Fr, 14. Dezember 2018

"Krone"-Interview

12.10.2012 16:00

Nobelpreisträger: "Mein Herz schlägt im Dreivierteltakt"

Österreich hat einen Nobelpreisträger bekommen, weil Österreich ihm möglich machte, sich mit seiner alten Heimat zu versöhnen: Univ.-Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Eric Kandel (82, rechts im Bild mit "Krone"-Redakteur Kurt Seinitz).

Er hat das Gedächtnis entschlüsselt (Nobelpreis) und will auch noch das Geheimnis der Kreativität enträtseln: Erich Kandel ist erstmals seit 73 Jahren wieder als Österreicher hier. Der 1939 gemeinsam mit seinen Eltern aus Österreich hinausgeprügelte Jude hatte lange gezögert, das Angebot der Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft anzunehmen, weil Österreich, wie er sagte, so lange mit seiner Vergangenheit nicht ins Reine gekommen war. Aus New York brachte er sein großes Alterswerk über das Wien um 1900 mit.

"Krone": Herr Professor, ist das eine Heimkehr?
Erich Kandel: In gewissem Sinne ja. Ich schließe den Kreis meines Lebens, auch in meinem Beruf. Ich kehre zurück zur Psychoanalyse, die mich am Anfang beschäftigt hatte, als ich damals ergründen wollte, weshalb Menschen an einem Tag Haydn oder Mozart hören können und am anderen Tag Juden schlagen.

"Krone": Ist das Buch eine Art Selbsttherapie, um schlimme Erlebnisse zu bewältigen?
Kandel: Vielleicht ist das Schreiben eine Antwort auf eine Posttraumatische Belastungsstörung; ein Weg, damit fertigzuwerden.

"Krone": Wie man an diesem 700-Seiten-Buch "Das Zeitalter der Erkenntnis" und Ihrer Autobiografie sehen kann, trugen Sie immer ein bisschen Hassliebe zu der Stadt Ihrer Kindheit mit sich?
Kandel: Ich musste 1939 weg, aber ich liebe viele Dinge an Österreich, die es historisch ausgezeichnet haben: das kulturelle Niveau oder die Musik. Österreich ist bis heute das Weltzentrum der Musik. Mein Herz schlägt im Dreivierteltakt.

"Krone": Gehört dies zu einer gemeinsamen habsburgischen Seelenlandschaft der k.u.k.-Monarchie, die man bis heute in diesem Raum und darüber hinaus orten kann?
Kandel: Kaiser Franz Joseph machte den Fehler, dass er sich zu sehr an das deutsche Element anlehnte. Er vernachlässigte das slawische Element. Die Monarchie hätte bewahrt werden können.

"Krone": Das zweite deutsche Abenteuer war dann gründlich schiefgegangen. Wie geht Österreich heute mit seiner Vergangenheit um?
Kandel: Nicht perfekt, aber viel, viel besser. Der "Opfermythos" hat Österreich eine Verspätung von 25 Jahren gekostet. Es ist ein gutes Gefühl, auf dem Weg zur Universität nicht mehr am Karl-Lueger-Ring aussteigen zu müssen, sondern am Universitätsring. Lueger hatte Hitler gelehrt, wie man mit Antisemitismus Stimmen fangen kann.

"Krone": Sie bezeichnen das Wien um 1900 als eine "magische Periode".
Kandel: Diese jüdisch-nichtjüdische Kultursymbiose ist nur vergleichbar mit dem goldenen Zeitalter der jüdisch-arabischen Symbiose in Spanien. Ich frage mich, ob das in Wien nicht wiederkehren kann. Damals entstand hier der neue Blick auf die Welt und auf den Menschen, das Unbewusste, die Triebwelt. Hier in den Salons fand der Dialog, der Brückenschlag zwischen der Wissenschaft und der Kunst statt. Am Beispiel von Freud, Schnitzler, Klimt, Schiele, Kokoschka oder Mahler kann man beobachten, wie Künstler und Wissenschafter den gleichen Blick unter die Oberfläche wagten, allerdings in unterschiedlicher Weise. Klimt schlief mit unzähligen Frauen und wusste alles über die weibliche Sexualität. Freud wusste das so nicht. Betrachten Sie nur Klimts "Judith", wie sie noch in orgasmischer Verzückung das von ihr abgetrennte Haupt des Holofernes mit krallenden Fingern liebkost. Hier zeigt Klimt, dass sich auch weibliche Sexualität mit Aggressivität verbinden kann. Wir sehen eine Frau, die im männlichen Betrachter Lust und Angst zugleich auslöst - lange bevor Freud den Begriff der Kastrationsangst prägte. Das Wien von 1900 hat den Blick auf den menschlichen Geist und seine Beziehung zur Kunst für immer verändert.

"Krone": Sie sind auch Kunstsammler. Ihr Buch behandelt im Speziellen, welche Erinnerungen und Emotionen in unserem Gehirn ausgelöst werden, wenn wir Kunst betrachten.
Kandel: Wir nehmen nicht das Bild fotografisch auf, sondern wir nehmen Impulse auf, die in unserem Hirn eigene Kreativität auslösen. Es ist Zeit, dem Rätsel der Kreativität, der geheimnisvollen Wirkung von Kunst, der Ergriffenheit durch ein Bildnis oder durch Musik, mithilfe der Hirnforschung auf die Spur zu kommen. Welche Impulse werden in den Neuronen ausgelöst? Ich bin überzeugt, dass die Neurobiologie das Verständnis künstlerischer Kreativität um eine weitere Dimension bereichern kann.

"Krone": Kann Ihre Forschung auch gegen Alzheimer helfen, etwa durch Gehirntraining?
Kandel: Ja, aber nicht erst, wenn die Krankheit ausbricht. Dann ist es zu spät. Aber es ist bewiesen, dass intensive geistige Betätigung schon in jüngeren Jahren den Ausbruch der Krankheit verzögern, wenn nicht gar verhindern kann.

"Krone": Hätte es Ihrer Forschung genützt, der ungeheuren kriminellen Energie Adolf Hitlers auf die Spur zu kommen, wenn Hitlers Hirn übrig geblieben wäre?
Kandel: Ich glaube nicht, dass wir viel lernen können, wenn wir in sein Hirn blickten. Ein solches Beweisstück hat schon bei Einsteins Hirn zu keinem Ergebnis geführt. Vielleicht könnten wir in 50 Jahren mehr erfahren, wenn wir über die Anatomie des Hirns mehr wissen. Hitler war sicherlich ein Psychopath, aber wie andere auch. Die Umstände dieser Zeit haben ihn nach oben getragen. Hitler war kein Antisemit, bis er nach Wien gekommen ist. Verhängnisvoll war die Rolle der Konservativen in Deutschland, die ihn an die Macht gebracht hatten in dem Glauben, ihn lenken zu können. Auch das war eine Folge des schrecklichen Versailler Vertrags, der durch die Inflation die bürgerlichen Strukturen Deutschlands und Österreichs zerstörte. Die Weltwirtschaftskrise mit dem Arbeitslosenheer tat ein Übriges. Spätestens 1945 hatten die Alliierten den Fehler erkannt, der 60 Millionen Todesopfer gefordert hat. Der Marshallplan und die politische Behandlung von Japan (Bewahrung des Kaiserhauses) waren die Lehre daraus.

"Krone": Hat uns der große Schöpfer mit dem Phänomen Mozart nicht eines der größten Rätsel aufgegeben?
Kandel: Mozart war ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Das Beispiel Mozarts zeigt aber, dass es wichtig ist, Begabungen frühzeitig zu fördern, wie es sein Vater getan hat.

"Krone": Sie haben das Gedächtnis entschlüsselt, indem Sie erst an Meeresschnecken, dann an Mäusen nachwiesen, wie sich Erinnerung an den Kontaktstellen der Nervenzellen einbrennt. Jetzt wollen Sie auch noch das Geheimnis der Kreativität enträtseln. Befürchten Sie nicht, dass Sie dem großen Schöpfer langsam ins Handwerk pfuschen?
Kandel: Darüber macht er sich keine Sorgen. Ich bin nicht wichtig genug.

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