Fr, 22. Juni 2018

Tierische Vermittler

09.03.2012 16:08

Auch Schimpansen haben laut Studie Streitschlichter

Nicht nur Menschen holen bei einem Streit gerne eine dritte Meinung ein. Auch bei Schimpansen vermitteln - wenn auch eher selten – Unbeteiligte in heiklen Konfliktsituationen, wie Forscher nun bei Beobachtungen in Zoos in der Schweiz, den Niederlanden und Großbritannien herausgefunden haben.

Konfliktmanagement sei für das Zusammenleben sozialer Gruppen von großer Bedeutung. Es sei erstaunlich, dass auch Schimpansen in der Lage seien, bei Streit zugunsten des Friedens in der Gruppe zu vermitteln, ohne selbst einen direkten Vorteil zu haben. Das unparteiisches Eingreifen der Primaten bei einem Streit – das so genanntes "Policing" – könne als evolutionäre Vorform von moralischem Verhalten betrachtet werden, schreiben die Forscher im Fachmagazin "PLoS ONE".

Schimpansen in Zoos beobachtet
Das Team um die Anthropologen Carel van Schaik and Claudia Rudolf von Rohr von der Universität Zürich hatte zunächst eine aus elf Schimpansen bestehende Gruppe im Zoo Gossau in der Schweiz beobachtet. Es wurde nur das natürliche Verhalten ausgewertet - und nicht etwa Streit provoziert. Die Gruppe bestand aus zwei erwachsenen und einem jungen Männchen sowie sechs erwachsenen und zwei jungen Weibchen.

Drei der ausgewachsenen Weibchen waren erst kurz zuvor zur Gruppe gekommen. Bald nach Beginn der Studie wurden drei weitere erwachsene Weibchen in die Gruppe gebracht, zudem gab es Rangordnungskonflikte zwischen den beiden erwachsenen Männchen. Die Gruppe sei daher während der Untersuchung sehr instabil gewesen und habe viel Potenzial für Rangeleien geboten. Daten darüber wurden vom Februar 2007 bis November 2008 erfasst. Im Anschluss wurden die Ergebnisse mit Aufzeichnungen verglichen, die zuvor bei Studien mit drei weiteren Schimpansen-Gruppen in den Zoos in Basel, Chester (Großbritannien) und Arnheim (Niederlande) erstellt worden waren.

Hochrangige Tiere als Streitschlichter
Konflikte entstünden bei Schimpansen vor allem bei Weibchen im Wettstreit um Futter sowie bei Männchen um den Zugang zu Weibchen, erläutern die Forscher in "PLoS ONE". Bei der Gossauer Gruppe seien insgesamt 438 Konfliktsituationen erfasst worden, bei 69 habe sich ein unparteiischer Vermittler eingemischt. Als Schlichter wurde stets nur eines der beiden ranghohen Männchen aktiv, schrieben die Forscher. Oft habe es genügt, wenn sich das jeweilige Männchen den Streithähnen näherte, in einigen Fällen habe es den Kontrahenten aktiv gedroht oder sich zwischen diese gestellt. 60 der 69 Schlichtungsversuche seien erfolgreich gewesen.

Ähnliches ergab die Auswertung der Ergebnisse in den anderen Gruppen. In den Zoos in Chester und Arnheim vermittelten allerdings auch ranghohe Weibchen bei Streitigkeiten. Für den Vermittler sei die Schlichtung zwischen aufgebrachten Affen nicht ungefährlich, schreiben die Forscher. Mitunter ziehe er oder sie die Aggressionen auf sich. Möglicherweise seien deshalb vor allem ranghohe Tiere Schlichter.

Stabilität in der Gruppe Überlebensvorteil
Mehr Stabilität in der Gruppe sei ein wichtiger Überlebensvorteil, das Engagement von Vermittlern deshalb ein evolutionärer Vorteil. "Das Interesse für Gemeinschaftsangelegenheiten, das bei uns Menschen hoch entwickelt ist und die Basis für unser moralisches Verhalten bildet, hat tief reichende Wurzeln", wird von Rohr zitiert. "Es lässt sich auch bei unseren engsten Verwandten beobachten."

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