Die achtjährigen syrischen Kinder sollten mithilfe von Bildern Dinge benennen, die in eine Schulklasse gehören, und solche, die dort nicht hinpassen. Danach durften sie alle Gegenstände, die es in unserem Raum gibt, zeichnen.
Nach einigen Startschwierigkeiten haben sie Tische, Kästen, Regale, Laptops und sogar den Blumentopf gemalt. Bis einige Schüler erschrocken auf Jamals Arbeitsblatt zeigten. Es folgte eine kleine Rudelbildung um seine Zeichnung herum. Darauf prangte nämlich ein ziemlich großes Kreuz hinter dem Lehrertisch.
Um die Gruppe nicht noch mehr aufzuwühlen, holte ich Jamal samt Arbeitsblatt zu mir. „Wo ist denn hier ein Kreuz?“, fragte ich. Im Raum hängt nämlich keines. Der Bub war verunsichert. Nachdem ich ihn freundlich angelächelt hatte, meinte er „Du Christ!“, strahlte und streckte den Daumen hoch.
Eine Grundsatzdiskussion über Glauben war hier nicht angebracht. Einerseits, weil Jamal erst acht Jahre alt ist und kaum Deutsch spricht. Andererseits aufgrund seines Motivs: Jamal hat das Kreuz für seine Lehrerin gemalt. Er wollte mir Freude bereiten.
Der Rest des Schultages verlief übrigens äußerst harmonisch. Unsere Schüler überraschen mich immer wieder. Sie fühlten sich diesmal von einer Kultur, die ihnen völlig fremd ist, nicht verunsichert oder bedroht. An anderen Tagen gelingt das leider nicht.
Es sind solche Erlebnisse, die Mut machen und Kraft geben, weiterhin mit diesen Kindern zu arbeiten.
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