch am Anfang seiner Entwicklung. Doch wer einmal mit elektrischer Hilfe gegangen ist, wird den Schub, diese Leichtigkeit nicht so schnell vergessen. Und vielleicht laden wir in Zukunft nicht mehr nur unsere E-Bikes – sondern auch unsere Beine elektrisch auf.
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