Di, 25. September 2018

Ex-Premier warnt

18.10.2012 14:02

Polens Schiefergas-Reichtum ein Kommafehler?

Der ehemalige polnische Ministerpräsident Wlodzimierz Cimoszewicz sorgt mit Aussagen zum Schiefergasvorkommen in seinem Land für Verwirrung. "Es kann sein, dass es fast gar kein Schiefergas in Polen gibt", erklärte der Politiker, der heute im polnischen Senat einen Sitz hat, im polnischen Radio. Der Grund: Bei den Berechnungen könnte vor Jahrzehnten ein folgenschwerer Kommafehler passiert sein.

"Ich fürchte, es könnte eine gigantische Sensation, einen Skandal geben", so Cimoszewicz im Radio "Zet". Der Politiker stützte sich dabei auf Erkenntnisse des Geologie-Professors Krzysztof Szamalek von der Universität Warschau. Szamalek zufolge basieren die Schätzungen zum polnischen Schiefergasvorkommen auf Probebohrungen aus der Zeit der Volksrepublik Polen, bei deren Dokumentation ein Schreibfehler passiert sei. Dabei sei ein Komma nach rechts verrutscht, sodass die Ressourcen in Polen wohl nur ein Zehntel des geschätzten Wertes betrügen.

Staatliches Institut: "Gas für 20 bis 50 Jahre"
Das Staatliche Geologische Institut (Panstwowy Instytut Geologiczny) wies die Aussagen zurück. Die Schätzung des Instituts, wonach in Polen zwischen 345 und 768 Milliarden Kubikmeter Schiefergas lagerten, gründeten sich auf eigene Analysen des bei Probebohrungen geförderten Materials, sagte der Sprecher des Instituts der Zeitung "Gazeta Wyborcza". Diese Menge würde den polnischen Gasverbrauch für 20 bis 50 Jahre decken.

Tatsächlich gingen aber frühere Schätzungen von deutlich größeren Vorkommen in Polen aus. So nimmt die US-Energieagentur EIA 5,3 Billionen Kubikmeter an. Auf welche Daten sich die EIA dabei stützt, ist unbekannt. Bisher gibt es auch keine Aussage dazu, ob die Differenz zur polnischen Schätzung tatsächlich durch einen Schreibfehler in alten Dokumenten zustandekam. "Wir können nur die Verantwortung für unseren Bericht übernehmen", hieß es vonseiten des Geologischen Instituts.

Ein Land im Schiefergas-Goldrausch
In Polen herrscht seit geraumer Zeit ein regelrechter Schiefergas-Goldrausch (im Bild: eine Fracking-Probebohrung in Szymkowo). Das Land will nicht zuletzt seine Abhängigkeit vom Hauptlieferanten Russland reduzieren. Die polnische Regierung hat diese Woche nach langwierigen Debatten Richtlinien für ein Gesetz beschlossen, das den Abbau von Schiefergas (im Englischen "fracking" genannt) regeln soll. Die Minister haben vereinbart, dass künftig eine neue staatliche Gesellschaft Teilhaber an allen Konzessionen zur Suche und zum Abbau von Schiefergas wird. Außerdem wird der Rohstoff doppelt besteuert - beim Abbau und beim Gewinn.

Die Steuer für den Abbau des Gases soll ab 2015 fünf Prozent seines Wertes betragen (beim Erdöl zehn Prozent). Zusätzlich müssen 25 Prozent des Überschusses an den Staat und die Gemeinden abgeliefert werden. Die Regierung schätzt, dass alle Abgaben und Steuern rund 40 Prozent des Bruttogewinns der Firmen betragen werden. Das Umweltministerium soll die Aufsicht über die ordnungsgemäße Durchführung der aus ökologischer Sicht höchst umstrittenen Bohrungen verstärken.

In den vergangenen fünf Jahren hat das Umweltministerium 111 Konzessionen an interessierte Firmen vergeben. Die Unternehmen hatten seither darauf gedrängt, dass Polen endlich einen rechtlichen Rahmen für den Schiefergasabbau schafft. Die polnische Regierung erwartet, dass eine entwickelte Schiefergas-Industrie dem Land bis zu 500.000 Arbeitsplätze bringen könnte. Die Steuereinnahmen sollen Schätzungen zufolge 20 Milliarden Euro betragen.

Fracking: Gasförderung mit flüssigen Chemikalien
Der Abbau von Schiefergas ist umstritten, weil dabei eine mit Chemikalien versetzte Flüssigkeit in die Erde gepumpt wird. Dieses sogenannte Fracking-Verfahren bricht die Gesteinsschichten auf und lässt das Schiefergas entweichen. Wegen Umweltbedenken ist dieses Verfahren in verschiedenen europäischen Ländern derzeit nicht gestattet, darunter in Bulgarien und Frankreich. Andere Länder wie die OMV in Österreich haben ihre Schiefergaspläne vorerst auf Eis gelegt. OMV-Chef Gerhard Roiss forderte eine einheitliche EU-weite Strategie beim Schiefergas. Sein Konzern wollte in Österreich eine "Clean Fracking" genannte Methode anwenden, bei der keine Chemikalien verwendet werden sollten.

In den USA ist nach Berichten über massive Umweltzerstörung und gesundheitliche Gefahren, z.B. durch großflächige Trinkwasser-Verunreinigung, mittlerweile eine stetig wachsende Anti-Fracking-Bewegung entstanden. Großen Anteil an der Skepsis gegenüber dem Schiefergas-Abbau trug u.a. die Kino-Dokumentation "Gasland".

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