Wie nahe liegt das große Europa an der eigenen Heimat? Dieser Frage geht das Grazer Theater im Bahnhof in seiner Europa-Trilogie nach. Aktuell ist der erste Teil – „Blind Date Ost“ – zu sehen.
Kann man ein Blind Date mit einem ganzen Kontinent haben? Das Theater im Bahnhof hat es versucht und dafür den Plan der Grazer Linien über eine Europa-Karte gelegt. Der Ort, der bei dieser Überlagerung der Wohnung des jeweiligen Ensemblemitglieds am nächsten lag, wurde zum Ziel für eine Recherchereise. Nun sind die Darsteller zurück und berichten über ihre Blind Dates mit Europa.
Clowns am Kühlschrank Europas
Juliette Eröd, Lorenz Kabas, Monika Klengel und Rupert Lehofer hat es dabei in den Osten verschlagen: Sie haben ein Steam-Punk-Museum im rumänischen Cluj besucht und einen chaotischen Kunsthändler im tschechischen Ostrava getroffen, sind im polnischen Wroclaw für das Erbe des Avantgarde-Vorreiters Jerzy Grotowski entbrannt und standen im litauischen Kaunas vor in Beton gegossenen Sowjet-Ideologien.
Sichtlich verändert sind die Darsteller von ihren Reisen zurückgekehrt – nämlich als Clowns, die sich nun auf der Bühne einen Kühlschrank teilen, in dem die lukullischen Mitbringsel der Reise auf ihren Verzehr warten. Doch wem steht wieviel davon zu?
Ausloten des Status quo Europas
Schnell wird klar, dass es hier freilich um mehr als schnöde Reiseberichte geht. Es geht um ein Ausloten des Status quo Europas, und in diesem ersten Teil vor allem auch um den Holocaust als historische Tragödie, die die Gründung einer Gemeinschaft wie der EU überhaupt erst möglich gemacht hat.
Und es geht letztlich auch darum, dass es ein schier unmögliches Zirkusstück ist, Europa als ein Ganzes, als eine Geschichte zu erzählen. Jeder, der es versucht, muss fast gezwungenermaßen zum Clown verkommen, der nichts Neues mehr zu sagen hat, sondern nur die alten Hits als Playback zum Besten gibt.
Gekonnt überschneidet dieser erste Abend der Europa-Trilogie (entwickelt von den Darstellern mit Heike Barnard und Helmut Köpping) bitterböse Komik mit essayistischer Tragik – zu sehen bis 20. April. Am 26. April feiert dann das „Blind Date Mitte“ Premiere und am 10. Mai das „Blind Date West“.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.