18.02.2013 16:49 |

Telekom-Prozess

Kronzeuge: "Ex-Vorstände gaben Go zur Manipulation"

Am vierten Verhandlungstag im Telekom-Prozess, bei dem es um eine angebliche Kursmanipulation im Jahr 2004 geht, hat der als Kronzeuge auftretende Gernot Schieszler die angeklagten Ex-Vorstände Rudolf Fischer und Stefano Colombo massiv belastet. Sie hätten das Go gegeben, den Aktienkurs über die magische Schwelle von 11,70 Euro zu heben, was wiederum ein 8,8 Millionen Euro schweres Bonusprogramm für knapp 100 Telekom-Manager zur Auszahlung brachte, so Schieszler am Montag am Wiener Straflandesgericht.

Die Entwicklung des Kurses als Basis für ein Bonusprogramm sei im Februar 2004 das zentrale Thema im Vorstand gewesen, doch es habe sich nicht so entwickelt, wie das im Management gewünscht gewesen sei, so Schieszler, der damals Controlling-Chef bei der Telekom war. Daraufhin sei der Prokurist Josef Trimmel auf ihn zugekommen und habe gesagt, er kenne einen Broker, der vielleicht helfen könne. Diese Info habe er an die Vorstände Fischer und Colombo weitergeleitet und sich daraufhin mit Trimmel und Broker Johann Wanovits in Wien in einem Wirtshaus getroffen.

Kursbeobachtung "als nette Geste" von Wanovits
Wanovits habe von einem Kursangriff auf die Aktie gesprochen, den er abwehren könne, so Schieszler. Er habe mit der Telekom ins Geschäft kommen wollen und gesagt, er könne als "nette Geste" den Kurs beobachten. Dies habe Schieszler dann wiederum seinen Vorständen mitgeteilt. Zu Beginn der Aktien-Beobachtungsperiode für das Bonusprogramm habe man sich dann nochmals mit Wanovits getroffen, der gesagt habe, "er wäre bereit, dass er das für den Spesenersatz und eine Erfolgskomponente durchführt" - nämlich den Kurs über die Schwelle zu heben.

Colombo habe sich zunächst gegen das Geschäft ausgesprochen, weil die Kosten nicht abschätzbar gewesen seien. Daraufhin sei Wanovits nochmals vorstellig geworden und habe vorgeschlagen, den Deal auf reiner Erfolgsbasis zu machen, dafür wolle er aber 1,5 bis zwei Millionen Euro.

Schieszler: "Grünes Licht von Fischer und Colombo"
Am entscheidenden letzten Tag der Kursbeobachtung, dem 26. Februar, habe Wanovits eine Entscheidung verlangt. Schieszler habe Colombo angerufen, diesen aber nicht erreicht. Fischer hingegen habe er gleich erreicht - und der habe grünes Licht gegeben. "Colombo habe ich kurz danach doch noch am Telefon erreichen können, auch er hat das Go gegeben", so Schieszler. Mit dem damaligen Telekom-Chef Heinz Sundt hingegen habe er nie darüber gesprochen, der Name sei in der Angelegenheit auch nie gefallen.

Schon wenige Tage nach dem Kurssprung auf 11,73 Euro habe sich Wanovits gemeldet, um seine Ansprüche einzufordern. Da lief allerdings schon eine Untersuchung der Finanzmarktaufsicht, "die nach Ansicht von Fischer und Colombo durch den raschen Aktienverkauf von Wanovits ausgelöst wurde", so Schieszler. Daraufhin seien die beiden Vorstände "nervös" geworden, an Geschäftskontakte mit Wanovits sei nicht mehr zu denken gewesen. Er habe dem Broker gesagt, dass er das Geld nicht so schnell haben könne, man aber nach Wegen suchen werde, zumindest rasch seine Spesen abzudecken.

Bargeldübergaben am Naschmarkt
Die Bargeldübergaben an Wanovits hätten am Wiener Naschmarkt stattgefunden. Ohne Quittung und ohne Rechnung habe der Broker 2004 und 2005 Hunderttausende Euro - laut Wanovits selbst rund 600.000 Euro - erhalten, mit denen sich die Telekom-Eingeweihten für die "Kurspflege" des Brokers erkenntlich zeigten.

"Was hätte man auf die Rechnung draufschreiben können, wenn es eine gegeben hätte?", fragte Richter Michael Tolstiuk. "Es gab keinen Titel, über den man das verrechnen hätte können", gestand Schieszler. Er habe immer auf ein "Vier-Augen-Prinzip" bei allen inkriminierten Vorgängen bestanden. "Mir war bei allen Dingen, die damals passiert sind, ein Vier-Augen-Prinzip wichtig, weil es sonst ein unübersehbares Risiko mit sich zieht", so Schieszler.

Scheinauftrag an Hochegger-Gesellschaft
Die Telekom habe das Geld in ihrer Buchhaltung irgendwie verbuchen müssen, daher sei für eine Osteuropa-Studie, die schon im Konzern bestand, der Lobbyist Peter Hochegger eingebunden worden. Es erging ein Scheinauftrag an Hocheggers Gesellschaft Valora über 1,5 Millionen Euro - unterschrieben von Fischer und einem nicht angeklagten Telekom-Mitarbeiter.

Die Hälfte des Scheinhonorars für Hochegger sollte als Anzahlung sofort fließen, die zweite Hälfte erst "nach Lieferung", so Schieszler. Hochegger habe das Geld erhalten, voll mit der Körperschaftsteuer versteuert und sich "zehn oder 20 Prozent" für seinen Umsatz abgezogen. "Zehn Prozent waren langjährige Praxis", so Schieszler.

Schieszler beschrieb, wie er die Studie zunächst auf eine CD kopierte, diese dann zu Hochegger brachte und dort auf Valora-Geschäftspapier ausdruckte. Hochegger habe ihm und Trimmel das Geld übergeben, daraufhin traf man den Broker in einem Lokal am Wiener Naschmarkt, um ungewünschte Zeugen der Geldübergabe zu vermeiden. Laut Schieszler wurde das Geld direkt in dem "wenig besuchten Lokal" übergeben, ob im Papier- oder im Plastiksackerl, wisse er nicht mehr.

"Lose Geldscheine im Lokal genommen"
Wanovits habe dann ihn, Schieszler, und Trimmel aufgefordert, sich je 15.000 bis 20.000 Euro zu nehmen, "für unsere Mühen". Wanovits selber bestritt das vergangene Woche in seiner Aussage. Schieszler beharrte jedoch darauf, sie hätten nach der Aufforderung des Brokers lose Geldscheine genommen.

Nach drei Bargeldübergaben 2004 und 2005 sei drei Jahre lang nichts passiert, im Jahr 2008 sei Wanovits aber wieder gekommen und habe das restliche Geld gewollt. Der Broker hätte aber kein Bargeld mehr wollen, er habe selber "Steuern optimieren" wollen. Daher habe Schieszler ihn direkt zu Hochegger geschickt. Was die beiden dann vereinbart hätten, sei ihm egal gewesen, so der Ex-Telekom-Controller.

"Wusste, dass es kein ehrliches Geschäft war"
Gefragt, wie er und seine Vorstandskollegen damals im Februar die Causa gesehen haben, meinte Schieszler zu Richter Tolstiuk, das "Bewusstsein, dass das kein reales, echtes und ehrliches Geschäft war", sei vorhanden gewesen.

Sein Recht auf Entschlagung als Beschuldigter nutzte Schlieszler nicht. Der Grund: Er strebt einen Kronzeugenstatus an, dann würde er strafrechtlich nicht angeklagt.

Aktienhändler: "Wien ist eine Wild-West-Börse"
Nach Schieszler sagte am Montag der frühere Aktienhändler von Euro Invest, Mirko L., vor Gericht aus. Er hatte, laut eigenen Angaben im Auftrag von Wanovits, im Februar 2004 die entscheidende Order für die Schlussauktion eingegeben. L. sprach davon, dass "gerade der Wiener Markt ein sehr manipulierter Markt ist". Wien sei "ein bisschen eine Wild-West-Börse". Wolle jemand den Kurs in eine bestimmte Richtung bewegen, sei dies aufgrund des geringen Handelsvolumens "ein leichtes Spiel", so der Broker.

Vier der fünf Angeklagten bekennen sich nicht schuldig
Bei dem Verfahren wegen des Vorwurfs der Untreue gegenüber der Telekom in Höhe von über zehn Millionen Euro (der Strafrahmen beträgt zehn Jahre Haft) haben sich vier der fünf Angeklagten nicht schuldig bekannt, lediglich der Hauptangeklagte, Ex-Festnetzvorstand Fischer, hat ein Teilgeständnis abgelegt. Mit den bisherigen Vernehmungen kann nur Ex-Generaldirektor Sundt zufrieden sein - nach den Aussagen der anderen Angeklagten und von Schieszler dürfte er von der Kursmanipulation nichts gewusst haben.

Ex-Finanzchef Colombo will von der Manipulation ebenfalls nichts gewusst haben, wurde aber in den vorangegangen Prozesstagen bereits von dem mitangeklagten Prokuristen Trimmel ebenso belastet wie Fischer. Als letzter Angeklagter hatte der Broker Wanovits ausgesagt und dabei teils widersprüchliche Aussagen geliefert - wie zuvor Trimmel.

Prozess geht mit Hochegger-Befragung weiter
Der Prozess geht am Mittwoch weiter. Als erster Zeuge wird ein Telekom-Mitarbeiter befragt. Spannend wird dann der Auftritt des Lobbyisten Hochegger. Dieser wird als Beschuldigter geführt, weil gegen ihn auch wegen der nun angeklagten Vorwürfe ermittelt wird. Er könnte aber auch als Zeuge aussagen. Entschlägt sich Hochegger der Aussage, wäre sein Auftritt vor Gericht kurz.

Am Donnerstag werden ebenfalls Zeugen befragt. Am Freitag könnte - sollte der bisherige Prozessfahrplan halten - der Schöffensenat unter Vorsitz von Richter Tolstiuk schon ein Urteil fällen.

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